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INDONESIEN Sturz in die Finsternis

Religiöser und ethnischer Haß haben eine Orgie der Gewalt ausgelöst. Indonesien versinkt in Chaos und Anarchie, Präsident Habibie wirkt hilflos.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Jeden Abend verkündete der Bauer Khudlori in einer kleinen Moschee des Ortes Banyuwangi das Wort Allahs. Eines Nachts fand sein gottesfürchtiges Leben ein jähes Ende: Schwarz gekleidete Männer, das Gesicht hinter dunklen Masken verborgen, erwürgten und erstachen den Vater zweier Kinder, die Leiche warfen sie auf die Terrasse des Hauses.

Eine mysteriöse Mordserie versetzt die Menschen auf Java in Angst und Schrecken. Koranlehrer Khudlori, 47, ist nur eines von mittlerweile über 250 Opfern. »Ninjas« nennen die Indonesier die vermummten, mit langen Messern bewaffneten Killer.

Auf ihrer Todesliste stehen neben frommen Predigern wie Khudlori auch Hexer, Zauberer, Geisterseher und Wahrsager, an die viele Javaner fest glauben. Inzwischen wurden auch Menschen gelyncht, die zu Unrecht für Ninjas gehalten wurden: Der Mob vergreift sich an Geisteskranken, weil das abergläubische Volk annimmt, die schwarzen Mörder würden nach der bösen Tat den Verstand verlieren.

Die Ninja-Morde sind Teil einer ungeheuerlichen Gewaltserie. Nach dem Rücktritt des diktatorischen Präsidenten Suharto kommt das Reich der über 17 000 Inseln mit seinen 205 Millionen Menschen nicht mehr zur Ruhe - Indonesien, zerrissen von ethnischem und religiösem Haß, scheint unaufhaltsam in Chaos und Anarchie abzugleiten.

Die Bürgermeister in Kleinstädten und Dörfern schaffen es oft nicht mehr, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Polizisten und Soldaten sind demoralisiert und haben an Autorität verloren, da manche ihrer Offiziere als Entführer und Folterer entlarvt wurden.

Das hemmungslose Töten ist das Ergebnis von Angst, wirtschaftlicher Verelendung und politischer Lähmung. Die Schwelle der Gewalt scheint mit jedem Tag niedriger zu werden. Militärs erschossen am 13. November in Jakarta protestierende Studenten und schlugen wild auf Demonstranten ein, die bereits schwerverletzt auf dem Pflaster lagen.

Die Zeiten sind günstig, alte Rechnungen mit Gegnern zu begleichen und Sündenböcke für den Sturz in die Armut zu suchen. Es ist die Stunde politischer Fanatiker und religiöser Sektierer, die von einem islamischen Staat Indonesien träumen. Fast 90 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, schon tauchten Bilder des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Chomeini bei Demonstrationen auf.

In der christlichen Diaspora Kupang auf Westtimor brannten Anfang voriger Woche Jugendliche mehrere Moscheen und Geschäfte muslimischer Zuwanderer nieder. Sie reagierten damit auf Pogrome wenige Tage zuvor im Zentrum von Jakarta. Dort war das Gerücht umgelaufen, christliche Ambonesen von der Inselgruppe der Molukken hätten eine Moschee angezündet. Daraufhin zog eine randalierende Menge durch die Straßen, fackelte Kirchen, Schulen und einen Spielsalon ab.

Die Muslime erschlugen sechs Menschen, die sie für Christen hielten. Einer der Ermordeten, Jimmy Siahae, 45, hatte einen Schädelbruch, drei Lungendurchstiche, ein herausgerissenes Auge und über 30 Stichwunden am Körper, wie die Autopsie ergab. Vergebens hatte der Chef der örtlichen Moschee, Hakim Hasbulla, die zwei Dutzend Angreifer zurückzuhalten versucht.

Die Konflikte brächen nicht spontan aus, sie seien kaltblütig geplant, meint Abdurrahman Wahid, liberaler Chef der Nahdlatul Ulama (NU), der Vereinigung der Religionsgelehrten mit über 30 Millionen Mitgliedern: »Das ist ein klarer Versuch, religiöse Gruppen gegeneinander aufzuhetzen.«

Auch hinter den Ninja-Morden vermutet Wahid handfeste politische Interessen. Wie schon bei den Unruhen im Mai, bei denen in Jakarta 1200 Menschen ums Leben kamen und Dutzende chinesischstämmiger Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden, könnten konservative Militärs und Teile der alten Elite als Drahtzieher agieren. Wahid glaubt, daß diese Kreise vorsätzlich »die Stabilität der Nation gefährden, damit die für Juni 1999 geplanten demokratischen Wahlen abgesagt werden«.

