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Täglich eine Überdosis an glasklarer Logik

SPIEGEL-Redakteur Joachim Hoelzgen über den Aufstieg des Erfinders Andreas von Bechtolsheim in den USA *
Von Joachim Hoelzgen
aus DER SPIEGEL 46/1986

Wenn sich Andreas von Bechtolsheim einmal von seinem Computer-Bildschirm trennen kann, um Besuchern die Szene vor der Glasfront des Büros zu zeigen, ist er froh, wie mancher 30jährige daheim in Deutschland »überzeugter Pazifist« zu sein.

Schräg gegenüber, jenseits der Garcia Avenue in der kalifornischen Stadt Mountain View, symbolisiert ein ockerfarbener Fabrikkoloß von Ford Aerospace den militärisch-industriellen Komplex der USA. 10000 Techniker montieren hier Amerikas Spionagesatelliten.

Links davon, im Gebäude Garcia Avenue 2535, residiert die Firma GRiD Systems. Hersteller raffinierter Mikrocomputer, mit denen Pentagon-Planer moderne Sandkasten-Manöver üben und auch schon einen echten Ernstfall, die Invasion Grenadas, durchspielten.

Über den futuristischen Pavillons und High-Tech-Fabriken gewinnen P-3-Orion-Flugzeuge langsam an Höhe. Die silberglänzenden Maschinen sind auf dem Marineflughafen Moffet Field gestartet und fliegen nun über die Berge der Coastal Range in den blauen Himmel über dem Pazifik, um vor der Küste Kaliforniens sowjetische Atom-U-Boote aufzuspüren.

Bechtolsheim hat sich an dieses Panorama gewöhnt, schwummrig wird ihm hin und wieder doch. Er fürchtet, wie viele Ingenieure in Silicon Valley, dem Weltzentrum des High-Tech-Business, der Mikroprozessoren und Computer, einen Atomkrieg aus Versehen. Vor dem würde ihn auch nicht die Plastikkarte schützen, die ihn als »resident alien«, als in den USA ansässigen Ausländer, markiert - ein Status, der jedoch das Gewissen beruhigt: Als Inhaber der Karte darf Bechtolsheim nicht an Rüstungsaufträgen arbeiten.

Nicht daß er ein Grüner wäre, wie man von seinem Outfit - Sandalen, Pullover, ausgebeulte Khakihose - schließen könnte. Bechtolsheim ist viel zu sehr damit beschäftigt, einen privaten und zugleich uramerikanischen Traum auszuleben - und den beschreibt er, fast im Originalton eines Ronald Reagan, so: »Er besteht in der Freiheit, sein eigener Herr zu sein.«

Der schlaksige Mann aus Lindau am Bodensee hat es geschafft. Er wurde, dank eines von ihm entwickelten Computers, praktisch über Nacht zu einem der reichsten Deutschen seiner Altersklasse - zumindest jener 30jährigen, die keine Latifundien und kein Industrie-Imperium geerbt haben.

Wie groß sein Vermögen genau ist, entzieht sich angeblich der Kenntnis des Computeringenieurs, doch mehr als 60 Millionen Mark dürften''s schon sein. Wenn der Börsenkurs der Firma Sun Microsystems, die er vor vier Jahren mitbegründet hat, auch nur um einen Dollar zulegt, ist Bechtolsheim an diesem Tag um eineinhalb Millionen Dollar reicher. Der Sohn eines Lehrers kennt aber auch das Gegenteil. »Wenn die Börse einen schlechten Tag hat«, sagt er, »verliert man auch - was soll''s?«

Bechtolsheims Computer aus der Fabrik in Mountain View stehen nicht nur in den Forschungs- und Entwicklungslabors von Großkunden wie Kodak, dem japanischen Elektronikriesen Toshiba und dem französischen Mischkonzern Schlumberger, der mit ihrer Hilfe geologische Schichten auf Ölvorkommen untersucht. Bechtolsheim übt mit den Geräten indirekt auch Einfluß auf Millionen Anleger an der New Yorker Börse aus, wo sich Wertpapierhändler ihrer bedienen, um aus einem Puzzle von Firmen- und Währungsdaten in Sekundenschnelle Prognosen über die Kursentwicklung zu erstellen.

