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»Suche nach dem Schneemenschen«

Tatsache ist, daß niemand heutzutage genau weiß, was eigentlich die Außenpolitik dieser Regierung ist. Professor Zbigniew Brzezinski, 1974
aus DER SPIEGEL 52/1977

Jeden Morgen um 8.30 Uhr spricht er als erster den Präsidenten. Sein Büro im Westflügel des Weißen Hauses ist nur ein paar Meter von Jimmy Carters Oval Office entfernt. Über seinen Tisch läuft praktisch alles, was mit Amerikas Außenpolitik zu tun hat.

Zbigniew ("Zbig") Brzezinski, 49, »Sonderberater für Fragen der Nationalen Sicherheit«, gilt als Carters wichtigster Vertrauensmann für alle außenpolitischen Fragen. Manche Kritiker, wie der linke Autor Craig S. Karpel, halten ihn für den »wahren Präsidenten der USA«.

Auf jeden Fall suchte -~- und fand -Brzezinski in den zwölf Monaten seit seiner Berufung häufiger das Rampenlicht als sein zu Karriere-Beginn durchaus noch zurückhaltender Amtsvorgänger Henry Kissinger.

Gerade zum Sicherheitsberater ernannt, Wochen noch vor seinem Amtsantritt, gab Brzezinski bereits Grundsatzerklärungen über die Verbesserung der Beziehungen zur Sowjet-Union und über die Satt-Verhandlungen ab. Carlers designierter Außenminister Cyrus Vance hingegen, ein erfahrener Diplomat schwieg: Noch regierten schließlich Ford und Kissinger.

Brzezinski. nicht der Außenminister, erläuterte auf einer internationalen Tagung im Oktober dieses Jahres in Bonn die Außenpolitik der USA.

Die Handschrift des Sicherheitsberaters ist unverkennbar in der Nahostpolitik der Regierung Carter, deren erklärtes, beinahe utopisch anmutendes Ziel es ist, Israels Frieden mit seinen Nachbarn keineswegs Schritt für Schritt, sondern sogleich allumfassend zu lösen.

Brzezinski war es auch, der im Sommer laut überlegte, ob nicht im Falle eines sowjetischen Überraschungsangriffs auf Europa ein Drittel der Bundesrepublik Deutschland kampflos aufgegeben werden solle (SPIEGEL 38/1977).

Und was Jimmy Carter selbst zur Außenpolitik verkündet, ist nur allzuoft reiner Brzezinski: so der Carter-Grundsatz, die Moral müsse wieder ein Instrument amerikanischer Außenpolitik werden -- nicht nur gegenüber Gegnern, sondern auch gegenüber Freunden, die ohne Rücksicht auf die Gefahr der Atomwaffenausbreitung nahezu wahllos Kernkraftwerke exportieren.

»In den vergangenen zwei oder drei Jahren«, so gibt der außenpolitische Neuling Jimmy Carter zu, »war ich ein eifriger Schüler« des Mannes, der sieh mit einer Flut von Publikationen (acht Bücher, etwa 200 Aufsätze) und grandiosen Konzeptionen als Kissinger-Alternative profiliert hatte.

Der Professor mit dem auch für Amerikaner schwer auszusprechenden Namen dirigierte im Wahlkampf den 28 Mann starken Carter-Stab für Fragen der Außenpolitik und Verteidigung. »Hat Brzezinski das gesehen?«, lautete Carters Standard-Frage, sobald ihm ein Papier zur Außenpolitik vorgelegt wurde.

Brzezinski bereitete Carter auf dessen entscheidende außenpolitische TV-Debatte mit Gerald Ford vor. Er war Carters intellektuelle Waffe gegen Fords intellektuellen Außenpolitiker Henry Kissinger.

