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SPANIEN Symbol des Leidens

Die sozialistische Regierung will ein Heiligtum der Franquisten entweihen: den Alcazar von Toledo. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Ein Versäumnis des »Caudillo von Gottes Gnaden«. Francisco Franco: Er hätte zu Lebzeiten dafür sorgen müssen, daß Spaniens derzeitige sozialistische Regierung nicht Hand an eines der wichtigsten Franco-Symbole legen kann.

Den Alcazar von Toledo seit dem Bürgerkrieg »Trutzburg gegen die rote Barbarei und Sinnbild des Heldentums« der Franco-Armee, so eine Werbebroschüre, wollen die Sozialisten - einst Verlierer des Krieges - in ein Kulturzentrum umwandeln. Kultur jedoch galt bei Francos Leuten immer nur als Vorbote »marxistischer Subversion«.

Am 5. Februar 1965 hatte Franco per Dekret verfügt, den Alcazar zum größten Heeresmuseum seines Reiches zu machen, einen Ruhmestempel, in dem die Großtaten seiner Streiter verewigt werden sollten, vor allem die heroische Verteidigung der Festung durch 1100 Franco-Anhänger, die sich zu Beginn des Bürgerkrieges mit 520 Frauen und 50 Kindern in den gewaltigen Mauern und Felsnischen verschanzt hatten. 70 Tage lang widerstanden sie der Belagerung durch die Republikaner - bis Francos Truppen sie befreiten.

Die von über 10000 Granaten, 500 abgeworfenen Bomben und Tonnen von Sprengstoff zertrümmerte Festung wurde wiederaufgebaut, doch des Diktators Plan, im Alcazar ein Heldenmuseum des Franquismus einzurichten, mit dem auch das Madrider Heeresmuseum vereinigt werden sollte, blieb unerfüllt. Vermutlich glaubten die Sieger des Bürgerkriegs, dazu hätten sie noch Zeit genug.

Das nutzten die Sozialisten jetzt. Nach zweijährigen Verhandlungen vereinbarte Verteidigungsminister Narcis Serra, Hausherr der Burg, mit der Regionalregierung von Castilla-LaMancha, die riesige Burg über dem Tajo-Fluß kulturell zu nutzen.

Die sozialistische Regierung will alle »beleidigenden Botschaften« der Vergangenheit beseitigen - wenn auch nicht so brutal, wie einst die Franquisten die Geschichte nach ihrem Gusto zurechtgebogen hatten.

Eine der größten Privatbibliotheken Spaniens, die 325000 Bände umfassende Borbon-Lorenzana-Sammlung mit wertvollen Kirchenmanuskripten aus dem 12. Jahrhundert, die bislang noch in Kisten verpackt liegen, soll im Alcazar aufgestellt werden.

Zusätzlich soll die Feste die Stadtbibliothek Toledos, eine Phonothek, ein Photoarchiv und Ausstellungsräume aufnehmen. Die Innenhöfe will man, entsprechend einer Tradition aus dem 16. Jahrhundert, wieder für Konzerte, Theateraufführungen und Feste nutzen.

Allein diese Ankündigung genügte, um Francos Uralt-Anhänger zu mobilisieren, die fast schon in Vergessenheit geraten waren. »Die Marxisten werden auf den Köpfen unserer Toten tanzen«, alarmierte die nach der legendären Kampfstätte »El Alcazar« benannte Tageszeitung der Ultras die alten Kämpfer. Sie forderte Respekt vor den 200 »tapfersten Männern Spaniens«, die in den Kellern der Festung beerdigt sind - darunter der damals kommandierende Oberst Moscardo - er lebte noch bis l956 -, der es vorzog, seinen von den Republikanern gefangenen Sohn zu opfern, statt sich zu ergeben (SPIEGEL 30/1986).

Zum 50. Jahrestag der Befreiung der Belagerten pilgerten noch einmal Tausende Falangisten zum Ruhmestempel der franquistischen Vergangenheit. Vor der »Heiligen Jungfrau Maria vom Alcazar« versuchte der Militärkaplan vergebens, die niedergeschlagene Menge zu begeistern: »Die Helden des Alcazars sollten den Überlebenden als Beispiel dienen, um weiterzukämpfen gegen die Verderbnis dieser Welt.«

Aber den Kampf um ihre Festung erneut aufzunehmen, dazu sind die meisten Franco-Anhänger heute denn doch zu müde. Nur wenige stimmten in den historischen Zornesschrei ein: »Der Alcazar wird sich nicht ergeben.«

Außerdem hat die Armeeführung dem Plan bereits zugestimmt, das einstige Heiligtum zum Kulturzentrum zu machen. Als Gegenleistung zeigte die sozialistische Regierung Bereitschaft, das bisherige Belagerungsmuseum an Ort und Stelle zu erhalten.

Selbst Spaniens Kardinalprimas, Monsenor Marcelo Gonzalez Martin. Erzbischof von Toledo, der früher keine Gelegenheit ausließ, gegen die demokratische Verfassung und gegen die Sozialisten zu wettern, zeigt sich jetzt zur Enttäuschung der Altfranquisten überraschend gemäßigt: Der Alcazar sei nicht etwa das Symbol des Franquismus, sondern »Symbol des Leidens ganz Spaniens«.

So viel Toleranz des Oberhirten war nicht ganz gratis. Die sozialistische Regionalregierung hatte zuvor einem Millionenprogramm zur Restaurierung historischer Kirchenbauten zugestimmt.

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