Der Deutsche in Mountain View sieht das gelassen. Bei ihm liegt nicht das »Wall Street Journal«, sondern Fachliteratur auf dem Tisch, Blätter mit Titeln wie »Network World«, »Electronic Newsletter« und »Electronic Engineering Times«.

Die Schlagzeilen künden vom verführerischen Horror der Hochtechnologie, zum Beispiel: »Startup Nestor readies neural network-based products« - auf deutsch: »Der Firmenneuling Nestor bereitet Produkte auf Gehirnzellen-Basis vor«, oder: »Intel''s 80386 heralded as mighty VAX-killer.« Der Chip-Hersteller Intel, so der Kern dieser Botschaft, hat einen Mikroprozessor herausgebracht, der nur 100 Dollar kostet. Als mächtiger »Killer« bedroht er nun die Rechner der VAX-Baureihe des Computerriesen Digital Equipment Corporation (DEC), die 100000 Dollar kosten.

Bechtolsheims Interesse gilt vor allem dem neuen Chip. Denn billige elektronische Bausteine waren es auch mit denen er seine Karriere startete. Das war 1981, als sich der Student an der Stanford University im benachbarten Palo Alto im Alleingang an die Umsetzung einer Idee machte.

Phantastisch genug schien sie zu sein. Der Deutsche hatte sich vorgenommen, einen preiswerten Kompakt-Computer von der Größe eines Fernsehapparats zu konstruieren, der ähnliche Leistungsdaten wie sperrige und Millionen Dollar teure Großanlagen, sogenannte mainframes, haben sollte.

Den Anstoß dazu gab seine Beobachtung, daß selbst in der reichen Stanford University Studenten an den Großrechnern der Labors und Institute Schlange stehen mußten, weil die Anlagen stets von irgend jemandem benutzt wurden.

Bechtolsheim sah aber auch die Chance, es mit den Herstellern der Großanlagen kommerziell aufnehmen zu können.

Kompakt-Computer schienen zum Einbruch auf einen profitablen Markt geeignet - und zwar den für Ingenieure, Techniker, Wissenschaftler und Architekten, bei denen Bedarf nach erschwinglichen Hochleistungscomputern mit extrem klaren Bildschirmen bestand. Die sogenannten Arbeitsstationen ("technical workstations") boten sich als Werkzeuge zum Entwurf etwa von Autokarosserien, Flugzeugflügeln, Hängebrücken, zur Nachbildung von Atomen auf dem Sichtschirm, aber auch zum Design von Mikroprozessoren an.

Dabei kam Bechtolsheim gelegen, was in Deutschland als Sakrileg empfunden wird: die enge Verflechtung zwischen Forschungsinstituten der Universitäten und jenen der Industrie, die in den USA selbstverständlich ist. Auf dem Gelände der Stanford University befindet sich nicht nur das Hauptquartier des Computerunternehmens Hewlett-Packard, sondern auch das Forschungszentrum des Kopiergeräte-Konzerns Xerox, elektronische Fundgruben, die es zu nutzen galt.

Auch der weltgrößte Supermarkt für Mikrochips, weiter südlich in der Silicon-Valley-Metropole San Jose, erwies sich als lohnend. Bechtolsheim kaufte dort elektronisches Gerät en gros ein, verstaute es in seinem VW, karrte es nach Palo Alto und begann im sogenannten Xerox-Lab mit der Verdrahtung des Computers Marke Eigenbau.

