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AFRIKA Täglich zwei Löffel

Verzweifelte Menschen essen Wurzeln und Rinde - und verfallen gar dem Kannibalismus. Eine Hungerkatastrophe sucht Afrika heim. Die Volksrepublik Mosambik ist am schlimmsten betroffen. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Die Gottesstreiter der Marymount-Mission im Nordosten Simbabwes befinden sich im dritten Krieg. Erst kamen, während des rhodesischen Bürgerkriegs in den 70er Jahren, Guerrilleros, die mit vorgehaltener Waffe Verpflegung und medizinische Behandlung forderten.

Dann zogen Soldaten des weißen Regimes gegen die Katholiken ins Feld, verhafteten Missionsangehörige und brandschatzten den schmucken Außenposten des Christentums, weil die Brüder und Schwestern vermeintlich mit den »Terroristen« sympathisierten.

Jetzt, vier Jahre nachdem die »Terroristen« sich in Minister in Harare verwandelten (der Hauptstadt Simbabwes, die einst Salisbury geheißen hatte), jetzt also geht in Marymount wieder der Tod um - diesmal ohne Waffen: Zehntausende von Hungerflüchtlingen aus der benachbarten Volksrepublik Mosambik strömten in den letzten Monaten in die östlichen Landesteile von Simbabwe. Die Marymount-Missionare geben den Hungernden täglich zwei Löffel Maisbrei, und oft genug bedeutete dies den Unterschied zwischen Leben und Tod.

In Mosambik sind im vergangenen Jahr mindestens 100 000 Menschen verhungert. Aber nicht nur die junge Linksrepublik im Südosten Afrikas wird von der Plage heimgesucht: 22 afrikanische Staaten stehen nach Angaben der Uno-Organisation FAO vor der Katastrophe. Eine seit drei Jahren andauernde Dürre hat Flüsse und Brunnen versiegen lassen. Millionen Menschen bedroht der Tod.

Der Kontinent mit der niedrigsten Lebenserwartung (47 Jahre) und der höchsten Kindersterblichkeit (in einigen Regionen 200 Todesfälle bei 1000 Geburten), in dem Bürgerkriege, Mißwirtschaft und Korruption herrschen, erzeugt nun nicht einmal mehr genug Nahrung für seine Bewohner.

Deshalb arrangierten sich Mosambiks marxistische Herrscher mit den rassistischen, aber wirtschaftlich erfolgreichen Kapitalisten in Südafrika. Nach neun Jahren radikal-sozialistischer Experimente, dem Auszug der portugiesischen Fachleute und nach ständigen Attacken durch die von Südafrika unterstützte Rebellenbewegung RNM (Resistencia Nacional Mocambicana) blieb den Mosambik-Marxisten keine Alternative.

Schon läuft den Revolutionären das hungernde Volk in Scharen weg, überwiegend nach Simbabwe. Amtliche Stellen in Harare schätzen, daß bereits 100 000 Menschen über die 1300 Kilometer lange Grenze mit Mosambik getreckt sind.

Vor fünf Jahren noch waren die Flüchtlingskarawanen in umgekehrter Richtung gezogen. 150 000 schwarze Simbabwer lebten als Flüchtlinge in Mosambik, als der weiße Regierungschef Ian Smith 1979 gegen die schwarze Mehrheit unterlag und Rhodesien im Jahr darauf unter dem Namen Simbabwe seine Unabhängigkeit gewann.

Hin- und hergerissen zwischen Selbsterhaltungstrieb und verblassender Dankbarkeit bringen die Simbabwer nun »die entwurzelten Mosambiker« in Lagern unter, während, so der zuständige Minister Simbi Mubako, »die Rücksiedlung vorbereitet wird«.

Viele Flüchtlinge werden die Rückkehr nicht erleben. Der Oberschwester in Marymount, Maggie Mutopo, steigen Tränen in die Augen, wenn sie von »der schlimmsten Prüfung meines Lebens« berichtet. Das Krankenhaus ist überfüllt mit Menschen, die bis zum Gerippe abgemagert sind. Kinder haben eine fleckige, welke Haut, aufgeblähte Bäuche, von der Auszehrung rotstichiges Haar.

Die tödlich geschwächten Flüchtlinge sind leicht Opfer von Ansteckungskrankheiten wie Cholera, Lepra und Tuberkulose. Schon sollen in einigen Landesteilen Simbabwes in den Flüchtlingslagern Seuchen ausgebrochen sein. Doch selbst solche Schreckensmeldungen können die Hungernden aus Mosambik nicht von ihrem Treck abbringen.

Allein in der Tete-Provinz, die an Simbabwe, Sambia und Malawi grenzt, so gestand Mosambiks staatliche Nachrichtenagentur, sind 630 000 Menschen vom Hungertod bedroht. Der italienische Lehrer einer Missionsschule in der Provinzhauptstadt Tete berichtete, daß von 900 Schülern im letzten Jahr in diesem Januar zum Schulbeginn nur 50 Kinder wiedergekommen seien. »Der Rest«, so der Missionar, »ist vermutlich in Simbabwe oder verhungert.«

Die in Simbabwe eintreffenden Flüchtlinge erzählen grausige Geschichten, von »Dörfern des Todes«, in denen »keine Blätter mehr auf den Bäumen« sind. Monatelang ernährten sich die Hungernden von Rinde, Gras und Wurzeln. In Buschdörfern verfallen die kleinen Läden, die früher Seife, Saatkorn und Paraffin verkauften. »Es gibt nichts mehr«, berichtet ein alter Mann. Nach einem Fußmarsch von über 100 Kilometern hat er sich in Simbabwe zum Sterben niedergelegt.

Eine junge Frau erzählt der Missionsschwester Mutopo, daß ihr Mann während der Flucht zum Barbaren wurde. Während sie auf Wassersuche gegangen war, habe er das neugeborene, gemeinsame Kind getötet und auf dem Feuer geröstet.

Die Frau hat vorerst Zuflucht in der Marymount-Mission gefunden. Aber auch dort droht nun die Katastrophe. »Unsere Vorräte sind aufgebraucht«, klagt der deutsche Jesuitenpater Gunther Gatun. In der Nachbarmission Rushinga sterben schon jeden Tag sieben oder acht Flüchtlinge. _(Das Mädchen (l.) hat vor Hunger den ) _(Verstand verloren; in der Hand hält es ) _(einen Maiskolben. )

Das Mädchen (l.) hat vor Hunger den Verstand verloren; in der Handhält es einen Maiskolben.

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