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Hausmitteilung Syrien / Titel / Barenboim

aus DER SPIEGEL 25/2012
Reuter (l.)

Reuter (l.)

Foto: Vedat Xhymshiti / Der Spiegel

Über den Bürgerkrieg in Syrien berichtet SPIEGEL-Reporter Christoph Reuter seit vorigem Sommer - bisher stets anonym. Er reiste mit Visa ein, die ihn mal als Agrarexperten, mal als christlichen Pilger auswiesen, und er machte sich, illegal, über die grüne Grenze eines Nachbarlandes auf den Weg. So wollte er sich und seine Informanten schützen. Die sind inzwischen untergetaucht oder ums Leben gekommen. Der Gemüsehändler Ali Mahmud Osman etwa, der Reuter und anderen Journalisten geholfen hatte, war nach dem Einmarsch der Armee in Homs geblieben und verhaftet worden. Vor wenigen Wochen wurde er zu Tode gefoltert. Der Reporter erlebte Hubschrauberangriffe, sah Verwüstungen, furchtbar zugerichtete Leichen, Rebellen und die Schabiha-Milizen des Assad-Regimes. Was die staatliche Propaganda glauben machen möchte, sah er hingegen nicht: ausländische Kämpfer oder syrische Dschihadisten-Gruppen, die einen Gottesstaat errichten wollen (Seite 82).

Aus der Arbeit an der Titelgeschichte zog SPIEGEL-Redakteurin Julia Koch auch persönlichen Nutzen: Kurz nachdem sie ihre Recherchen über Schwangerschaften abgeschlossen hatte, wurde sie zum zweiten Mal Mutter. Einige der Ärzte und Wissenschaftler, die Koch befragt hatte, hätten sie gern als Probandin für ihre Studien gewonnen. Ergründen wollen Experten wie die Hamburger Ärztin Anke Diemert, wieweit der Lebenswandel werdender Mütter darüber bestimmt, ob Nachkommen übergewichtig, hyperaktiv oder psychisch krank werden. Vor allem mütterlicher Stress, so hat es den Anschein, kann sich negativ auswirken. Koch weiß allerdings nur zu gut: »Mit Job und Kleinkind nicht gestresst zu sein ist jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung.« Sie bemühte sich, den Ratschlägen der Pränatalforscher zu folgen. Offenbar mit gutem Ergebnis: Sohn Carl sei »ein gesundes, gelassenes Kind«, sagt die Redakteurin (Seite 120).

Ziemlich erschöpft war Daniel Barenboim, als er die Redakteure Joachim Kronsbein und Bernhard Zand zum SPIEGEL-Gespräch in seiner Künstlergarderobe empfing, soeben hatte er im Wiener Musikverein Bruckners 5. Symphonie dirigiert. Barenboim, in Argentinien geboren und in Israel aufgewachsen, sprach über Musik, vor allem aber über Politik - und kritisierte die Regierung in Jerusalem: »Wagner verbieten und gleichzeitig deutsche U-Boote kaufen, das ist doch absurd.« Sein Verhältnis zu Israel ist ein gespaltenes. »Wie wollen Sie Patriot sein in einem Staat, der seit 45 Jahren fremdes Territorium besetzt?«, fragte Barenboim die SPIEGEL-Leute. Das Gespräch wurde kurz unterbrochen, als auf dem Handy des Dirigenten eine SMS einging. Sir Simon Rattle, der Chef der Berliner Philharmoniker, hatte im Publikum gesessen und simste seine Begeisterung. Noch nie sei ihm die Fünfte Bruckners, dieser symphonische »Koloss«, in einer Aufführung »so verständlich« geworden (Seite 110).

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