So etwas lag dem gebürtigen Bayern schon als Sechsjährigem, der aus den Verstärkern und Netzteilen des Kosmos-Baukastens »Der kleine Elektriker« im Rekordtempo Radios und Lautsprecher gebastelt hatte und sich an die Details genau erinnert: »Meine erste Lötstelle eröffnete eine ganz neue Welt - wie das schon roch, einfach magisch.«

Auch im Xerox-Lab nahm Bechtolsheim rasch alle Hürden. Er fertigte, dank geschickter Anordnung der Chips, aus den Supermarkterzeugnissen einen Do-it-yourself-Ferrari der Computerwelt, bestückt zunächst mit der Verarbeitungskapazität von einem Mips, dem Slang-Kürzel für eine Million Instruktionen pro Sekunde.

Unter den Stanford-Studenten sprach sich die Existenz des Bechtolsheimschen Prototyps schnell herum. Sie forderten den Deutschen auf, für Nachschub zu sorgen. Silicon-Valley-Firmen boten sich an, den Computer in Lizenz nachzubauen.

Doch Bechtolsheim besaß da seine Erfahrungen. Gleich nach dem Abitur in Lindau hatte er einen Steuerungscomputer für Blechstanzmaschinen entworfen, von dem ein Unternehmer im Nachbarort Nonnenhorn Tausende in die Sowjet-Union verkaufte. Bechtolsheim kassierte für jedes Exemplar 100 Mark Lizenzgebühr und hatte dadurch, sagt er, »mehr Geld als mein Vater«.

Der damals 18jährige Erfinder, dessen Steuerungsgeräte wohl noch heute Bleche in sowjetischen Metallpressen hin- und herbewegen, machte aber auch eine Erfahrung: »Mir war sofort klar, daß ich eines Tages eine eigene Firma besitzen wollte. Auf Anhieb hatte ich verstanden, daß das die beste Methode ist, um Geld zu verdienen.«

Dabei blieb der Deutsche auch in Palo Alto, als ihn auf der Studentenbude Elektronik-Entrepreneure bestürmten und nacheinander Top-Manager von IBM und DEC anriefen. Die aber bestärkten bei dem Erschütterer ihres Monopols auf Hochleistungscomputer den Verdacht, mit solchen Offerten zunächst einmal die Fortentwicklung des Prototypgeräts und dann eine Fabrikation des Sun-Computers in den Startblöcken stoppen zu wollen. Bechtolsheim: »Die wollten mich und nicht meinen Computer.«

Silicon Valley erlebte ein neues High-Tech-Märchen, ähnlich dem der Studienabbrecher Stephen Wozniak und Steven Jobs, die ihren VW-Bus verkauft hatten, um mit dem Erlös den Bau ihres ersten Personalcomputers zu finanzieren. Jobs und Wozniak starteten so das Milliarden-Unternehmen Apple, mit dessen Computern auch ein Gigant wie IBM erst Jahre später konkurrieren konnte.

Bechtolsheim ist ein Enthusiast, einer, den das strukturbegriffliche Denken seiner Branche mit ihren Rastern und Systemen noch nicht überwältigt hat. Die Computer im abgedunkelten Demonstrationsraum nennt er Renoir und Matisse, weil ihr Graphikprozessor 16 Millionen Farbschattierungen erzeugen kann.

Andererseits: Wenn auf dem Bildschirm ein rotierendes Modell der Space Shuttle auftaucht, ist er auch nicht zufrieden. »Alles, was über eine halbe Sekunde dauert, ist zu lange«, redet sich Bechtolsheim dann ein.

Ein Erfinder wie er wähnt seine Selbstverwirklichung gefährdet, wenn eine meßbare Zeitspanne in Leerlauf umzuschlagen droht. Das war schon so, als Bechtolsheim an der Technischen Universität München Elektrotechnik und Datenverarbeitung studieren wollte, seine Erwartungen jedoch bald gedämpft sah, weil ihm zunächst alles über Hochspannungsmasten und Feinmeßgerätetechnik, doch nichts über Computer vermittelt wurde.

