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RHEINLAND-PFALZ Tabak und Ruhm

aus DER SPIEGEL 10/1966

Ein Parteifreund erinnert sich so: »Wenn auf einer langweiligen Versammlung der Jungen Union ein großer Mann mit einer großen Pfeife auftauchte, war sofort Krach da.«

Derweil den kurzen Hosen christdemokratischen Jungvolks entwachsen, schickt sich der große Mann (1,93 Meter) jetzt an, in ein würdiges Habit zu schlüpfen: Helmut Kohl, 35, Vorsitzender der CDU-Fraktion im rheinland pfälzischen Landtag, wird am kommenden Sonnabend zum Landesvorsitzenden seiner Partei und - allem Anschein nach - in spätestens drei Jahren zum Ministerpräsidenten seines Landes gewählt werden.

Von der tabakqualmenden (Lieblingsmarke: Richmond Medium Navy Cut) Parteilokomotive überrollt wurde der Mainzer Regierungschef Peter Altmeier, 66, seit 19 Jahren Führer der Union an Rhein und Mosel. Widerwillig gab er dem Kohl die Bahn frei und verzichtete auf eine neue Kandidatur beim CDU -Landesparteitag in Koblenz.

»Spannungen«, so dämpfte Altvater Altmeier das christdemokratische Palaver um die Parteiherrschaft, »gibt es nicht, eben Altersunterschiede.« Und in der Tat ist der Thronwechsel eher Folge des Generationsproblems denn prinzipieller Unterschiede im politischen Weltverständnis.

Weinkenner Kohl, der Jura, Staatswissenschaft und Geschichte studierte und 1958 mit dem Thema »Das Wiedererstehen der Parteien nach dem Zusammenbruch« zum Dr. phil. promovierte, erwarb sich sein politisches Rüstzeug in der Jungen Union. Seine Robustheit, seine rednerische Begabung und der kühle Verstand brachten dem Syndikus des »Industrieverbands Chemie« in Ludwigshafen bald die Sympathien des jungen Parteivolkes.

Beihelfer fand der dynamische Pfeifenraucher Kohl in dem Pfeifenraucher Willibald Hilf, 34, der als Fraktionsgeschäftsführer im Mainzer Landtag auf CDU-Hinterbänken um Kohl-Freunde warb, und dem Pfeifenraucher Hanns Schreiner, 35, Journalist und Kohls Kontaktmann zur Zeitungswelt, der dem Parteikarrieristen eine ausgezeichnete Presse verschaffte.

Anders Altmeier: In kleinbürgerlichen Verhältnissen groß geworden, im katholischen Windthorstbund und später im Zentrum ausgestattet mit einem begrenzten Weltbild, haftete an ihm stets der Ruch eines Mannes der Provinz.

Der kontaktarme, meist dunkel gewandete Regierungschef hatte letzthin eine schlechte Presse. Es fehlt die Verbindung, seit Altmeier seinem Landespressechef Josef Gutberlet die Teilnahme an Kabinettstreffen untersagte: Gutberlet war einmal auf einer Sitzung eingeschlafen.

Zwar hat sich der Landesherr um sein Imperium verdient gemacht. Er opponierte mit Erfolg gegen alle Bestrebungen, das einst von den französischen Besatzern aus den preußischen Regierungsbezirken Trier, Koblenz und Montabaur sowie Teilen von Hessen und der Pfalz zusammengebraute Retortenland Rheinland-Pfalz zu liquidieren und den kraftstrotzenden Nachbarn Hessen, Baden -Württemberg oder Nordrhein-Westfalen einzuverleiben. Aber es gelang ihm

nicht, seinen unglücklich strukturierten, wirtschafts- und bevölkerungsarmen Zwergstaat zu einem lebensfähigen Bundesland zu machen.

