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USA Täglich am Schießstand

Zur Abwehr von Kidnappern und anderen Terroristen ersinnen amerikanische Bastler immer neue Geräte. US-Firmen investieren Milliarden Dollar zum Schutz ihrer Anlagen und Angestellten im Ausland. *
aus DER SPIEGEL 32/1985

Dies Gerät gleicht einem mechanischen Hund«, erläutert Philip Rosen. »Es schnuppert und entdeckt auch die geringste Spur von Sprengstoff.«

Das Gerät, einem automatischen Brieföffner nicht unähnlich, zählt zu den Bestsellern der Rosen-Firma Law Enforcement Associates in Secaucus (New Jersey): Zur Früherkennung möglicher Bomben-Post steht es mittlerweile in Hunderten amerikanischer Büros.

Der Fahndung nach Kidnappern und ihren Geiseln dienen zwei andere Rosen-Geräte: das »Vehicle Follower System«, mit dem sich ein Kidnapper-Auto verfolgen läßt, und (falls es mit der Verfolgung doch nicht klappt) ein simpler Gürtel mit eingebautem Sender, der ununterbrochen Kunde über das Versteck einer Geisel in den Äther piept - sofern die Geiselnehmer ihr Opfer nicht ausziehen.

Rosen-Konkurrenten überall in den USA - einer davon, spezialisiert auf

»Schutzmaßnahmen aller Art sowie Gegenmaßnahmen bei Beschattung und Überwachung«, in unmittelbarer Nähe des Weißen Hauses in Washington - bieten ähnliche Defensivwaffen an.

Es gibt Regenschirme, von denen Salven aus einer Maschinenpistole angeblich ebenso wirkungslos abprallen wie Wassertropfen; Aktenkoffer, die sich auf Knopfdruck in tödliche Selbstschußanlagen verwandeln; gepanzerte Westen mit eingebautem Temperaturausgleich; gepanzerte Autos mit eingebautem Rammschutz und versenktem MG.

Lange schon bevor im Juni eine TWA-Boeing in die Gewalt schiitischer Entführer geriet, hatte das Schutz- und Selbstschutzgewerbe Konjunktur in den USA. Inzwischen aber erlebt das Geschäft mit dem Terrorismus eine Hausse, ist die »Ausrüstung zum Aufspüren von Kidnappern« ein beinahe selbstverständliches Angebot der einschlägigen Unternehmer. Und sicherheitsbewußte Amerikaner kaufen Selbstschutz, was das Zeug hält.

Schließlich haben Terroristen nach einer Berechnung der Rand Corporation seit 1970 im Ausland über 200 US-Büros und -Gebäude in die Luft gejagt, 25 Repräsentanten amerikanischer Firmen im Ausland getötet und um die 40 gekidnappt. 1985 könnte, gemessen an den Zahlen der ersten sechs Monate, sehr wohl ein neues Rekordjahr werden.

»Ein amerikanischer Geschäftsmann, der sich für einen Auslandsaufenthalt verpflichtet«, warnt der Manager William Niehous, »muß sich darüber im klaren sein, daß er gebrandmarkt ist.« Niehous weiß, wovon er spricht: Er war 1976 in Venezuela gekidnappt und von seinen Entführern drei Jahre lang versteckt gehalten worden.

So nimmt es nicht wunder, daß die Ausgaben amerikanischer Firmen für die Sicherheit ihres Personals und ihrer Einrichtungen im Ausland sprunghaft in die Höhe schnellten: von 3 Milliarden Dollar im Jahre 1968 auf 15 Milliarden Dollar 1984. Ehemalige Geheimdienstagenten und Polizisten stellen das Gros der Beschützer und Ausbilder. In intensiven Schnellkursen bringen sie ihren Schützlingen zum Beispiel bei, wie man, droht ein Kidnapping im Auto, versuchen kann, den Terroristen durch halsbrecherische Schleuder- und Wendemanöver zu entkommen.

Sie selbst stehen beinahe täglich am Schießstand, zielen so lange auf lebensgroße Pappfiguren, bis auch der letzte Schuß dort sitzt, wo im Ernstfall das Terroristen-Herz schlägt, und bilden sich außerdem weiter durch das Studium eben jener Taktiken, die von den Terroristen benutzt werden. Darauf wiederum stellen sie ihre Strategie für Personen- und Objektschutz ab.

Das bedeutendste - und vermutlich auch seriöseste - Unternehmen dieser Art, die Wackenhut Corporation in Miami, bewacht und schützt im Auftrag der US-Regierung eine Vielzahl von militärischen Objekten, aber auch die zivilen Nuklearanlagen des Landes. Chef der Firma, deren Aktien an der New Yorker Börse gehandelt werden, ist der frühere FBI-Agent George Wackenhut.

Auf Profi-Erfahrungen kann auch Mike Ackerman zurückblicken, früher bei der CIA, jetzt Präsident der ebenfalls in Miami ansässigen Firma Ackerman & Palumbo. Sein Unternehmen erstellt »Risiko-Vorhersagen« mit detaillierten Angaben über die Sicherheitsprobleme einzelner Länder (Preis pro Vorhersage: 4800 Dollar) und operiert - falls trotz aller Vorbeugung doch etwas schiefgeht und beispielsweise jemand entführt wird - zugleich als Unterhändler zwischen US-Firmen und ausländischen Terroristen.

In Zukunft erhält Ackermans Geschäft möglicherweise noch eine etwas handgreiflichere Abteilung. »Unter bestimmten Umständen«, so Ackerman kürzlich im US-Fernsehen, »würde ich den Einsatz eines Kommando-Unternehmens zur Befreiung einer Geisel nicht ausschließen.«

Denn was immer auch die Bastler von Selbstschutzgeräten an Neuem erfinden, wie gierig eine verängstigte Kundschaft sich eindecken mag - Rosens Jahresumsatz stieg seit 1976 von 8 auf 22 Millionen Dollar -, die Terroristen sind immer einen Schritt voraus.

Robert Kupperman, derzeit wohl der angesehenste Terrorismus-Experte der USA, warnt denn auch: »Manches funktioniert sehr ordentlich, manches überhaupt nicht. Vieles schließlich ist den Terroristen längst bekannt und vergrößert nur die Gefahr, daß die jemanden umbringen, den sie damit erwischen.«

Einen kräftigen Aufschwung hat folglich auch das Versicherungsgewerbe genommen. Mehr und mehr Unternehmen schließen Schutzverträge für ihre leitenden Angestellten ab, und sei es nur, um etwaige Lösegelder nicht aus der eigenen Tasche zahlen zu müssen.

In den vergangenen 15 Jahren, ermittelte die TV-Gesellschaft ABC, erstatteten die Assekuranz-Agenturen Lösegelder in Höhe von etwa 480 Millionen Dollar. _(unten: mit Sprengstoffdetektor. ) _(Oben: zerstörtes Büro der Fluglinie ) _(Northwest Orient in Kopenhagen am 22. ) _(Juli; )

unten: mit Sprengstoffdetektor.Oben: zerstörtes Büro der Fluglinie Northwest Orient in Kopenhagenam 22. Juli;

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