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STAU Sucht nach Stillstand

Ein origineller Vorschlag zur Entzerrung der Ferien-Termine hat kaum eine Chance auf Verwirklichung: Die Deutschen brauchen den Stau. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Ein kurioser Hilferuf erreichte ADAC-Stauberater Karl Pröbstl, 33, morgens um halb sieben Uhr von der österreichischen Grenze: »Hier vermißt ein Hamburger sein Auto mit Familie.«

Etwa zur gleichen Zeit entdeckte ein Mann der Straßenwacht auf dem Parkplatz Seehamer See eine Frau und zwei Kinder, die weinend, hungrig und übermüdet in einem Auto warteten.

Nach elf Stunden Staufahrt hatte der Vater die Nerven verloren, weil zu allem Verdruß auch noch sein Wagen streikte. Im »totalen Staustreß«, so Pröbstl, sei der Mann losgetrampt, um Hilfe zu holen, 70 Kilometer bis zur Grenze. Eine wenige Meter entfernte Notrufsäule hatte der urlaubsreife Hanseat glatt übersehen.

Es sind alljährlich die gleichen Szenen, die Anfang und Ende der Ferien begleiten: Hunderttausende Autos bremsen, Stoßstange an Stoßstange, schicksalsergeben dem Stillstand entgegen, Unfälle mit Toten und Verletzten, tragikomische Geschichten über Stauopfer wie den verwirrten Hamburger Familienvater.

Die bundesdeutschen Autobahnen, zur Normalzeit bei weitem die sichersten und komfortabelsten Verkehrswege, geraten an Urlaubs-Wochenenden zu Folterstrecken für kinderreiche Familien, kreislauflabile Alte und bewegungsbedürftige Junge. Mal in Hitze, mal im Regen, meist unversorgt mit Essen und Getränken und weit weg von der nächsten Toilette, verharren Millionen Autoinsassen - als handele es sich um einen Tribut.

Befragt von Freizeitforschern, bekundet zwar jeder dritte Bundesbürger, statt der langen Sommerferien sollten öfter mal zwei zusammenhängende Urlaubswochen gewährt werden. Auch würden Reiseveranstalter und Hotelmanager die Urlaubsunterkünfte liebend gern über mehrere Monate auslasten.

Doch der in Hotels und Pensionen übliche Bettenwechsel zum Wochenende und der feste Entschluß vieler Pkw-Touristen, ja keinen Urlaubstag zu verschenken, verstärken das Staurisiko. Zudem erweisen sich Baustellen, in diesem Jahr 130, als klassische Staufallen, die allzuoft die eintönige Geradlinigkeit bundesdeutscher Autobahnen auf das unvorteilhafteste unterbrechen.

Vorschläge, wie der flächendeckende Verkehrsknoten im Juli und August zu entwirren wäre, hat jetzt der »Deutsche Verband für Angewandte Geographie« (DVAG) entwickelt, ein Zusammenschluß bundesdeutscher Geographie-Experten aus Touristik- und Stadtplanung. Danach soll der rund sechswöchige Sommerferienblock, der von Bundesland zu Bundesland versetzt beginnt und endet, in zwei Teile aufgelöst werden: *___Drei Wochen »Kernferienzeit« werden von jedem ____Bundesland verbindlich festgelegt, *___über eine »Gleitferienzeit«, auf jeweils drei Wochen ____vor und nach dem Kernblock verteilt, soll nach freier ____Disposition entschieden werden (siehe Graphik).

Die Gleitzeit müßte, so DVAG-Sprecher Hans-Gottfried von Rohr, »nicht geschlossen für ganze Länder, sondern kleinräumiger« festgelegt werden, etwa von Landräten, damit sich Ferientermine in benachbarten Gebieten nicht zu sehr überschneiden.

Vom Auseinanderziehen der Reisetermine gerade innerhalb großer Bundesländer, etwa in NRW und Bayern, verspricht sich Rohr eine »erhebliche Entlastung der Fernstraßen«. Bisher beeinträchtigt der Schulferienanfang an Rhein und Ruhr 16,7 Millionen, in Bayern knapp elf Millionen Bürger - kilometerlange Auto-Konvois setzen sich gleichzeitig gen Süden in Bewegung.

