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RUNDFUNK Stuttgarter Junktim

aus DER SPIEGEL 12/1954

Es war eine etwas ungewöhnliche Tagesordnung, zu deren nichtöffentlicher Beratung der 32köpfige Rundfunkrat des Süddeutschen Rundfunks zum 8. März einberufen worden war. Sie hieß schlicht: Vorbereitung der Wahl beziehungsweise Wahl des Intendanten.

Zur Wahl kandidierte nur der Mann, der schon fast fünf Jahre lang Intendant des Stuttgarter Rundfunks ist, der 57jährige Sozialdemokrat Dr. Fritz Eberhard. Der Publizist Friedrich Sieburg hatte eine Kandidatur abgelehnt, und Dr. Alfred Bofinger, 63, der ehemalige Intendant von Radio Stuttgart, war noch nicht gefragt worden, ob er gegen Eberhard antreten wolle.

So wäre die Auswahl für die Rundfunkratsmitglieder nicht groß gewesen. Da nun eine Reihe von ihnen durchaus nicht der Ansicht war, daß Dr. Fritz Eberhard weiterhin Intendant sein solle, war ihnen daran gelegen, die Wahl weiter zu verschieben, um nach anderen Kandidaten Ausschau zu halten.

Sie sahen sich jedoch von der Majorität vor ein ungewöhnliches Junktim gestellt: Wenn ihr unserer Entschließung nicht zustimmt, wird heute schon gewählt. Und so verabschiedeten alle Rundfunkratsmitglieder eine Entschließung, in der es heißt:

* »Der Rundfunkrat weist nachdrücklichst und einstimmig die von bestimmter Seite gegen den Intendanten des Süddeutschen Rundfunks (Dr. Fritz Eberhard) erhobenen Vorwürfe zurück, insbesondere solche, die sich auf Vorgänge während seiner Emigrationszeit beziehen.«

Mit fast der gleichen Einstimmigkeit setzte der Rundfunkrat darauf als Intendanten-Wahltermin den 29. März fest.

Die Vorwürfe gegen den Intendanten Eberhard, von denen die Rundfunkräte sprechen, finden sich zusammengefaßt in der

* »Denkschrift zur bevorstehenden Intendantenwahl im Süddeutschen Rundfunk« des Dr. Erich Burger, stellvertretenden Vorsitzenden und Geschäftsführers im »Zentralverband südwestdeutscher Rundfunkhörer«, und in dem

* »Bericht über das Intendantenproblem bei Radio Stuttgart«, der vom deutschen Industrieinstitut in Auftrag gegeben worden war.

Die beiden Schriften sollen beweisen, daß der Dr. Fritz Eberhard nicht der Mann sei, den man nach knapp fünf Intendantenjahren wiederwählen könne.

Die rührigen Publizisten erinnern daran, daß Dr. Fritz Eberhard einen Teil seiner bewegten Vergangenheit in England verbracht und daselbst 1939 ein Buch »How to conquer Hitler« (Wie Hitler besiegt werden soll") geschrieben hat*).

Im letzten Kapitel dieses Buches beschäftigt sich Eberhard mit den Forderungen der Alliierten, die nach Kriegsende an Deutschland gerichtet werden würden: »Diejenigen, die zum zweitenmal in einem von Deutschland begonnenen Krieg siegreich waren, werden die Waffen gewiß nicht niederlegen, ehe sie nicht einen greifbaren Beweis der friedliebenden Haltung des neuen Deutschland in Händen haben.

»Einige ihrer Forderungen mögen sein Teilung des Deutschen Reiches in eine Reihe kleiner Staaten, Gebietserweiterungen der Nachbarstaaten auf Kosten Deutschlands, eine ständige Besatzungsarmee auf deutschem Boden.

»Polen könnte zum Beispiel, wenn es sich Ostpreußen einverleibt, einen sichereren

*) Jarrolds Publishers Limited. London 1940. Zugang erhalten als den Korridor. (Nachdem Hitler selber die Umsiedlung riesiger Volksmassen angekündigt und sogar durchführt, würde es nicht als übertriebene Forderung erscheinen, Ostpreußen solle von seinen deutschen Bewohnern geräumt und zu einer polnischen Provinz werden.

