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SÜDAFRIKA / KIRCHE

0 Land, Land, Land, höre des Herrn Wart Jeremia 22, 29
aus DER SPIEGEL 20/1969

Neues Evangelium der evangelische Pfarrer der 433-Seelen-Gemeinde in Westrand-Krugersdorp bei Johannesburg. Siegfried Windisch, 41. verbreitete des Herrn Wort.

Er unterschrieb -- zusammen mit mehr als 2000 Südafrikanern. darunter rund 600 Pastoren, der katholische Erzbischof von Durban und dessen anglikanischer Kollege aus Kapstadt -- eine kirchliche »Botschaft an das Volk von Südafrika«. In ihr wurde die Rassentrennungs-Politik der Regierung Balthazar Johannes Vorsters als Sünder und »wahrer Feind des Christentums« gebrandmarkt.

Die sechsseitige, von der Theologischen Kommission des Südafrikanischen Rates der Kirchen verfaßte Botschaft beklagte, daß

* die »Politik der Rassentrennung, deren Auswirkungen in einem weiten Lebensbereich spürbar sind, mit zunehmender Härte praktiziert« werde,

* viele Südafrikaner die Apartheid-Doktrin »nicht nur als zeitweilige politische Haltung ansehen, sondern als notwendigen, dauernden Ausdruck des Willen Gottes und als echte Form christlichen Gehorsams für dieses Land«,

* »die Doktrin der »separaten Entwicklung« für viele zu einem Irrglauben, zu einem neuen Evangelium geworden« sei.

Damit erklärte Südafrikas Kirchenrat »der Apartheid den Krieg«, so die Johannesburger Zeitung »Star«. »Eines der herausforderndsten Dokumente in Südafrikas Kirchengeschichte«, urteilte die »Rand Daily Mali«.

Die deutsche Gemeinde des Pfarrers Windisch aber dankte ihrem Seelsorger die Unterschrift unter die Kriegserklärung nicht. Nach einer Abstimmung empfahl die Gemeindeversammlung dem seit fünf Jahren in Südafrika lebenden, vom Kirchlichen Außenamt der EKD in Frankfurt am Main entsandten Seelsorger, das Land zu verlassen.

Denn für die weißen Christen in Westrand-Krugersdorp wie für den rechtsradikalen Herausgeber des deutschsprachigen »Afrika-Spiegel«, H. L. von Lichtenfeld. ist Windisch nur einer von »gewissen aus Mitteleuropa importierten Pfarrern. denen Beruf und Gottes Wort lediglich als Vorwand dienen, sich in die Politik einzuschalten, die sie nichts angeht und von der sie nichts verstehen«.

Auch Premier Vorster nahm die Kirchen-Botschaft übel. Den Anti-Apartheid-Christen warf er vor, sie arbeiteten »unter dem Mantel der Religion an der Störung der Ordnung in Südafrika«. Der Premier an die Adresse der geistlichen Apartheid-Feinde: »Hört auf damit, hört damit sofort auf! Denn das Kleid, das ihr tragt, wird euch nicht schützen.«

Vorsters Drohung schreckte die Pfarrer nicht: Allein in Kapstadt beharrten 112 Geistliche verschiedener Konfessionen in einem Offenen Brief an den Premier darauf, daß es »ein Teil des Auftrages der Kirche ist, Gottes Wort im Urteil über Ungerechtigkeiten zu verkünden, die -- in welcher Gesellschaft auch immer -- auftreten«. Damit war »das Schweigen der Kirchen Südafrikas gebrochen« (so das Südafrika-Komitee der gemischtrassigen Studenten-Vereinigung »University Christian Movement").

Sie hatten lange geschwiegen. Denn sie glaubten, als Werkzeug Gottes das Licht des Christentums in die Finsternis des afrikanischen Heidentums getragen zu haben. Diese Vorstellung, schrieb der Schweizer Afrika-Kenner Hans Jenny, hat in der Rassenfrage zu einer »eigenartigen Mischung von egoistischer Zweckpolitik und hochfliegendem Idealismus geführt«, zu dem Glauben, daß die »europäische Zivilisation in Südafrika nur mit der Rassentrennung zu verteidigen« sei.

