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WINTER Süßer Irrglaube

Kommunalpolitiker glauben, ein neues Patentrezept gegen Eis und Schneeglätte entdeckt zu haben: Feuchtsalz statt Streusalz. *
aus DER SPIEGEL 5/1987

Umweltschützer registrierten Ende letzter Woche in Hamburg eine Niederlage von epochalem Ausmaß: Die Hansestadt habe sich, kritisierte Robin Wood, »auf den Weg ins ökologische Mittelalter« begeben.

Anlaß für die Regierungsschelte ist eine Anordnung des Hamburger Bausenators Eugen Wagner, der zuvor - bei einer Geschäftsneuverteilung innerhalb des SPD-Senats - die Verantwortung für den Winterdienst übernommen hatte: Seit Freitag vorletzter Woche, Punkt null Uhr, wird in der Hansestadt zurückgesalzen.

Obwohl die Sozialdemokraten 1983 beschlossen haben aus Gründen des Umweltschutzes einen »grundsätzlich streusalzfreien Winterdienst« zu betreiben, ließ Wagner, anders als der bisher für das Streuen zuständige linke Energiesenator Jörg Kuhbier, umgehend auf mehr als tausend Kilometer schnee- und eisglatten Straßen Salz aufbringen - gerade so, wie es CDU-Opposition und Medien wochenlang gefordert hatten.

Daß der Winterdienst zum Dauerpolitikum gedieh, mochte die SPD - die möglicherweise im Sommer zu Neuwahlen antreten muß- nicht hinnehmen. Nicht nur der Tausalz-Verzicht hatte Tausende von Wählern empört, auch der Umstand, daß Räumfahrzeuge und umweltfreundliche Ersatzstoffe wie Sand oder Splitt selten rechtzeitig zur Stelle waren, weckte Bürgerzorn.

Verkehrsunfälle, Verspätungen und Ausrutscher aller Art wurden in den Lokalblättern als »Schneeopfer des SPD-Senats« ("Bild") hingestellt. Wagner indes feiern die rechten Medien, wie die alternative »Tageszeitung« nun notierte, als eine Art »Streusalz-Messias«.

Der Senator selber sieht sich als Umweltschützer: Er läßt nicht nur schlichtes Salz streuen, sondern auch eine Variante, die von einigen Glatteis-Experten, darunter seinem Organisationsleiter bei der Straßenreinigung, Dietrich Wulf, als relativ umweltfreundliches »Streumittel mit Zukunft« angepriesen wird. Bereits in mehr als hundert westdeutschen Städten wird der neue Stoff auf Fahrbahnen verbracht: sogenanntes Feuchtsalz.

Die Spezialität, eine Mischung aus herkömmlichem Straßensalz und einer Calciumchloridlösung, ist - um rund 20 Prozent - teurer als gewöhnliches Salz, wirkt aber schneller, haftet besser und läßt das Eis auch noch bei tieferen Temperaturen (bis minus 15 Grad) tauen. Der Salzverbrauch kann daher um 20 bis 30 Prozent gesenkt werden.

Dafür, daß der Salz-Einsatz reduziert wird, sprechen gewichtige Gründe. Längst ist erwiesen, daß die Salzerei Jahr für Jahr Schäden in Multi-Milliarden-Höhe zur Folge hat.

Mindestens 20000 Bäume gehen jährlich am Salz kaputt. Denn Natriumchlorid, Hauptbestandteil des Tausalzes, wird im Boden gespalten: Natriumteilchen verdrängen für das Pflanzenwachstum wichtige Stoffe, machen den Boden

nährstoffarm und trocknen ihn aus, Chlorionen gelangen in das Laub von Bäumen, zerstören das Zellgleichgewicht und führen dazu, daß schon im Sommer die Blätter fallen. Erst stirbt das Blatt, dann der Baum - gegen Salz, so scheint's, ist kein Kraut gewachsen.

Neben dem ökologischen Debakel richtet das Tausalz kaum meßbaren ökonomischen Schaden an. Beton- und Stahlbrücken werden geschädigt, Hausfundamente am Straßenrand zersetzt, und auch der Straßenbelag ist nicht immun gegen das aggressive Produkt.