Dessen Fehler, so lamentierte Brzezinski, seien einzig auf eine »fundamentale Fehlinterpretation unserer Zeit« zurückzuführen. Kissinger habe durch seine spektakulären Auftritte »abgelenkt von den wichtigeren Fragen« der amerikanischen Außenpolitik, er habe sich als Akrobat versucht, wo man doch einen Architekten brauchte.

Das macht sich gut im Wahlkampf. Das machte sich vor allem gut aus dem Munde oder der Feder eines Mannes, der mit einer ähnlichen akademischen (und sogar persönlichen) Vergangenheit aufwarten konnte wie Kissinger: beide Professoren, beide angesehene Wissenschaftler, Immigranten und Günstlinge der Rockefeller-Dynastie: Kissingers Gönner war Nelson, der spätere Vizepräsident; Brzezinskis Freund ist David Rockefeller, der Chef der Chase Manhattan Bank.

Und Brzezinski hielt die neuen Metaphern bereit: Die Welt stehe am Beginn eines neuen, des »technotronischen« Zeitalters, mit Technologie und Elektronik als den dominierenden Kräften. in dem Amerika durchaus die Chance habe, erneut die Führung zu übernehmen. Brzezinski:

* »Wir befinden uns in einer Phase der Geschichte, in der die Vereinigten Staaten erneut einen schöpferischen Prozeß in Gang setzen müssen, um ein neues Welt-System zu schaffen.«

* »Dies ist fraglos eine neue Ära amerikanischer Kreativität, diesmal ausgehend von der Notwendigkeit einer erheblich engeren Zusammenarbeit mit anderen (Völkern), als es zwischen 1945 und 1950 der Fall war -- zu einer Zeit, als wir uns einer ähnlichen schöpferischen internationalen Anstrengung unterzogen.«

* »Wir möchten die Sowjets in diese Zusammenarbeit auf einer gleichberechtigten und verantwortlichen Basis mit einbeziehen.«

Es war -- doch das fiel zunächst nur den wenigen auf, die die Werke Brzezinskis genau gelesen hatten -- schon wieder ein neues Weltbild des Professors. Erst nach seiner Ernennung zum Sicherheitsberater, nach seinem Einzug ins Weiße Haus, wo er sich als Architekt bewähren sollte (und wollte), machten sich zunehmend mehr Historiker, Politologen und Publizisten die Mühe, Weltanschauung und Standort des Ideen-Produzenten Brzezinski gründlich zu untersuchen.

»Die Beschäftigung mit Brzezinskis Persönlichkeit und seinem politischen Standort«, folgerte der Journalist Robert Scheer, »gleicht der Suche nach dem Schneemenschen -- das Tier hinterläßt obskure und schwer faßbare Anhaltspunkte, die Experten sind sich uneins darüber, was diese Anhaltspunkte bedeuten, und während der ganzen Zeit hält sich beharrlich der Verdacht, daß es das Tier gar nicht gibt.«

Frühere Brzezinski-Kollegen tadelten, es fehle ihm die intellektuelle Disziplin. Er produziere Ideen, bevor er sie durchdacht habe, baue auf Prämissen, die nicht sorgfältig genug untersucht worden seien.,, Ich habe ihn ausgequetscht wie eine Zitrone«, wurde ein Wort des früheren Außenministers Dean Acheson überliefert, »aber da kam nichts.«

Ein ehemaliger Studienkollege Brzezinskis, der Harvard-Professor Stanley Hoffmann: »Er hätte ein absolut erstklassiger Gelehrter werden können. Er hatte das Zeug dazu. Seine ersten Bücher waren sehr gut. Meines Erachtens hat er dieses Talent ein wenig prostituiert, um Macht zu erlangen.«

»Intellektueller Opportunismus« lautet denn auch das Schlagwort, mit dem manche Brzezinski-Kritiker den zuweilen recht halsbrecherischen Zickzackkurs des Polit-Professors definieren.

Während des größten Teils seiner akademischen Karriere war er -- nicht überraschend angesichts seiner polnischen Abkunft -- starr auf die Sowjet-Union und Osteuropa fixiert, mit wechselnden Erkenntnissen und Empfehlungen.

