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Sünder ohne Reue

RUDOLF AUGSTEIN
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 13/1998

Die katholische Kirche kann sich irren (obwohl sie nicht erst seit dem Dogma der Unfehlbarkeit im Jahre 1870 vom Heiligen Geist geleitet wird). Sündigen und dementsprechend Reue üben kann sie sowenig wie die Queen in London, die sich aber wenigstens nicht für unfehlbar hält.

In dem in der vergangenen Woche vom Vatikan veröffentlichten Dokument zum Holocaust verteilt Papst Johannes Paul II. die Schuld auf die »Söhne und Töchter« der Kirche und ruft sie auf, »Reue über die Fehler und die Untreue der Vergangenheit« zu üben. Plötzlich werden alle Christen als Nachfolger Christi benannt.

Die Kirche ist daran gewöhnt, in Tausendern zu rechnen, das war immer so. Man kann die Zahl der von ihr grausam Ermordeten mit der Anzahl der Toten der Shoah vergleichen, wenn auch über die Jahrhunderte gesehen. Wo immer die Kirche einen Grund sah, »Ketzer« und »Hexen« umzubringen, kam es ihr auf die Menge nicht an. Man erinnere sich allein daran, daß König Philipp II. von Spanien keine angenehmere Beschäftigung kannte, als Ketzer brennen zu sehen.

Noch vor fünf Jahren hatte der jetzige Papst Johannes Paul II. keinerlei Bedenken, dem mörderischen Diktator Augusto Pinochet zum 50. Hochzeitstag seine wärmsten Glückwünsche zu übermitteln. Mindestens 3000 Tote, wenn nicht mehr, hat dieser religiöse Schurke zu verantworten. Was trieb den polnischen Papst, diesen chilenischen Gewalttäter zu ehren? Die Sorge ums Geschäft.

So dürfen wir von seiner Kanzlei nicht viel Aufklärung erwarten, wenn es um die Vorgänger Papst Wojtylas geht. Pius XI., gestorben 1939, war ein Kämpfer gegen das Hitlertum und dessen antisemitischen Rassismus. Sein Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli verschärfte dessen Enzyklika »Mit brennender Sorge«. Die neue Enzyklika »Die Einheit des Menschengeschlechts« ließ er dann aber in der Schatulle liegen.

Pius XII., der Deutschland liebte, weil er zwölf schöne Jahre hier verbracht hatte, war ein feinsinniger, aber auch feiger Diplomat. Ohne Zweifel kein Faschist oder Nationalsozialist, stellte er gleichwohl seine Organisation über jede Art von Nachfolge Christi, auch wenn er vielleicht wähnte, dessen Stellvertreter auf Erden zu sein. Um diesen Papst schleicht das lange erwartete und nun angeblich befreiende und erlösende Dokument Roms auffällig herum.

Pius XII. hat - wie bekannt - so gut wie nichts getan, um die Judenheit zu retten. Ein einziges Mal hat er öffentlich protestiert. Als Hitler im Mai 1940 Holland, Belgien und Luxemburg überfiel, drückte der Papst den Regierungen sein Bedauern aus, die Täter benannte er nicht. Gegenüber den kriegswilligen deutschen Bischöfen rechtfertigte er sich damit, die drei überfallenen Staaten seien bei ihm akkreditiert gewesen.

Heute wird in dem sehr unvollständigen Schuldbekenntnis so getan, als habe gerade der Pacelli-Papst Hunderttausenden von Juden das Leben gerettet. Man weiß nicht, wie er das veranstaltet haben könnte.

Glaubhaft ist, daß er im Vatikanstaat und in Klöstern und religiösen Orden in Rom an 4000 Juden Asyl und Unterschlupf gewährt hat. Das war nun das Äußerste, was er offenbar für möglich hielt. Eine Öffnung der Archive würde jedoch zeigen, daß genausogut viele größere und kleinere Regimekriminelle mit Unterstützung des Vatikans neue Pässe zur Überfahrt nach Südamerika erhielten.

Es ist hingegen anzunehmen, daß in seinem Land sehr viel mehr als 4000 Juden dem Mördergriff der Nazis entkommen konnten - ohne Mitwirkung des Papstes -, zumal die Italiener damals eher deutschfeindlich als judenfeindlich waren. Allerdings haben sich die meisten ausländischen Mächte um die Rettung der Juden nicht sonderlich bemüht. Pius XII. konnte sich hier einreihen ohne aufzufallen.

Aber das Problem wurmt. Will man sich überhaupt mit »Irrtümern« der Vergangenheit befassen, so braucht der immer noch so genannte Heilige Stuhl einen Ausweg, und er wählt die ihm vertrauten »diplomatischen Kanäle«. Hut ab, das wird vielleicht sogar geglaubt.

Eine Beichte, soll sie Erleichterung bringen, aber muß vollständig sein. Wir haben es hier mit einer sehr unvollständigen Beichte zu tun. Die schweren Versäumnisse Papst Pius XII. zuzugeben fällt dem heutigen Papst schwer - schließlich, auch der Pacelli-Papst war ein sterblicher Mensch.

Als Pius XII. 1958 im Alter von 82 Jahren starb, war das ganze Grauen und Entsetzen der von den Juden so genannten Shoah noch wenig durchgedrungen. Seine Nachfolger bis zu dem heute 77jährigen Papst Johannes Paul II. haben sich meist lediglich mit dem diplomatischen Aspekt beschäftigt, ob denn der Staat Israel überhaupt anerkannt werden könne.

Nachholbedarf für eine - so nicht ernstzunehmende - Entschuldigung bestand, und die Kurie ist der offenbaren Wirklichkeit nun hinterhergehinkt, wie das so ihre Art ist. Es wundert wenig, daß sie das Inquisitionsarchiv ihrer mörderischen Vergangenheit nun zwar auftut, es aber mit dem Jahr 1903 enden läßt.

Es kommt ihr eben immer noch mehr auf das Seelenheil des Augusto Pinochet an als auf die vielen auf dessen Konto gehenden Ermordeten.

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