»Wieweit die alliierten Regierungen mit dieser Forderung gehen werden, wird teilweise davon abhängen, wieweit deutsche Antifaschisten anderen Antifaschisten andere Garantien gegen einen deutschen Angriff geben können.«

Und weiter: »Ein bedeutsamer Schritt zur europäischen Einheit könnte darin bestehen, daß das zur führenden Rolle in einem künftigen europäischen Staatenbund berufene französische Volk das französische Staatsbürgerrecht an einem möglichst großen, sorgfältig auszuwählenden Kreis deutscher Demokraten verleiht.«

Nun ist es zu billig, Dr. Fritz Eberhards Nichteignung für den Intendantenposten nur aus diesen Sätzen abzuleiten, die von seinen Gegnern häufig noch so sinnentstellend zitiert werden, als sei das, was als Absicht der Alliierten gekennzeichnet ist, Eberhards eigene Meinung.

Dabei stehen einem Kritiker eine Reihe anderer Fakten zur Verfügung, auf die er seine Kritik aufbauen kann. Die Kernfrage bleibt: Ist ein Mann nicht überfordert, der zeit seines Lebens ein politisch scharf profilierter Feuerkopf mit radikalen Ansichten gewesen ist - bei Eberhard sind es ganz linke sozialistische Ansichten - , wenn er schließlich Intendant einer unabhängigen Rundfunkstation wird?

Als der Intendant des Süddeutschen Rundfunks geboren wurde - es war 1896 in Dresden - , da hieß er mit Vornamen weder Fritz noch mit Zunamen Eberhard. Er hieß vielmehr Hellmut Baron von Rauschenplat. Er ist »Sohn einer sächsischen Hofdame«, wie sein Parteifreund Professor Carlo Schmid in Eberhards Funkhaus viele Jahre später aufs Tonband sprach. Vater war ein Baron von Rauschenplat, die Mutter eine geborene von Bose.

Im Jahr 1922 stand der junge Baron mit dem EK des ersten Weltkrieges schon in den Reihen der SPD. (Er trat zu gleicher Zeit aus der evangelischen Kirche aus.) Sein Weg führte ihn im Jahr 1938 in die britische Emigration.

Hellmut von Rauschenplat hatte sich in diesen Jahren eine Reihe von Pseudonymen zugelegt:

* Fritz Werkmann

* Fritz Kempf

* Hans Schneider

* Fritz Eberhard

Das letzte dieser Pseudonyme hat der Baron sich schließlich nach seiner Rückkehr aus England vom württembergbadischen Innenminister und Parteifreund Fritz Ulrich legalisieren lassen. Und zwar gestattete Innenminister Ulrich dem Hellmut von Rauschenplat mit der Verfügung VII/B/772/2 unter dem 10. Februar 1947, sich fortan Fritz Eberhard zu nennen,

* weil von Rauschenplat unter dem von ihm beantragten Namen bei Widerstandsgruppen in Deutschland und auch im Ausland gewirkt hatte;

* weil er von der SPD bereits am 30. Juni 1946 unter dem Namen Dr. Fritz Eberhard als Landtagsabgeordneter nominiert worden war und

* weil er schon am 17. Januar 1947 von Ministerpräsident Reinhold Maier im Einvernehmen mit dem Ministerrat als

Dr. Fritz Eberhard zum Staatssekretär ernannt worden war.

Mit anderen Worten: Rauschenplat war, ehe noch der Name amtlich geändert wurde, unter einem falschen Namen in den württemberg-badischen Landtag gekommen und zum Staatssekretär avanciert.

Seine ersten Funkerfahrungen hatte Eberhard in der englischen Emigration gesammelt, nämlich als Berater der BBC London für das »Political Intelligence Work«. Folgerichtig war Eberhard nach Kriegsende vom Juni 1945 bis Mai 1946 Propagandaberater von Radio Stuttgart In der Rundfunktätigkeit Fritz Eberhards klafft dann eine Zeitlücke, in die sein politischer Nachkriegswerdegang fällt. Die Etappen:

* Wahl in den Landtag von Württemberg-Baden (1946),

* Berufung als Staatssekretär mit der besonderen Aufgabe, einen deutschen Friedensvertrag vorzubereiten (1947),

* Leitung des »Deutschen Büros für Friedensfragen« in der amerikanischen Besatzungszone (1947),

* Mandat im Parlamentarischen Rat (1948/49).

Im August 1949 kam dann die neue Rundfunkzeit des allround-Mannes Eberhard. Sie begann mit der Wahl zum Intendanten des Süddeutschen Rundfunks an Stelle des ausscheidenden Parteifreundes Erich Roßmann.

