Zur Ausgabe
Artikel 79 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

RUSSLAND Suche nach dem Sündenbock

Jelzins Reich wird zum Notstandsgebiet, ein Hungerwinter steht bevor, es droht der Staatsbankrott. Die Kommunisten wollen die Krise nutzen, um die Macht wieder zu ergreifen. Mit antisemitischen Parolen hetzen sie im Nazi-Stil gegen die Juden.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Noch nicht einmal zehn Jahre nach dem Fall der Sowjetunion, dessen Folgen die Welt bis heute nicht überwunden hat, gerät der größte UdSSR-Nachfolgestaat mit jedem Tag stärker ins Taumeln: Die Russische Föderation stürzt in immer steileren Spiralen in die politische, wirtschaftliche und soziale Verelendung.

Nach einer katastrophalen Mißernte, die nur gut die Hälfte der erhofften 95 Millionen Tonnen Getreide in die Scheunen brachte, reichen in 14 Regionen die Vorräte gerade noch für einen knappen Monat. Ungewöhnlich früh und unerwartet hart kam der Winter ins Land: Viele Gebiete des hohen Nordens und des Fernen Ostens sind ohne Nahrungs- und Treibstoffreserven. Schon werden die Menschen aus Notstandsgebieten evakuiert, mit massenhaften Umsiedlungen ist zu rechnen. Moskau mußte die Europäische Union förmlich um Lebensmittelhilfe bitten.

Präsident Boris Jelzin pendelt als ewiger Rekonvaleszent zwischen Sanatorien und Datschen, im Kreml ist er ein seltener Gast. Seine Hausmeier setzen schon klammheimlich auf einen nächsten, neuen Herrn - jeder auf einen anderen.

Kompromiß-Premier Jewgenij Primakow, 69, macht einen kompetenten Eindruck - und darüber hinaus nichts. Rhetorische Wege aus der Wirtschaftskrise läßt er vornehmlich seinen kommunistischen Vize Jurij Masljukow weisen: baldiges »Wachstum« mit »sozialer Orientierung«.

Die Kommunisten, stets darauf bedacht, ihren Anteil an Not und Niedergang vergessen zu machen, schüren die Unrast. Sie sehen eine Chance, die verhaßte, wirtschaftlich gescheiterte Demokratie unter dem siechen Präsidenten zu zerstören - wie einst in Deutschland die Weimarer Republik.

Während Parteichef Gennadij Sjuganow gern den heimlichen Sozialdemokraten herauskehrt, schlägt seine Truppe immer unverhohlener einen national-sozialistischen Kurs ein. Jeder Alliierte ist ihr dafür recht - von orthodoxen Popen, die slawischen Isolationismus predigen, bis zu Anhängern der zersplitterten Rechten, die für »Reinheit des Blutes« und eine »russische Ordnung« werben. Der harte Kern der verbitterten Parteiveteranen zeigt auf jeder Demo unter roten Fahnen Stalin-Porträts und brüllt: »Juden raus.«

Trotz traditioneller antisemitischer Wallungen hat sich das russische Volk seit der Wende von 1991 als tolerant erwiesen; die erwarteten, gar schon auf den Tag vorausgesagten Pogrome blieben aus. Jetzt ließ der KP-Abgeordnete Albert Makaschow, 60, den bösen Ungeist aus der Flasche: Er ernannte die Juden wieder zum Sündenbock für Rußlands Unglück. Öffentlich faselte er: »Die Juden trinken das Blut der einheimischen Bevölkerung«, sie gehörten »ins Grab«, er werde selbst »mindestens ein Dutzend Juden in den Tod schicken«, für den Fall, daß man ihm ans Leben wolle - »Auge um Auge«.

Seine Parteifreunde quittierten den Ausfall des ehemaligen Generals aus Samara, als habe der Mann einen gelungenen Trinkspruch auf die Weltrevolution ausgebracht. In der Duma wurden Forderungen laut, dem Hetzer das Handwerk zu legen und seine Immunität aufzuheben. Doch für eine milde Verurteilung der Makaschow-Tiraden stimmte im Parlament als einziger Kommunist der Sjuganow-Rivale und Duma-Vorsteher Gennadij Selesnjow.

Der KP-Boß selbst hingegen verteidigte den Scharfmacher Makaschow, der zu Sowjetzeiten zuletzt den Wolga-Ural-Wehrbezirk befehligte, sich 1991 zum Präsidentschaftskandidaten küren ließ und zwei Jahre später, beim Putsch der Duma gegen Jelzin, den Moskauer Fernsehsender Ostankino stürmen wollte. Der schneidige Genosse, so Sjuganow, habe nur auf das »jüdische Thema« aufmerksam machen wollen, das »uns alle beunruhigt«. Denn Jelzins Personalpolitik habe gröblich den »nationalen Proporz« verletzt - »auf allen Ebenen der Staatsmacht, in der Wirtschaft, in der Finanzwelt, in den Medien«.

Damit machte sich der Parteichef Makaschows Ansinnen zu eigen, gesetzlich eine Quote für Juden in »wichtigen Ämtern« festzusetzen, entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung (0,34 Prozent).

Alexander Kuwajew, Moskauer KP-Chef, stellte dem wilden General einen Persilschein aus: Der Genosse habe »vielleicht nicht die richtigen Worte gefunden, aber wir sind mit ihm solidarisch«. Makaschow, erster Kavalier eines neugestifteten Stalin-Ordens, durfte noch nachlegen - im »Stürmer«-Jargon: Alle Reformer seien »Jidden«. Und: »Jidd - das ist keine Nationalität, sondern ein Beruf.«

Mit solchen Sprüchen empfahl sich der kommunistische Volksvertreter als Partner nicht nur russischen Faschisten, die auf jüdischen Friedhöfen Grabsteine demolieren und mit Hakenkreuzen beschmieren. Er erwies sich zugleich auch als würdiger Gefolgsmann seines Ordenspatrons Josef Stalin, der bereits 1907 die »beschnittenen Jidden« im revolutionären Untergrund als »Hasenfüße und Krämerseelen« beschimpfte. Dreißig Jahre später entledigte Stalin sich seiner jüdischen Führungsgenossen mit Schauprozessen, noch kurz vor seinem Tod erfand er eine jüdische Ärzte-Verschwörung.