Bechtolsheim beschloß, ein Bildungs-Emigrant zu werden, frustriert von der blassen Theorie der deutschen Universitätslehrpläne, enttäuscht vom Interesse der Professoren ("gleich Null") und dem der Mitstudenten, denen es vor allem um die Frage gegangen sei, »bei wem man bequem was abschreibt«.

Er bewarb sich bei der Fulbright-Stiftung um ein Stipendium und erhielt einen Studienplatz an der Carnegie-Mellon University in Pittsburgh, einer Hochburg amerikanischer Computerwissenschaften. Die Wahl war wohl richtig, sogleich durfte der deutsche Gaststudent an der Entwicklung eines Multiprozessors mitarbeiten.

Glück für ihn war auch, daß ausländische Studenten in den USA jederzeit die Uni wechseln können, anstatt sich, wie in Deutschland, mit Formularbergen der Universitätsbürokratie und Numerusclausus-Regeln abplacken zu müssen. Mit dem »Gefühl eines Planwagenfahrers, der auf dem Weg in das Gelobte Land ist«, fuhr er eines Tages, der winterlichen Stürme im Norden der USA überdrüssig, nach Kalifornien und stellte sich in Palo Alto an der Stanford University vor. Hier erhielt Bechtolsheim die Aufgabe, logarithmische Chips zu entwickeln.

Im knallharten Verdrängungswettbewerb des amerikanischen Computermarkts wäre es für den kreativen Genius vom Bodensee allerdings ein frommer Akt der Selbsttäuschung gewesen, als alleiniger Boß eines Firmenneulings mit der Umsatzziffer Null Kolosse wie IBM und DEC herausfordern zu wollen. Nur gut, daß es die Stanford University mit ihrem Pool von Talenten gibt.

Bechtolsheim stieß auf zwei junge Männer, die ihm die Doppelexistenz eines Erfinders und Geschäftsmanns erleichtern sollten: Vinod Khosla, Sohn indischer Einwanderer, sowie Scott McNealy, Studenten an der Stanford Business School und wie er gerade

25 Jahre alt geworden.

Khosla hatte zu jener Zeit mit einer Computerfirma im benachbarten Sunnyvale schon seine erste Dollarmillion gemacht und sah die Chance, dank des Kompakt-Computers einen Markt der Zukunft beherrschen zu können. Bei McNealy kam die Motivation hinzu, seinen Vater zu überholen, der Vize-Chef beim Autoriesen American Motors war.

Einen Namen für die Firma hatte Bechtolsheim bereits gefunden: Sun Microsystems, abgeleitet von der Abkürzung seines Versuchsexemplars Stanford University Network (Sun). »Das klang warm, phantasievoll und schön optimistisch«, erläutert er.

Das fanden, nach dem Studium eines nur zehnseitigen Geschäftsplans, auch die Leitfiguren des technologischen Hochkapitalismus Kaliforniens: die in San Francisco ansässigen Risikokapitalisten ("venture capitalists"). Anlageberater und Geldmanager, die auf der Suche nach erfolgverheißenden High-Tech-Neulingen, »startups« genannt, Milliarden Dollar in Silicon Valley und Umgebung investieren.

Ein Wochenende genügte Bechtolsheim, Khosla und McNealy, um zunächst zwei Kapitalgeber, West Coast Ventures und US Venture, von den Zukunftsaussichten des Hochgeschwindigkeitscomputers zu überzeugen. Ohne Umschweife - Zeit ist Gold in Silicon Valley - erhielten die drei, gegen die Hälfte des zukünftigen Aktienkapitals, ein Startgeld in Höhe von zehn Millionen Mark.

»Es kommt darauf an, Firmen zu entdecken, deren Produkte klar auf den Markt zugeschnitten sind.« Das sagt L. John Doerr, Talentfahnder der Venture-Firma Kleiner Perkins, die sich als dritter Geburtshelfer für Sun Microsystems engagierte. Kleiner Perkins hatte in einem Garagen-Labor die Firma Genentech entdeckt, die Insulin mit Hilfe von Bakterien erzeugt und nun einen Börsenwert in Höhe von drei Milliarden Dollar aufweist.