In diesem Amt nun hat Eberhard nach Ansicht der Denkschriften-Autoren versagt. »Obwohl der deutsche Rundfunk

satzungsgemäß jeder Parteipolitik entzogen bleiben sollte, zeigte sich sehr rasch, daß sich mit Dr. Eberhard eine deutlich erkennbare, wenn auch sehr eigenwillige politische Tendenz... durchzusetzen begann«, polemisiert Rundfunkhörer Dr. Erich Burger.

Die in vertraulichen Rundschreiben aufgestellte Behauptung, der Plan, Eberhard wiederzuwählen, sei das Ergebnis eines Kuhhandels zwischen dem Rundfunk-Verwaltungsratsvorsitzenden Dr. h. c. Alex Möller (SPD) und dem Rundfunkratsvorsitzenden Dr. Gaa (CDU), wird von den drei Betroffenen energisch bestritten.

In den Rundschreiben war behauptet worden, Alex Möller, Vorsitzender der Stuttgarter SPD-Landtagsfraktion, habe dem Christlichen Demokraten Dr. Gaa im vergangenen Herbst die SPD-Stimmen zugeführt, als Gaa zum Landrat gewählt wurde. Dies sei unter der Voraussetzung geschehen, daß CDU-Gaa sich seinerseits als Rundfunkrat für eine Wiederwahl Eberhards einsetze.

Aber auch andere Bedenken wurden in dem Rundschreiben bilanziert. Dabei stehen auf Eberhards Soll-Seite

* der Verwaltungsneubau in der Stuttgarter Neckarstraße an Stelle von dringend erforderlichen Neuerungen in den veralteten Studios,

* die Fehlkalkulationen beim Ausbau der »Villa Berg«, der wegen Geldmangels steckenblieb,

* der »Italien-Wettbewerb« und

* die Tonbandaffäre.

Die beiden letzten Punkte belasten vor allen Dingen Eberhards publizistisches

Konto. Der Italien-Wettbewerb, in dessen Verlauf auf Eberhards Idee hin Hörer mit der schlechtesten Meinung von Italien dorthin geschickt wurden, um sie eines Besseren zu belehren, endete mit einem ausgesprochenen Finanzfiasko. Auf Befragen des Rundfunkratsmitgliedes Wilhelm Keil (SPD) nannte Intendant Eberhard am 24. März 1952 die Summe von »schätzungsweise 20 000 bis 25 000 Mark«. Die endgültigen Kosten, die dem Rundfunkrat nicht offiziell mitgeteilt worden sind, belaufen sich auf rund 120 000 Mark.

Die Tonbandaffäre - Eberhard hatte Rundfunkangestellte entlassen, weil sie kritischen Äußerungen Carlo Schmids über ihn nicht widersprochen hatten - kostete eine 50 000-Mark-Zahlung an den entlassenen Unterhaltungschef Schneider.

Ein fünfter Posten auf der Soll-Seite: Eberhard hatte über den Kopf des Verwaltungsrates den Auftrag zum Bau der technischen Anlagen des Fernsehsenders Stuttgart-Degerloch ursprünglich an die Siemenswerke vergeben, obwohl die Lorenz A.G. einen zunächst günstigeren Preis angeboten hatte.

Direktor bei Siemens ist der von der Industrie- und Handelskammer in den Rundfunkrat delegierte Freiherr von Preuschen, der außerdem als Vorstand des »Galerie-Vereins« laufend überschießende Mittel aus dem Werbefunk für kulturelle Zwecke bekommt. (Der Auftrag an Siemens ist inzwischen storniert. Beide Angebote, das von Lorenz und das von Siemens. sollen noch einmal überprüft werden.)

Nun haben die Eberhard-Gegner im Rundfunkrat durch ihre Unterschrift unter die Ehrenerklärung für den Intendanten noch Zeit behalten, bis zum 29. März einen Gegenkandidaten aufzubauen. Schon kursiert in den üblichen interessierten Kreisen ein weiteres einschlägiges Pamphlet, das diesen Gegenkandidaten schmackhaft machen soll: die Abschrift des Spruchkammerurteils über Dr. Alfred Bofinger, den ehemaligen und erhofften zukünftigen Intendanten von Radio Stuttgart.

Bofinger ist nicht belastet. Das Spruchkammer-Urteil singt auf sechs Seiten ein Loblied auf diesen braven Rundfunkmann.

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