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Südafrika: Der große Streik

Die Regierung der weißen Minderheit geriet unter Druck der erstarkten schwarzen Gewerkschaften, ihres gefährlichsten Gegners. Über eine Viertelmillion Bergarbeiter verweigerten die Arbeit, der Ausstand droht auf weite Industriebereiche überzugreiten: die bisher größte Streikwelle in der Geschichte des Burenstaates. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

»Wir sind Ameisen, dort ist der Elefant.« James Mahlatsi, Präsident der National Union of Mineworkers (NUM), verlieh seinen Worten mit einem Holzknüppel Nachdruck. »Viva NUM!« schrien die Minenarbeiter. »Wir werden beweisen, daß Ameisen Elefanten töten können«, sprach der schwarze Gewerkschafter.

»Viva«, antwortete die aufgebrachte Menge wieder - ein revolutionärer Freudenschrei, der aus der vor mehr als einem Jahrzehnt befreiten portugiesischen Kolonie Mosambik stammt. Wild stampften die Zuhörer den Boden, zertraten symbolisch die weißen Minenbosse. Mit dem Ruf »Viva ANC!« ließ die Menge auch noch die militante südafrikanische Befreiungsbewegung African National Congress hochleben.

Es war am Nachmittag vor der Stunde Null, vorletzten Sonntag in dem verwahrlosten Township Embalendhle, östlich von Johannesburg. Am gleichen Abend weigerten sich zunächst mehrere zehntausend schwarze Bergleute zu arbeiten.

Bis zum letzten Dienstag streikten mindestens 220000 (so die Bergwerksgesellschaften) oder gar 340000 Kumpel (nach Gewerkschaftsangaben). Südafrikas Bergbau war mit dem größten Ausstand in der Geschichte des Landes konfrontiert.

Die weißen Machthaber am Kap befiel ein alter Alptraum. Wenn die erdrückende Mehrheit schwarzer Arbeiter dem Apartheidregime geschlossen ihre Muskelkraft verweigern würde - und sei es auch nur für kurze Zeit -, wäre das Ende der Minderheitsherrschaft absehbar.

28 Gold- und 18 Kohlegruben lagen still. Rebellisch hockten die Arbeiter in den firmeneigenen Barackenunterkünften und vertrieben sich die Zeit mit Spielen sowie dem Absingen von Freiheitsliedern. In Westonaria etwa sangen die Kumpel am letzten Donnerstag in einem Refrain: »Wenn wir frei sind, dürfen wir mit unseren Familien leben.«

Die Forderung nach Verbesserung der Arbeitsbedingungen, zum Beispiel das Wohnen in Familienunterkünften, das Verlangen nach mehr Lohn und politisches Aufbegehren machten den Arbeitskampf besonders brisant.

»Der Ausnahmezustand und die damit einhergehende Unterdrückung zwingen alle Frustrationen der Leute in das einzige, noch einigermaßen funktionierende Ventil: den Arbeitsbereich«, so schildert ein Sozialwissenschaftler der liberalen Kapstadt-Universität (der lieber ungenannt bleiben will) seine Beobachtungen. Seine Liste aller Streiks in diesem Monat umfaßt bereits 15 Seiten.

Nur vordergründig geht es beim Ausstand der Bergarbeiter um Lohn - 30 Prozent mehr hatte die NUM verlangt, 15 bis 23,4 Prozent gewährten die sechs größten Minengesellschaften schließlich einseitig, nachdem alle Verhandlungen zusammengebrochen waren. Doch nur mit 30 Prozent könne die Lohnkluft zwischen Schwarzen und Weißen fühlbar verringert werden, argumentierte die NUM.

»Kein weißer Minenarbeiter verdient weniger als 1500 Rand im Monat«, berichtete der Kohlenknappe Gwede Mantashe Journalisten. »Unsere Leute verdienen im Durchschnitt nur zwischen 300 und 500 Rand.«

Die Gesellschaften könnten sich die Lohnzuschläge durchaus erlauben. Die Goldbergwerke erwirtschafteten 1986 Traumgewinne. Und auch Südafrikas Kohle findet - Sanktionen hin oder her - noch immer reißenden Absatz, weil sie die billigste Kohle der Welt ist.

Auch die übrigen Forderungen scheinen nicht vermessen, etwa den 16. Juni, den Jahrestag des 1976 blutig niedergeschlagenen Kinderaufstandes von Soweto, als bezahlten Feiertag zu gewähren. Sie wollen 30 Tage Urlaub, um ihre Angehörigen zu besuchen, die oft weit entfernt in den »Homelands« oder gar in den Nachbarstaaten wohnen. Schließlich verlangen die Arbeiter höhere Gefahrenzulagen und höhere Abfindungen im Todesfall.

Gefährlich ist die Arbeit in den Minen zweifellos. 1985 behauptete eine NUM-Studie, daß jährlich 600 schwarze Kumpel ums Leben kämen. Heute sind es immer noch 400 pro Jahr.

Das liegt laut Gewerkschaft an einem ausbeuterischen System, das seit eh und je unter Tage gilt: Die schwarzen »Boys«, so heißen sie alle, malochen unter einem weißen Schichtführer. Dieser »Baas« kann seinen eigenen Grundlohn durch Produktionsakkorde erheblich aufbessern. So werde oftmals hastig, ohne die nötige Absicherung gesprengt, hieß es in der Studie.

Immerhin erhielten die Schwarzen in den letzten Jahren erhebliche Lohnzuschläge,

die dann allerdings von der zweistelligen Inflation in Südafrika schnell wieder geschluckt wurden. Erst jetzt könnte sich an den archaischen Zuständen unter Tage wirklich etwas ändern.