Unter der ständigen Finanznot und dem biedermeierlichen Leben am Mainzer Hofe litt das Ansehen des Landes so sehr, daß Rheinland-Pfalz heute als Schlußlicht unter den Bundesländern gilt - ein Ruf, der den Jungmann Kohl grämt. Unter ihm soll alles anders werden: »Die Zeit der Gartenlaube ist vorbei.«

Auf dem Weg in eine neue Zeit half dem Helmut Kohl eine Schlappe seiner eigenen Partei. Bei der Landtagswahl 1963 verlor die CDU in Rheinland -Pfalz ihre absolute Mehrheit - nur noch drei Sitze- trennen sie von der sozialdemokratischen Opposition. Die Christdemokraten mußten sich zu politischen Zugeständnissen an den freidemokratischen Koalitionspartner bequemen.

Kohl erkannte, seine Partei müsse fortan »mit ganz anderen Maßstäben arbeiten als bisher«. Zunächst einmal veränderte er die Maßstäbe in der CDU -Landtagsfraktion. Wie Bonns Barzel schmiedete Kohl seine Fraktion zu einer zweiten Kraft neben den Christdemokraten im Kabinett.

Kühn fegte Kohl Altmeiersche Tabus beiseite. Auf einem Parteitreffen wetterte er gegen die Harmonie zwischen dem Mainzer Regenten und dem katholischen Klerus: »Die CDU ist weder

Kirchenpartei noch verlängerter Arm der Kirchen. Ihre Aufgabe ist weder die Verkirchlichung noch die Verchristlichung der politischen Welt.«

Katholik Kohl, der Konfessionsschulen für überholt hält, zog gegen die »Aktion Saubere Leinwand« des rheinland-pfälzischen Bundestagsmitglieds Professor Süsterhenn zu Felde, und er schätzt Umgang mit Pinschern: »Wenn die CDU auf der Höhe ihrer Zeit bleiben will, muß sie das Gespräch mit den Intellektuellen suchen und einen vernünftigen Kontakt zur öffentlichen Meinung herstellen.«

Kohls Reden hallten bis nach Rhöndorf. Parteichef Adenauer empfing den Mainzer Kronprinzen mehrmals zu Gesprächen unter vier Augen, und auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin nahm der Pfälzer »völlig unprotokollarisch« (Kohl) an einem Essen teil, das der Bundespräsident zum 90. Geburtstag des Altkanzlers gab. Im März soll Kohl, der sich die Zuneigung des Parteioberen nicht erklären kann ("Ich weiß auch nicht, warum der Mann einen Narren an mir gefressen hat"), mit Adenauers Hilfe in das CDU -Präsidium gewählt werden.

Im eigenen Lande fordern Kohl und seine Jungmänner jetzt den Preis dafür, daß sie der Regierungspartei an Rhein und Mosel zu besserem Ansehen verholfen haben. Zwar scharten sich, als Kohls Appetit auf den Parteivorsitz ruchbar wurde, die CDU-Honoratioren aus den Bezirken um den Patriarchen und versicherten ihm ihre Ergebenheit. Aber Altmeier schreckte vor der drohenden Kampfabstimmung auf dem Landesparteitag zurück und verzichtete.

Am Sonnabend dieser Woche wird er sein liebgewonnenes Amt an seinen Widersacher abtreten. Die nächste Landtagswahl soll Altmeier noch mit gewinnen helfen; 1969, in der Mitte der Legislaturperiode, soll er zum noch höheren Ruhm Kohls auch den Regentensessel frei machen.

Daß bis dahin die Rheinland-Pfälzer ihren Kohl noch näher kennenlernen werden, scheint gewiß, denn der Polit -Manager aus Ludwigshafen ist mit Gespür für Publizität begabt.

Als bei einem Landtagsausflug nach Bad Dürkheim Fernsehleute auftauchten, lieh sich Kohl eine Badehose und hechtete vor der Kamera viermal vom Drei-Meter-Brett eines nahegelegenen Schwimmbassins. Als dann die TV -Redakteure noch immer nicht zufrieden waren, sprang Kohl ein fünftes Mal.

Altmeier-Rivale Kohl: »Die Zeit der Gartenlaube ...

... ist vorbei": Ministerpräsident Altmeier

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