Die Justizbehörden sahen zunächst keinen Grund zum Einschreiten, als Makaschow tobte: »Mir kocht das Blut, wenn ich sehe, was die Kosmopoliten aus meinem Vaterland machen.« Doch dann keilte der Mann zurück, den braun-rote KP-Mitglieder verächtlich »Jelzins Hofjuden« nennen - Boris Beresowski, Finanztycoon, Medienunternehmer, Hausfreund der regierenden Familie und nebenbei GUS-Sekretär: Durch die Solidarisierung mit Makaschow habe sich die KP »außerhalb der Gesetze der zivilisierten Welt gestellt« und gehöre verboten.

Die neoliberalen Reformer Jegor Gaidar und Anatolij Tschubais sprangen Beresowski bei: Die KP habe sich mit Makaschows »zoologischem Antisemitismus« solidarisiert, sie habe sich wirklich gewandelt - »in eine nazistische Partei«.

Premier Primakow, selbst jüdischer Herkunft und als ehemaliger Spionagechef über Stimmungen im Lande gewiß besser informiert als seine Kollegen, hielt vorsichtshalber engen Schulterschluß mit den Kommunisten: Ein KP-Verbot würde »die Lage destabilisieren«; er sei deshalb »entschieden dagegen«. Die Partei stellt die größte Fraktion in der Duma.

Die KP-Organisation im aufgeklärten St. Petersburg berichtete von zunehmender Besorgnis jüdischer Parteimitglieder. Parteichef Sjuganow erläuterte dem israelischen Botschafter in Moskau in feinstem Funktionärs-Russisch, wieviel ihm »Achtung des Menschen unabhängig von Nationalität, Glaube, Kultur und Traditionen« bedeute.

Doch wann immer in der Geschichte Rußlands die Leidensfähigkeit des Volkes erschöpft war, drängte sich auch die nationale Schicksalsfrage nach vorn: »Wer ist schuld?« Bei dieser Abrechnung hätten die Kommunisten 74 Jahre Mißwirtschaft und Ausplünderung zu verantworten, die von Harvard und Internationalem Währungsfonds angelernten Blitz-Reformer dagegen nur acht - die einen eine blutige Diktatur, die anderen eine nicht funktionierende Demokratie.

Unterhalb der offiziellen Armutsgrenze leben bereits 40 Prozent der Bevölkerung. Und dem russischen Staat droht der Bankrott: Am Dienstag dieser Woche endet das vor drei Monaten verhängte Moratorium gegenüber in- und ausländischen Gläubigern.

In den Verhandlungen über eine Umstrukturierung der Auslandsschulden von insgesamt 213,8 Milliarden Dollar gebärden sich Moskaus Emissäre in Paris und London dennoch so großspurig wie die Vertreter einer Supermacht. Sie tun so, berichtet ein westlicher Gesprächsteilnehmer, »als sei es süß und ehrenvoll, in Rußland um viel Geld gebracht worden zu sein«. Dabei wächst die Gefahr, daß Bankhäuser im Westen massenhaft die Beschlagnahme russischer Auslandsguthaben erwirken - letztes Signal zu einer panischen Flucht aus allen russischen Engagements.

Unterdessen bröckelt es an den Rändern des Reiches. Die Bewohner der vier südlichen Kurilen-Inseln, die Rußland nach dem Zweiten Weltkrieg den Japanern als Kriegsbeute abnahm, möchten sich per Volksabstimmung dem Nachbarn anschließen. Tokio schickte vorige Woche erstmals seit 25 Jahren offiziell einen Premier nach Moskau - in offenkundiger Hoffnung, der klammen Ex-Supermacht die schmerzlich vermißten »Nordterritorien« zu günstiger Stunde für einen Obolus von 800 Millionen Dollar abzuhandeln.

Eine halbe Milliarde bietet der finnische Kaufmann Jorma Hellevaara dem Kreml für die Rückgabe seiner südkarelischen Geburtsstadt Wyborg, die sich die UdSSR 1940 einverleibt hatte. Wladimir Lukin, Vorsitzender des außenpolitischen Duma-Ausschusses, warnt vor wachsender »Ausverkaufsstimmung«, die durch Rußlands Schwäche jenseits der Grenzen geweckt werde.

Und daheim. Nach Erhebungen von Gennadij Ossipow, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Direktor des Instituts für sozialpolitische Forschungen, ist eine Staatskrise mit schweren Erschütterungen kaum noch zu vermeiden. Die meisten Stabilitätskriterien unterschreite Rußland schon seit Jahren - vom Absacken der Industrieproduktion (minus 53 Prozent) über die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten bis zur sinkenden Geburtenrate.

Aus internationalen Vergleichen hat Ossipow gelernt, daß die kritische Grenze erreicht sei, wenn die Zustimmung der Bevölkerung zum politischen System unter 25 Prozent sinke. In Rußland vertrauen nur noch 14 Prozent der Bürger ihrer Staatsmacht - mit der wahrscheinlichen Folge, so Ossipow, »einer gewaltsamen Vertreibung der Regierenden durch das Volk«. Auch der Juden? JÖRG R. METTKE

Jörg A. Mettke
Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 79 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.