Vergangene Woche schaffte das weiße Parlament in Kapstadt auch die letzten 13 verbliebenen Klauseln der »Job Reservation« im Bergbau ab. Zukünftig dürfen Schwarze auch Tätigkeiten ausüben, die bislang Weißen vorbehalten waren - sie können zum Beispiel das »Sprengzertifikat« erwerben. Doch sofort drohte Arrie Paulus, bis vor kurzem Chef einer rein weißen Gewerkschaft, mit weißen Streiks.

»Jedes Sprengzertifikat für einen Schwarzen ist ein Schritt zum Kommunismus«, polterte der prominente weiße Rassist der Schwarze als »Paviane« und »Kaffern« zu bezeichnen pflegt. Bei der letzten Wahl im Mai siegte Paulus mit Bravour in der Minenstadt Carletonville. Heute sitzt er für die ultrarechte Konservative Partei im Parlament.

Mitte letzter Woche verhärtete sich die Streikfront noch. »Die verläßlichsten Handlanger der Minenbosse«, so NUM, griffen ein: Staatliche Sicherheitskräfte, die im Ausnahmezustand mit fast uneingeschränkten Befugnissen ausgestattet sind, verhafteten in der Minenstadt Klerksdorp 86 NUM-Funktionäre. Die Gewerkschafter werden nach Auskunft der Polizei wegen »Verschwörung und Unterwanderung« angeklagt.

Am Donnerstag wandte sich die Arbeiterbewegung hilfesuchend an die Öffentlichkeit. Bei einer Sympathiekundgebung in der Johannesburger Witwatersrand-Universität wurde zu Lebensmittelspenden für die Streikenden aufgerufen. Studenten mit Erste-Hilfe-Erfahrung sollten sich als Sanitäter bereit halten, denn: »Es könnte Blut fließen und sogar Tote geben.«

Zum selben Zeitpunkt waren bereits Dutzende verletzt worden, war mindestens ein Mann gestorben. Auf wessen Konto die Gewalttaten gehen, ließ sich häufig nicht klären. Denn nicht nur die Sicherheitskräfte griffen hart zu, auch arbeitswillige Schwarze wurden von streikenden Kollegen mit Äxten, Stemmeisen und Schaufeln, mit Messern und Schußwaffen angegriffen.

Im NUM-Büro in der Johannesburger City hält ein sanft wirkender, schmaler Mann die Streikfäden in seinen Händen: Generalsekretär Cyril Ramaphosa. Er ist kein Bergmann, sondern Jurist und lehrte die mächtigen Bergwerksgesellschaften innerhalb weniger Jahre das Fürchten:

Unter seiner Führung wuchs die Gewerkschaft rapide: Über 261000 Mitglieder haben in diesem Jahr ihre NUM-Beiträge bezahlt, immerhin rund ein Drittel aller im südafrikanischen Bergbau Beschäftigten.

Als die Manager vergangene Woche wiederum über die unbotmäßigen Arbeiterforderungen lamentierten, rechnete ihnen Ramaphosa an Hand von Geschäftsberichten und Dividendenausschüttungen kühl vor, daß sich ihre Profite im letzten Jahrzehnt mehr als verdoppelt hätten.

Ramaphosa über den Streik: »Es ist das bedeutsamste Kräftemessen zwischen einer schwarzen Gewerkschaft und Arbeitgebern in Südafrikas Geschichte. Jetzt fällt die Entscheidung über die Machtbalance in der strategisch wichtigsten Industrie.«

Von Anfang an verließen sich die großen Konzerne darauf, daß der Streikwillen durch einen Lohn- und Verpflegungsstopp bald zu brechen wäre. Denn früher hatte sich schon nach 48 Stunden gezeigt, daß die Gewerkschaft ihre heterogenen Mitglieder - Männer aus zahlreichen Sprachgebieten des südlichen Afrika und sogar aus den Nachbarstaaten der Burenrepublik - nicht zusammenhalten konnte.

Unweigerlich brachen Kämpfe in den Wohnheimen der schwarzen Arbeiter aus, bei denen auch so manche alte Rechnung - wegen Spielschulden oder Frauen - beglichen wurde.

Diesmal hielt die Streikfront bis Ende letzter Woche. Die Konzerne verloren durch die Förderausfälle jeden Tag schätzungsweise 30 Millionen Rand. Die vorsorglich angelegten Kohlehalden und Goldvorräte schmolzen dahin.

Die neue Standfestigkeit der Gewerkschaft ist Folge eines Bewußtseinswandels. War die Arbeitervertretung früher ein eher unpolitisches Organ, steht sie nun im Kampf gegen die Apartheid in vorderster Front: Vor einem halben Jahr übernahmen die Bergarbeiter als erste das Grundsatzdokument des ANC, die sogenannte Freedom Charter - ein demonstrativer Akt gegen das Burenregime.

Die junge, noch kein Jahrzehnt alte schwarze Gewerkschaftsbewegung zeigte eine erstaunliche Solidarität.

Der leise Ramaphosa wollte selbst Aktionen in den bislang unbeteiligten Platin-, Uran- und Chrombergwerken nicht ausschließen.

Gegen Wochenende kam die größte Goldraffinerie zum Erliegen, unzufriedene Postarbeiter aus dem Ost-Kap lösten landesweite Sympathiestreiks aus. Der Öl-aus-Kohle-Raffinerie Sasol drohte Teilschließung, der größten Maismühle Betriebsstopp.

Schließlich: Kein guter Stern aus Untertürkheim rollte mehr vom Fließband des großen Montagewerks in East London.

Die Mercedes-Manager hatten sich so verhalten, wie es in Südafrika üblich ist: Sie ahndeten einen Streik der knapp 3000 Arbeiter vorletzte Woche mit dem Rausschmiß von 188 »Verantwortlichen«.

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