Nur »theoretisch begrüßenswert« findet Alfons Städele, Referent für Ferienordnung im bayrischen Kultusministerium den Gleitzeit-Vorschlag der DVAG-Tüftler. Eine Einigung auf Kreisebene hält er für »aussichtslos«, wenn doch schon zwei bewegliche Ferientage, über die bayrische Schulen zur Zeit frei verfügen können, bei Lehrern, Eltern, Schülern und Betrieben zu »schweren Interessen-Kollisionen« führten. Die Lehrer wehrten sich gegen zu häufige Unterrichtsunterbrechungen, Eltern und Schüler wünschten sich Ferienbrücken über Feiertage und Wochenenden, Firmen und Behörden beklagten Betriebsstörungen.

In einem Flächenstaat wie Bayern, der sich von jeher das Sonderrecht herausnimmt, im Ferienkalender der Bundesländer

den Schönwetter-Schlußtermin zu besetzen, hält Städele die Gleitzeit auch wegen des Verwaltungsaufwandes für »unrealisierbar«. Der Ferienfachmann befürchtet »Unzumutbarkeiten bis hinein in Familien«, wenn drei Kinder auf verschiedene Schulen gehen und sich womöglich drei verschiedene Ferientermine ergeben.

Auch Eckart Dyckerhoff, Referatsleiter für Verkehrsplanung beim ADAC, will es vorerst bei einer »kleineren Lösung« belassen und plädiert dafür, sich mit »intensiveren Appellen an die Vernunft der Autofahrer zu begnügen.

Ohnehin ist unter Stauexperten umstritten, ob den Blech-Karawanen mit strategischen Mitteln wie Ferienplanung überhaupt beizukommen ist. In den letzten Jahren beobachtete Stauberater Pröbstl bei »fast einem Drittel« seiner Kunden eine »neurotische Stausucht«.

Die »99. Reise« eines Fließbandarbeiters zur Sonnenschirmplantage Adria werde, so Pröbstl, für viele durch einen Stau »überhaupt erst zum Erlebnis«. Meer, Sand und Sonnenbrand werden demnach als langweilige Routine empfunden, Abwechslung bringt erst der Verkehrskollaps: Väter und Söhne spekulieren über die Dauer des Staus, schließen Wetten über die Ursache ab, verspüren anhaltende Spannung bei nicht selbst verursachten Unfällen.

Gescheitert sind denn bisher auch alle Versuche, das infrastrukturelle Phänomen Stau durch wissenschaftliche Analysen zu erklären. Akademische Beachtung fand etwa der sogenannte »Stau aus dem Nichts«. Bei dieser Sonderform des normalen Stillstands erfährt das Stauopfer gar nicht, warum es so lange festsaß. Nach stundenlanger Warterei mit Stop-and-Go-Phasen darf der geduldige Autofahrer plötzlich wieder Gas geben, ohne etwa durch den Anblick eines Unfalls oder anderer Hindernisse für die unfreiwillige Pause entschädigt zu werden.

Wilhelm Leutzbach, Professor an der Universität Karlsruhe, errechnete aus den Faktoren Weg, Zeit und Geschwindigkeit ein Gleichungsmonster, das die Entstehung dieses auch »Ziehharmonika« genannten Staus verdeutlichen soll: (* math. Formel: siehe SPIEGEL 33/1986, Seite 75 *)

Etwas vereinfacht: Der Stau aus dem Nichts kommt zustande, wenn viele Tausende Autofahrer so lange zu wenig Abstand halten, bis kein Abstand mehr da ist. _("Kernferienzeit": von jedem ) _(Bundesland verbindlich festgelegt ) _("Gleitferienzeit": Festlegung nach ) _(Absprache mit dem Land auf Kreisebene )

[Grafiktext]

IN ZUKUNFT: GLEITZEIT FÜR FERIEN? Mögliche Veränderung der Sommerferien-Termine in der Bundesrepublik derzeit gültige Regelung (Ferientermine Sommer 86) Saarland Rheinland-Pfalz Hessen, Schleswig-Holstein Hamburg Niedersachsen Berlin, Bremen Baden-Württemberg Nordrhein-Westfalen Bayern Juni Juli August September Planspiel des DVAG: »Kernferienzeit": und »Gleitferienzeit« : Berlin Schleswig-Holstein, Hamburg Bremen, Niedersachsen Nordrhein-Westfalen Hessen Rheinland-Pfalz, Saarland Baden-Württemberg Bayern hat bisher Vereinbarungen abgelehnt Juni Juli August September Quelle: DVAG

[GrafiktextEnde]

»Kernferienzeit": von jedem Bundesland verbindlich festgelegt"Gleitferienzeit": Festlegung nach Absprache mit dem Land aufKreisebene

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