Die Autofahrer, die am lautesten nach salzigen Straßen rufen, zahlen die Hauptlast. Der Salzfraß führt nach Schätzungen des Umweltbundesamtes (UBA) alljährlich zu Karosserieschäden in Höhe von rund 2,5 Milliarden Mark.

Doch selbst das Leben auf der Straße ist sicherer ohne Salz. Eine neue UBA-Studie für 1985 und 1986, in der die Unfallentwicklung in den Monaten Januar bis April im nahezu salzfreien Berlin und im überwiegend gesalzenen Bundesgebiet untersucht wurde, erbrachte ein verblüffendes Resultat: *___Im Bund nahm die Gesamtzahl der Straßenverkehrsunfälle ____um 2,8 Pro zent zu, in Berlin um sieben Prozent. *___Leichte Sachschäden (bis zu 3000 Mark) stiegen im ____Bundesgebiet um 1,6, in Berlin um 9,5 Prozent. *___Bei Sachschäden über 3000 Mark lagen die ____Vergleichsgebiete nahezu gleich (gut fünf Prozent ____Steigerung). *___Die Zahl der verletzten Personen jedoch stieg im Bund ____um 7,6 Prozent, in Berlin hingegen sank sie um 7,7 ____Prozent.

Mehr Blechschäden, dafür aber weniger verletzte Menschen bei Salzverzicht - das ist auch das Ergebnis einer Hamburger Untersuchung aus dem Winter 1985/ 86. Die schweren Unfälle mit Personenschäden gingen um rund zwölf Prozent zurück. »Es ist eben ein Irrglaube«, resümierte damals Hamburgs Umweltstaatsrat Fritz Vahrenholt, »daß Salz das Autofahren versüßt.«

Vom Deutschen Städtetag bis hin zum ADAC wird denn auch seit Jahren empfohlen, sparsam mit dem Umweltgift Salz umzugehen. »Wir raten dazu«, erklärt der Automobil-Club, »nur das geringste vertretbare Maß zu streuen und auch nur dann, wenn Gefahr für Leib und Leben droht.«

Doch immer noch werden, trotz bundesweiten Salzsparens, jeden Winter mehr als eine Million Tonnen Salz auf Straßen verteilt, weil kein hinreichender Ersatzstoff gefunden worden ist - und weil, so die Hamburger Stadtreinigung, gezielte Falschinformationen« der Salzindustrie verbreitet werden.

So berichteten unlängst die ARD-»Tagesthemen«, daß beim Splittstreuen mehr Salz auf die Straßen komme, als wenn das Taumittel allein ausgebracht werde. Der angebliche Grund: Um Splitt überhaupt wirksam streuen zu können, müsse etwa die doppelte Menge Salz untergemischt werden, die sonst zum Tauen benötigt werde.

»Völliger Unsinn«, kommentiert das Berliner Umweltbundesamt die Horrormeldung. Zwar gebe es einzelne Kommunen, die eine Salz-Splitt-Mischung verwendeten, doch das sei unnötig und falsch: Splitt friere nicht zusammen, daher bedürfe es gar nicht der Beimischung des Taumittels.

Kritisch bewerten das Umweltbundesamt und Umweltexperten der Länder auch das hohe Lob der Feuchtsalz-Befürworter. Auch bei dieser Variante, so Heinz-Detlef Gregor vom UBA, behalte das Salz seine negativen Eigenschaften, und das zugesetzte Calciumchlorid sei eher noch umweltschädlicher. Außerdem: Gerade weil Feuchtsalz so gut hafte, bleibe es länger auf Brücken und Straßen, Pflanzen und Autos kleben, so daß es trotz geringer Menge zu großen Schäden führe. »Es gibt«, urteilt das Umweltbundesamt, »keine umweltfreundlichen Auftaumittel.« Gregor: »Salz bleibt Salz.«

Die Bundesbürger, folgert der Sprecher der Hamburger Stadtreinigung, Gerd Eich, aus alledem, müßten »endlich wieder lernen, mit der Natur und dem Winter zu leben«. Doch das gehe »nur langsam ins Bewußtsein«.

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