So sah er etwa im Stalinismus ein sich stets regenerierendes, praktisch unsterbliches Phänomen. Die 1956 von Chruschtschow eingeleitete Entstalinisierung überraschte ihn dann.

Amerikanern und Deutschen empfahl er 1964, sich mit den Staaten Osteuropas so zu arrangieren, daß die DDR isoliert und »als Hindernis für Moskau« schließlich dem Westen in die Hände fallen würde. 1965 schlug er dem Westen vor, er solle versuchen, sämtliche osteuropäischen Staaten von der Sowjet-Union abzuspalten.

Wadim Sagladin aus der internationalen Abteilung des Moskauer ZK glaubt, es sei Brzezinski gewesen, der den Begriff des Eurokommunismus erfunden habe, »mit einem antisowjetischen Ziel im Hinterkopf«, die Einheit des Weltkommunismus zu zerstören.

Als sich die ersten Knospen des Prager Frühlings zeigten, dämpfte Brzezinski alle Hoffnungen: Die Tschechoslowaken seien viel zu sanftmütig, um jemals eine Revolution zu veranstalten. Im übrigen liege es auch nicht im Interesse der USA, sie dazu zu ermutigen, weil es für Amerika möglicherweise schwieriger sei, mit einer unabhängigen CSSR zu verhandeln.

Als denn doch passierte, was Zbig für unmöglich gehalten hatte, unterstützte er die Tschechen und gab zu verstehen, er habe es von Anfang an erwartet. Brzezinski, so das »Neue Deutschland« noch 1969, wollte »die Konterrevolution in Filzlatschen in die sozialistischen Länder tragen«.

Zu jener Zeit hatte der Gelehrte bereits seine ersten Erfahrungen in der praktischen Politik gesammelt: im politischen Planungsstab des State Department. Dort bewährte er sich, so das Magazin »Newsweck«, das den Professor mit dem Bürstenhaarschnitt schon immer bewunderte, als »einer der Architekten der amerikanischen Außenpolitik«, auf jeden Fall aber als »überzeugender Advokat« ("Time") der Vietnam-Politik des Präsidenten Lyndon Johnson. Brzezinski:

Ob wir es mögen oder nicht, wir sind in eine sehr langwierige Angelegenheit verwickelt ... Wir müssen dem Feind klarmachen, daß wir das nötige Durchhaltevermögen besitzen -- wir sind bereit, 30 Jahre weiterzumachen, und wir sind nun mal reicher und mächtiger ... Ein Land wie die Vereinigten Staaten kann sich nicht in dem Ausmaß engagieren, in dem wir das getan haben, und dann abhauen. Die Folgen eines Abzugs wären weit kostspieliger als die Aufwendungen fürs Weitermachen.

Vor Studenten, die ihn während eines Sit-ins nach seiner Tätigkeit im Planungsstab befragten, flüchtete sich Brzezinski in schwarzen Humor: »Hoffentlich haben Sie keine weiteren Fragen, damit ich in mein Büro zurückkehren und weitere Völkermorde planen kann.«

1968 machte dann der demokratische Präsidentschaftskandidat Hubert Humphrey den Professor zu seinem außenpolitischen Ratgeber. Nun propagierte Zbig einen Waffenstillstand in Vietnam, weil sich »die Verhältnisse, die unsere ursprüngliche Intervention rechtfertigten, weitgehend geändert haben«. Denn: Bei den Südvietnamesen werde »ein gewisser Grad von politischer Lebenskraft sichtbar«.

