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GRIECHENLAND / DIKTATUR Sündige Striche

aus DER SPIEGEL 46/1967

Für die leichten Mädchen von Piräus soll alle Tage Sonntag sein -- so wollen es die frommen Diktatoren in Athen.

Auf Befehl der Militär-Junta dürfen die Hafendirnen -- durch Melina Mercouris Film »Sonntags nie« weltberühmt -- jetzt auch werktags nicht mehr ihre Gunst anbieten. Die feilen Helleninnen mußten ihre Quartiere in Troumpa, dem St. Pauli von Piräus. räumen.

Piräus bei Athen, Griechenlands größte Hafenstadt (185 000 Einwohner) und Ankerplatz der meisten Freudenmädchen (über 500 Profis), war den Putsch-Puritanern, die den quicken Griechen strenge Christenzucht eindrillen wollen, wie ein Augiasstall erschienen. Zum Ausfegen setzten sie eigens einen neuen Bürgermeister ein: Aristides Skylitsis, Chef der größten griechischen Werbeagentur.

Bürgermeister Skylitsis versprach der Junta eine »saubere Stadt«. Doch bevor er säuberte, sah er dem Laster ein letztes Mal kühn ins Auge. Gemeinsam mit dem Polizeipräsidenten und dem Militärkommandanten von Piräus inspizierte er die sündigen Striche. Gehörig angewidert, ordnete er schon anderntags die Räumung der Dirnenquartiere an. Innerhalb von acht Tagen mußten die Mädchen ihre Lust-Lager verlassen.

Sie räumten Europas klassische Stätte der Prostitution. In Piräus, wo sich zuletzt besonders die Mariner der 6. US-Flotte vergnügten, hatten sich schon die Männer der vorchristlichen Seefahrt ergötzt, und selbst Lysanders spartanische Kriegsschiffer waren im eroberten Piräus schwach geworden.

Lange bevor im antiken Athen die Demokratie erblühte, hatte -- im 6. Jahrhundert vor Christus -- der Staatsmann Solon den aushäusigen Sex demokratisiert. Für einfache Bürger, die sich exklusive Hetären nicht leisten konnten, richtete er in Athen und Piräus öffentliche Bordelle ein.

In Solons Gomorra lockten ausgesucht hübsche »Dikteriaden« zu extrem niedrigen Fixpreisen. Denn der Staat war an regem Zuspruch doppelt interessiert: Die Liebesdienerinnen sollten das Volk von der griechischen Krankheit -- der Homosexualität -- kurieren und mußten obendrein das »Pornikotelos« entrichten, die Dirnensteuer.

Dafür war das Dikterion, durch ein drastisches Sex-Symbol an der Tür kenntlich gemacht, vor jedem Zugriff sicher. Der Vater durfte den Sohn nicht von der Matte holen, der Häscher nicht den gesuchten Verbrecher.

Solons Ur-Huren waren Sklavinnen; das störte die Griechen wenig. Erst zweieinhalb Jahrtausende später verurteilte eine außergriechische Instanz -- die Uno -- die Prostitution als moderne Sklaverei und forderte ihre Mitglieder auf, die toleranten Häuser zu verbieten.

So kehrte 1955 die Sitte auch in Hellas ein, wenigstens offiziell. Durch Gesetz Nummer 3310 wurden sämtliche Bordelle geschlossen. Nur in den Strich-Straßen von Piräus durfte weiter verkehrt werden.

Vier Kaufleute von Piräus -- darunter der größte Holzhändler der Hafenstadt -- profitierten davon Sie vermieteten den Damen die Zimmer für 3000 bis 4000 Mark im Monat.

Zwar beklagten sittsame Anrainer die lärmige Unzucht. Aber die einflußreichen Interessenten vereitelten immer wieder ein Verbot -- durch Bestechung.

Neu-Bürgermeister Skylitsis ließ sich nicht bestechen. Aber zu einer sauberen Stadt konnte er Piräus dennoch nicht machen. Die obdachlosen Dirnen schleichen abends durch die Gassen und offerieren ein Stelldichein im Schlafsack.

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