Noch immer sind christliche Kirchen wichtige Stützen der Apartheid-Politik, die den 3,5 Millionen Weißen die Herrschaft über 12,7 Millionen Schwarze, 1,8 Millionen Mischlinge und 600 000 Asiaten sichern soll.

Vor allem die mächtigen Kalvinisten der drei reformierten Buren-Kirchen unterstützen die Politik der »getrennten Entwicklung«.

Sie praktizieren die Apartheid sogar im kirchlichen Bereich -- mit getrennten Gottesdiensten und getrennten Gotteshäusern für schwarze und weiße Südafrika-Christen. Für sie besteht kein Gegensatz zwischen christlicher Ethik und Trennung der Rassen.

Anders als die regierungstreuen Buren-Kalvinisten lehnt die Mehrzahl der übrigen Kirchen, deren Gläubige meist englischsprachig sind, die Apartheid ab. Doch selbst ihnen fällt es mitunter schwer, ihren Grundsätzen treu zu bleiben.

Auch bei gemischtrassigen Gottesdiensten der Anglikaner sitzen die Weißen vorn, die Schwarzen in den hinteren Bänken -- »ohne daß es dafür eine Regel gibt« (so der deutsche Pfarrer Osterwald der St. -Martini-Gemeinde in Kapstadt, der Kirchenkonzerte für alle Rassen veranstaltet>.

»Es ist wie in den Bussen«, meint der anglikanische Dekan von Kapstadt, Edward King. In den öffentlichen Verkehrsmitteln von Kapstadt sind die ersten Reihen für Weiße reserviert, die letzten beiden Sitzreihen allen Nicht-Weißen vorbehalten.

Trotz dieser Anpassung an die »kleine Apartheid« lehnen die Anglikaner die Rassentrennung ab -- und leiden unter Regierungs-Repressalien:

* 1961 wurde der anglikanische Bischof von Johannesburg, Richard Ambrose Heeres, ausgewiesen -- er hatte sich jahrelang gegen die Rassenpolitik gestemmt;

* im Juli 1967 wurde der anglikanische Bischof von Kimberley, Clarence Edward Crowther, ausgewiesen;

* im Juli 1968 durfte der anglikanische Bischof von Südwestafrika, Robert Herbert Mize, nicht aus Europa nach Windhoek zurückkehren -- seine Aufenthaltsgenehmigung war nicht verlängert worden. Der Amerikaner Mize ("Das ist ein direkter Eingriff des Staates in die Freiheit der Kirche") erhielt keine Begründung, seine Kirche aber aus dem Parlament den Tip, sie möge »künftig Südafrikaner und nicht Fremde in so wichtige Stellungen berufen«.

Doch die apartheid-feindlichen Kirchen geben sich nicht geschlagen. »Wir sehen uns zwar der Tatsache gegenüber, daß wir eine verfolgte Kirche sind«, sagte der anglikanische Erzbischof von Kapstadt, Robert Selby Tayler, »doch soll uns das nicht daran hindern, die Wahrheit -- wie wir sie sehen -- auszusprechen.«

Die Pfarrer wollen den Mund nicht halten. »Der höchste Dienst, den die Kirche jetzt der Obrigkeit in unserem Land erweisen kann«, belehrten zwölf Kirchenführer der südafrikanischen Anglikaner, Methodisten, Presbyterianer, Kongregationalisten, Lutheraner und der Reformierten ihren Premier, »ist der, daß sie mit dem größten Ernst und im Namen Gottes bei ihr darauf dringt, sich von ihrer Apartheidsideologie abzuwenden ... Die Kirche hat keine andere Wahl, wenn sie in Gehorsam gegen Gottes Willen sprechen will.«

Auch Rebell Windisch aus Westrand-Krugersdorp will weiter in Südafrika lehren: »Ich bleibe hier, bis Ich von der EKD abberufen werde.« Sein Vertrag endet im November.

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