Als sich unter Richard Nixon der von Brzezinski insgeheim bewunderte Henry Kissinger mit Nachdruck auf Entspannung und ein Mächtegleichgewicht mit der Sowjet-Union konzentrierte, trat der »polnische Henry« (Washingtoner Spitzname) plötzlich mit der Erkenntnis an die Öffentlichkeit, die Welt -- und damit ist bei ihm die zivilisierte Welt gemeint -- sei nur noch durch ein Dreiecksverhältnis zu retten:

Wenn die Industriestaaten Amerikas und Westeuropas sowie Japan nicht gemeinsam darangingen, die großen und drängenden, vor allem auf den Gegensatz zwischen Nord und Süd ausgerichteten Fragen zu bewältigen, seien sie dem Untergang geweiht.

»Das Verhältnis zur kommunistischen Welt«, so Brzezinski, »bleibt ein wichtiges Problem der amerikanischen Außenpolitik, aber möglicherweise eben nicht mehr das zentrale Problem. -- Die trilaterale Zusammenarbeit muß jetzt absoluten Vorrang erhalten.«

Ob ihm die Trilateralismus-Idee selbst gekommen, ob sie ihm von seinem Gönner David Rockefeller als Vehikel für eine Ausweitung und Konsolidierung des Rockefeller-Imperiums eingegeben worden war, oder ob Brzezinski gar eine gedankliche Anleihe bei Kissinger gemacht hatte, bleibt umstritten. Auf jeden Fall war Zbig von Stund an nur noch trilateral und auf »globalen Wandel« (so eine seiner Lieblingsfloskeln) eingestellt.

Sein »Institut für Kommunistische Angelegenheiten« an der New Yorker Columbia University taufte er um in »Forschungsinstitut für Internationalen Wandel«. Und gemeinsam mit Rockefeller gründete er eine »Trilateral Commission«, die sich zur Aufgabe machte, die -- laut Brzezinski -- für die Rettung der Welt unablässige Dreieinigkeit mit allen Mitteln zu fördern.

Brzezinski selbst hielt, als erster Direktor der Kommission, Ausschau nach geeigneten Mitgliedern: einflußreiche Politiker, Industrielle, Anwälte, aber auch hoffnungsvolle Außenseiter, um den Eindruck zu vermeiden, die Kommission sei nichts weiter als ein Klub dei Reichen und der Superreichen.

Einer dieser hoffnungsvollen, aber namenlosen Außenseiter war der Gouverneur des US-Bundesstaates Georgia, Jimmy Carter. Seine Qualifikation: Er hatte mit der Eröffnung von Georgia-Handelsmissionen in Japan und Europa trilaterale Überzeugung bewiesen. Wichtiger aber noch: Durch ihn war auch der Vertretung des von den Yankees unverändert gelächelten Südens der USA Rechnung getragen.

Vermutlich wäre Brzezinskis Trilateral Commission längst als idealistischer Sektierer-Verein in Vergessenheit geraten, hätte nicht eben dieser Jimmy Carter im November vorigen Jahres eine schmale Mehrheit seiner wählenden Landsleute davon überzeugt, daß es gut für sie und Amerika sei, ihn zum Präsidenten der USA zu machen. Als Befähigungsnachweis in der Außenpolitik nannte er unter anderem: »Ich gehöre internationalen Organisationen wie der Trilateral Commission an«

Der dynamische Zbig, von den Sekretärinnen der Columbia University wegen seiner nie erlahmenden Energie »Vitamin Z« getauft, hatte die Präsidentschaftsambitionen des Erdnußfarmers erstaunlich früh ernst genommen -- und sich sofort, so lästert Carter-Autor Karpel, die Rolle des außenpolitischen »Professor Henry Higgins für Eliza Doolittle/Carter« gesichert.

Daß der Trilateralist Carter nach seiner Wahl die Trilateralisten gleich scharenweise um sich sammelte -- neben Brzezinski unter anderen Vize-Präsident Mondale, Außenminister Vance, Verteidigungsminister Brown, Finanzminister Blumenthal, Uno-Botschafter Young -, wertet Karpel als Beweis für den Erfolg der Rockefeller! Brzezinski-Verschwörung.