Dem Talentsucher Doerr, der in einer ganz in Dunkelblau getauchten, klimagekühlten Büroflucht in einem Wolkenkratzer San Franciscos residiert, gefiel nicht nur das Konzept, sondern auch die Art des Deutschen, von dem er den Eindruck hatte, daß er »seine Aufgabe über das Ego stellt« - eine Eigenschaft, die gerade im quirligen Kalifornien nicht unbedingt zu den Tugenden junger Erfinder zählt.

Im Twen-Alter der Firmengründer sah der Routinier kein Hindernis. Doerr: »Der Vorteil solcher Youngsters ist, daß sie im Grunde gar nicht wissen, was sie leisten können. Sie versuchen das Beste und haben gerade deshalb Erfolg.«

Es kam, wie von Doerr erwartet und von der jungen Troika, die in Mountain View ihr Hauptquartier aufschlug erhofft. Von 23 Millionen Mark im Gründungsjahr 1982 schnellte der Jahresumsatz von Sun Microsystems auf zuletzt knapp eine halbe Milliarde Mark, erwirtschaftet von 1800 Angestellten. Die Kalifornier eroberten fast ein Drittel des US-Markts an technischen Arbeitsstationen, gefolgt von dem Mitbewerber Apollo in Chelmsford (Massachusetts). DEC, Data General, Hewlett-Packard und zwei Dutzend weiterer Firmen.

Anfang dieses Jahres, wie einst beim Vergleichskampf mit Apple um Jahre verspätet, bildete IBM den ersten Brückenkopf. Doch der Marktanteil, derzeit noch unter zehn Prozent, ist für »the Big Blue« enttäuschend - eine Klientel, die sich aus Technik-Profis zusammensetzt, läßt sich wegen des Büro-Images von IBM nur schwer für das Produkt erwärmen. Dabei geht es, wie

Analytiker der Firma Dataquest in San Jose ermittelten, um den zukunftsträchtigsten Sektor des Computermarkts. Dataquest schätzt, daß die Umsatzzone von derzeit 3,2 Milliarden Dollar bis 1988 auf mehr als 13 Milliarden Dollar wachsen wird.

Ein Star am elektronischen Glitzerfirmament Silicon Valleys zu sein, der wie ein Pop- oder Hollywood-Mogul leben könnte - diese Vorstellung lenkt die Gedanken des Andreas von Bechtolsheim in eine ganz andere Richtung.

Morgens um acht, wenn er sich in den Verkehrsstrom nach Mountain View einreiht, spricht er von der Vorfreude, im Entwicklungslabor »meine Show abziehen zu können« und »die Tiger zu füttern« - Computeringenieure, die den derzeit auf vier Mips ausgelegten Rechner für eine doppelte Verarbeitungskapazität trimmen. Bis 1990 soll die Leistung auf die eines Supercomputers mit 64 Mips anwachsen - denn anders, feuert Bechtolsheim sich an, lasse sich der Entwicklungsvorsprung angesichts der Konkurrenz von IBM nicht halten.

Der junge Erfinder ist an einem kritischen Punkt seiner Karriere angelangt. Er fühlt sich durch IBM herausgefordert, zugleich aber - auch das eine Position, in der sich noch kein Deutscher vor ihm fand - als Herausforderer von IBM. Am wichtigsten für ihn sei, »die nicht an uns herankommen zu lassen« - und das, obwohl IBM gerade den Preis für seine Arbeitsstation mit weniger als 8000 Dollar auf den der billigsten Sun-Microsystems-Version gedrückt hat.