Muhammad Hikam vom Indonesischen Institut für Wissenschaften sieht ebenfalls reaktionäre Kräfte hinter der Gewaltorgie: Suharto-treue Militärs wollten Chaos schaffen, um einen Putsch zu rechtfertigen. Nur so könnten sie verhindern, daß die Vergangenheit Suhartos, 77, und der enorme Reichtum seiner Familie durchleuchtet würden. Und nur so könnten sie die Opposition zum Schweigen bringen, die energisch von der Armee verlangt, ihre politische und wirtschaftliche Rolle aufzugeben und in die Kasernen zurückzukehren.

Für die Verschwörungstheorie spricht einiges: Bei den Studentendemonstrationen in Jakarta schossen Soldaten entgegen Befehlen des Armeechefs Wiranto scharf. 130 Soldaten sollen sich nun wegen Ungehorsams verantworten.

In Kupang wurden jugendliche Brandstifter laut Zeugenaussagen auf Lastwagen von weit außerhalb der Stadt herantransportiert. Und die schwarzen Todesboten auf Java trugen, wie Anwohner berichteten, militärisch kurzen Haarschnitt, waren offenkundig gut gedrillt und zuweilen mit Sprechfunkgeräten ausgerüstet.

Sie seien in Camps der Eliteeinheit »Kopassus« trainiert worden, gestanden einige Verdächtige lokalen NU-Mitgliedern. Diese Truppe führte bis zum Frühjahr der inzwischen aus der Armee entlassene Generalleutnant Prabowo Subianto, ein Schwiegersohn des Ex-Diktators Suharto.

Auffällig ist auch die Unfähigkeit oder der fehlende Wille von Armee und Polizei, die Gewaltausbrüche zu verhindern. Soldaten standen untätig daneben, als in Jakartas Gajah-Mada-Straße Mullahs von der »Front zur Verteidigung des Islam« die mit Stöcken, Hackmessern und Sicheln bewaffnete Menge stundenlang aufwiegelten: »Tötet die Christen.«

Wenige hundert Meter weiter, in einer Gasse an der Moschee, verhörten Bewohner des Viertels einen angeblichen christlichen »Zeugen": Tahan Manahan Simatupang, 22. Er sei von chinesischstämmigen Bürgern angestiftet worden, das Gotteshaus anzuzünden, preßte der gefesselte Mann zwischen geschwollenen und aufgeplatzten Lippen hervor.

Der arme Teufel wurde Stunden später grausam zu Tode gestochen, seine Mörder schnitten ihm Ohren und Geschlechtsteil ab. Die Militärs, nur 100 Meter entfernt, versuchten nicht einmal, ihn aus den Fängen der Täter zu befreien.

Gewalt in politischen Umbruchzeiten hat in Indonesien eine unheilvolle Tradition. Mitte der sechziger Jahre, kurz vor Suhartos Machtantritt, hatte das Militär einen angeblichen Putschversuch der Kommunisten niedergeschlagen. In den folgenden Pogromen wurden rund eine halbe Million Menschen abgeschlachtet.

Präsident Habibie und sein Armeechef Wiranto versuchen derweil, die Ordnung wiederherzustellen, indem sie mehr Soldaten rekrutieren. Doch immer wieder flackern an verschiedenen Orten Unruhen auf. Indonesien gleicht inzwischen einem Pulverfaß, das jeden Augenblick explodieren kann.

Ob Habibie und Wiranto geeignet sind, die brennende Lunte zu löschen, scheint fraglich. Habibie, politisches Ziehkind Suhartos, ist eingeklemmt zwischen den Kräften des alten Regimes und der Opposition, die verlangt, mit der dunklen Vergangenheit der Suharto-Ära aufzuräumen. Wiranto kommandiert eine Armee, die im Ernstfall nicht immer seinen Befehlen gehorcht, wie sich auf den Straßen Jakartas herausstellte.

Um zumindest die ständigen Protestmärsche der Studenten in den Großstädten zu stoppen, gab Habibie Mitte letzter Woche ihrem Druck nach und ordnete an, die Herkunft des Vermögens von Suharto gerichtlich zu untersuchen. Täglich erfahren die Indonesier jetzt mehr über den Reichtum der Familie: So besitzen der Präsident, seine Kinder und Freunde allein auf Borneo und in Irian Jaya mindestens drei Millionen Hektar Wald - eine Fläche von der Größe Belgiens.

Wenn Suharto tatsächlich der Prozeß gemacht würde, so drohte der Anwalt des Ex-Diktators, Yohannes Yacob, werde er auch andere korrupte und unehrliche »Regierungsmitglieder, ehemalige Beamte und Freunde mit hinunterziehen«. Wen Yacob vor allem meinte, war klar: Präsident Habibie. ANDREAS LORENZ

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