Tatsächlich aber belegt es wohl kaum mehr als die keineswegs neue Erkenntnis. daß sich amerikanische Präsidenten noch immer gern mit ihresgleichen umgehen haben. Was die Trilateral Commission für Jimmy Carter, war für John F. Kennedy zum Beispiel die Harvard University.

Carters Professor Brzezinski hatte sein Kommissionsamt im übrigen schon Ende 1975 aufgegeben -- und damit auch den Glauben an die trilaterale Rettung der Welt: »30 Jahre nach dem Ende des (Zweiten Welt-)Krieges sind weder Europa noch Japan bereit, eine bedeutende Rolle zu übernehmen, weder in bezug auf die traditionellen noch auf die neuen globalen Probleme.«

Logischerweise -- und weil das im Wahlkampf gewiß auch attraktiver war -- konzentrierte sich Brzezinski wieder auf sein Spezialgebiet und entdeckte, daß die Stabilität des amerikanisch-sowjetischen Verhältnisses durch die sowjetische Aufrüstung und Moskaus Erfolg in Angola gefährdet sei.

Ford und dessen Außenminister Kissinger, klagte nun Carter, seien gegenüber den Sowjets zu nachgiebig gewesen, hätten sich nicht nachdrücklich genug für die Wahrung der Menschenrechte eingesetzt. Amerika, so Brzezinski, werde keine Entspannung akzeptieren, »in der die Sowjets die Regeln aufstellen und die Prioritäten festlegen«.

In einer außenpolitischen Grundsatzrede, die er für Carter schrieb, schlug Brzezinski derart scharfe Töne an, daß Cyrus Vance und Carters damaliger Ghostwriter Patrick Anderson den Text abmilderten, der sich wie ein Traktat des Kalten Krieges las:

Die Sowjet-Union sei »überhaupt keine Konkurrenz«, wenn es darum gehe, den Erwartungen der Menschen Rechnung zu tragen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Selbst die Militärmacht der Sowjets sei, wenngleich beachtlich, für die USA kein gleichwertiger Gegner, wenn es jemals zu einer Konfrontation kommen sollte.

Andererseits: Brzezinski hält, Erkenntnis langjähriger Studien, das sowjetische System für so morsch, daß Amerika eigentlich keine Gefahr aus dem Osten zu fürchten brauche. Trotz aller offenkundigen Schwächen, so schrieb er 1976 in einem Aufsatz in der Zeitschrift »Foreign Policy«, bisten die USA »das attraktive Gesellschaftssystem, wenn nicht sogar das Modell«. für den größten Teil der Welt.

Schon warnen besorgte Brzezinski-Beobachter, die Erkenntnisse des Professors beruhten keineswegs auf objektiven Daten, sondern eher darauf. daß sich der Sohn eines polnischen Aristokraten schlicht von dem in der polnischen Oberschicht weitverbreiteten Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Russen leiten lasse.

»Er ist sehr analytisch und erkennt Bezüge sehr schnell«, urteilt ein langjähriger Zbig-Kenner. » Aber wenn's um Politik geht, braucht man Urteilsvermögen. Und er hat kein gutes Urteilsvermögen.«

Und da Brzezinski seinem Präsidenten im Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit kaum nachsteht, flößt er, so schreibt der angesehene Washingtoner Journalist David 5. Broder, kaum jemandem Beruhigung ein, der es »lieber sähe, wenn Carters beinahe enthusiastische, um nicht zu sagen ungestüme Behandlung der Außenpolitik von einem vorsichtigen, eher sogar skeptischen Sicherheitsberater kontrolliert würde«.

»Wenn er allein die Entscheidungen treffen würde«, erklärt ein führender amerikanischer Wirtschaftler, der Zbig seit mehr als zehn Jahren kennt, »dann würde ich mir Sorgen darüber machen, daß er diesen Posten bekleidet . .

Zum einen, so erklärt Brzezinski zu solcher Kritik, habe er keineswegs »das Ohr des Präsidenten erobert ... der hat seit langem seine festen Ansichten, ohne daß ich in sein Ohr geflüstert hätte«.