Die Möglichkeiten, die sich ihm in Kalifornien bieten, prägen das Bild, das sich Bechtolsheim von der fernen Heimat macht. Westdeutschland, meint er, sei gewiß kein Land der Chancenungleichheit, wohl aber eins, in dem es an Chancen mangele: »Als Elektroniker kann man eigentlich nur zur Bundespost oder zu Siemens gehen. Und weil die Deutschen »risk-aversive« - risikoscheu - seien, wäre eine Bank wohl allenfalls bereit gewesen, einem Studenten wie ihm einen Lieferwagen, nicht aber Millionen zur Gründung eines Unternehmens vorzuschießen.

»In Deutschland«, empfiehlt Bechtolsheim, »bräuchte man eine Struktur, in der Leute was ausprobieren können. Widerstand gegen Veränderungen hilft da nicht weiter, sonst wird man von den Japanern überrollt.«

Doch Silicon Valley, die Geburtsstätte des neuen Menschentyps vom »High-Tech-Man«, hat es auf anderer Ebene nicht besser. Bechtolsheim beklagt den Mangel an persönlichen Beziehungen, soweit sich diese nicht im Kreis der Experten abspielen, den »schnellen und erratischen Lebensstil«, die kulturelle Einöde, die nur gelegentlich den Besuch einer Vernissage in Mountain View zuläßt, bei der aber auch nur wieder Schaltkreise und Speicherplatten Ausstellungsobjekte sind.

Bechtolsheim kennt andere Computeringenieure, die mit allem in Konflikt geraten, das nicht durch Zahlen faßbar ist. Vor allem die Unwägbarkeiten des menschlichen Zusammenlebens vertrügen sich oft nicht mit der täglichen Überdosis an glasklarer Logik. Bechtolsheim schätzt, daß etwa die Hälfte der Chips- und Computerleute im Tal Kokain zur Konfliktbewältigung und Streßabfuhr einsetzen, die populärste Droge beim täglichen Leistungsmarathon der Kalifornien-Yuppies.

Bechtolsheim befindet sich da eher schon im Gleichgewichtszustand, der den Hopfenbauern seiner alten Heimat eigen ist. Auch hat er seine blonde Sarah, die aber, typisch für die jungen Kalifornier, eine eigene Wohnung besitzt, weil sie unabhängig bleiben will. »Andy« pendelt im mattgoldenen Porsche mit Radarwarnanlage und elektronischem Tastentelephon zwischen seinem Holzhaus und der Wohnung seiner Freundin hin und her.

Der Porsche ist sein sichtbarstes Konsumabzeichen. Daheim lebt er spartanisch, schläft auf einer Bodenmatratze und teilt das Haus mit William ("Bill") Joy, einem wirrbärtigen Ex-Studenten der Berkeley University und Software-Experten.

Auch Joy, ein weiterer Teilhaber des Unternehmens, ist seit der Börseneinführung von Sun Microsystems vielfacher Dollarmillionär. Doch das betrachten beide, wie sie glaubhaft machen, als Seitenprodukt ihrer Arbeit. Sie verstehen sich in ihrer Wohngemeinschaft bestens, da sie, von der Putzfrau abgesehen, niemand bei den Diskussionen über Pixels (Bildpunkte), Rams (Bildspeicher), Nanosekunden und beim Erörtern von Problemen der »virtuellen Speicherverwaltung« stören kann.

Bechtolsheim setzt sich aber auch immer öfter an den hauseigenen Computer, um einen Bauplan mit Befehlen wie »Weg mit dem toten Winkel« zu versehen. Das gilt seinem Architekten, der auf einer mit wildem Hafer bestandenen Hügelkuppe oberhalb von Palo Alto einen Pavillon mit Swimming-pool erbauen soll.

Wenn es der Smog erlaubt, wird Bechtolsheim von dort bis San Francisco sehen können.

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Bei der Gründung der Firma Sun Microsystems 1982.

In seinem Büro in San Francisco; im Hintergrund die Pyramide des Transamerica Building.

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