Zum anderen beteuert er seit seiner Ernennung, er sehe seine »Aufgabe nicht darin, Politik zu machen, sondern darin ... dem Präsidenten den Entscheidungsprozeß zu erleichtern«.

Im übrigen sei die »Außenpolitik ein so außerordentlicher Komplex von internationalen Problemen, Sicherheitsproblemen und politischen Problemen, daß eine einzelne Person gar keine Antwort entwickeln kann. Dazu bedarf es einer Anstrengung im Team .... ich möchte Teil eines Teams sein«.

Und bislang hat er sich, allen skeptischen Prophezeiungen zum Trotz, offenbar daran gehalten. Das Beispiel Rogers/ Kissinger noch in allzu frischer Erinnerung -- Nixons Sicherheitsberater Kissinger hatte Nixons Außenminister William Rogers praktisch zum Frühstücksdirektor degradiert -, hatten Politiker und Journalisten in Washington schon vor dem Amtsantritt der Carter-Regierung Wetten abgeschlossen, wie lange Cyrus Vance sich wirklich als Außenminister würde behaupten können. Gegen den ehrgeizigen Brzezinski gaben die meisten ihm allenfalls ein paar Monate.

Tatsächlich jedoch hat Brzezinski inzwischen den unter Kissinger aufgeblähten Apparat des Nationalen Sicherheitsrats straff organisiert, die Zahl der Ausschüsse, aus deren Vorsitz Henry Kissinger einen Teil seiner Macht schöpfte, von sieben auf zwei reduziert. Einem steht er vor, den anderen leitet -- Außenminister Vance.

Hinzu kommt: Anders als Kissinger agiert Brzezinski auf einer Bühne mit mehreren Akteuren, die sich alle -- an der Spitze der Präsident -- ebenfalls als Hauptdarsteller empfinden.

Als zum Beispiel Ägyptens Sadat sich zur Reise nach Jerusalem anschickte, reagierte Carters Team zunächst einmal ratlos und vergrätzt: Die eigene, die globale Nahostlösung schien in Gefahr,

Erst als Sadats Außenminister Fahmi unter Protest zurücktrat und sich fast die ganze arabische Welt gegen den ägyptischen Präsidenten zu kehren drohte, setzte Vance -- der Mann mit der längsten praktischen Erfahrung in der Außenpolitik -- im Weißen Haus seine Meinung durch, Amerika müsse sich sofort in aller Öffentlichkeit hinter Sadat stellen.

Derselbe Vance jedoch beschwor Carter mit Erfolg, die Antwort auf Sadats Einladung zur Konferenz in Kairo so lange wie möglich hinauszuzögern, um den Eindruck zu vermeiden, der Vorschlag sei von den Amerikanern inspiriert worden.

Wäre es nach Vance und Carter gegangen, hätte Sadat seine Einladung erst sehr viel später ausgesprochen: Der Präsident und sein Außenminister wollten die öffentliche Meinung in der arabischen Welt und die Zustimmung der Sowjets für Sadats Gipfel gewinnen. Eine entsprechende Botschaft Carters erhielt der Ägypter jedoch erst unmittelbar vor Beginn seiner Rede im ägyptischen Parlament -- und da wollte er sein Konzept nicht mehr ändern.

Von Brzezinski war in jenen Tagen kaum etwas zu hören. »Er versucht zwar oft«, kommentierte das »Wall Street Journal«,,. für den Präsidenten die Rolle eines Guru fürs Internationale zu spielen, aber seine schwungvollen Analysen wirken ... zuweilen hohl und widerspruchsvoll.«

Unter keinen Umständen jedenfalls hat er »die intellektuelle Beherrschung erreicht«, so das einflußreiche New Yorker Blatt, »über die sein langjähriger Kollege und Rivale Henry Kissinger verfügte«.

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