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LUFTFAHRT Täubchens Feuertod

Flugzeuge aus der legendären Deutschen Luftfahrt Sammlung, die vierzig Jahre lang in Polen vorschollen waren, sollen wieder in Berlin gezeigt werden. *
aus DER SPIEGEL 4/1986

Die Spur führte kreuz und quer durch Polen. Mal war der Schatz im einst pommerschen Czarnikau versteckt gewesen, mal in mehreren Lokomotivschuppen in Pilawa, mal am Zoo von Breslau.

Die Schatzsucher, eine Gemeinschaftsexpedition deutscher und polnischer Zeitgeschichtler, wurden Ende 1982 in einem Krakauer Depot schließlich fündig: Dort türmten sich die Überbleibsel der seit vierzig Jahren verschollenen »Deutschen Luftfahrt Sammlung Berlin«. Die Forscher standen, so erinnert sich der Berliner Museumsdirektor Günther Gottmann, »sprachlos« davor.

Rumpf an Rumpf lagerten im Dustern die alten Maschinen, vielmehr, was davon übriggeblieben ist: »Albatros« und »Fokker«, die »Curtiss« des Kunstfliegers Ernst Udet und Messerschmitts Weltrekord-Maschine, manche nur noch Rohrskelette ohne Bespannung- die 24 letzten Stücke des einst größten Luftfahrtmuseums der Welt.

Nach Bombardierungen waren sie 1943 in den Osten gebracht worden. In den Nachkriegswirren wanderten die Stücke von einem Lager zum anderen, ehe sich die Fährte verlor. Nicht einmal eine Bestandsliste blieb erhalten.

Die Suchaktion hatte der Berliner Amateurhistoriker Holger Steinle, 37, in Gang gebracht. Der promovierte Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler verblüffte schon einmal als Wiederentdecker: Vor zwei Jahren dokumentierte er die Geschichte des vergessenen Berliner Eisenbahnmuseums im früheren Hamburger Bahnhof nahe der Mauer (SPIEGEL 5/1984).

Zusammen mit dem Luftfahrthistoriker Michael Hundertmark recherchierte Steinle jahrelang in einschlägigen Archiven nach dem Verbleib der sagenhaften Sammlung. In ihrem jetzt erschienenen Bildband zeichnen die beiden die abenteuerliche Fliegereigeschichte nach. _(Michael Hundertmark/Holger Steinle: ) _("Phoenix aus der Asche - Die Deutsche ) _(Luftfahrt Sammlung Berlin«. Silberstreif ) _(Verlag, Berlin; 120 Seiten; 34 Mark. )

Die Berliner Fahnder interviewten alte Flieger, Zeitzeugen und Militärkundler. Der polnische Luftfahrt-Autor Marian Krzyzan schließlich half die Flugobjekte im Depot des Krakauer »Muzeum Lotnictwa i Astronautyki« zu identifizieren. Die Direktion hatte die zunächst unerkannte Kollektion 1963 sichergestellt.

Der Fund von Krakau ist für Flugzeug-Freaks ein Pharaonengrab. Über die sensationellen

Einzelstücke und verloren geglaubten Pioniergeräte wurde letzte Woche in Berlin ein deutsch-polnisches Abkommen geschlossen: Unterhändler der Museumsdirektoren einigten sich auf »wissenschaftlich-technische Zusammenarbeit«.

Zug um Zug wollen Deutsche und Polen die alten Mühlen gemeinsam restaurieren. Danach sollen sie teils im Krakauer Museum, teils im Berliner Museum für Verkehr und Technik ausgestellt werden.

Manches Fluggerät aus dem Schuppen - Zivil- und Militärmaschinen sowie Beutestücke aus beiden Weltkriegen- ist zwar dick mit Staub bedeckt, doch nach Ansicht der Restauratoren in vielversprechendem Zustand. Darunter finden sich *___Hochgeschwindigkeitsflugzeuge wie der ____Messerschmitt-Einsitzer vom Typ Me 209, der 1939 auf ____das Weltre kordtempo von 755 Kilometern pro Stunde ____beschleunigte und die künfti gen Kriegsgegner des ____Hitlerreiches einschüchtern sollte; *___Langstreckenveteranen wie der Dop peldecker Albatros, ____der im Juni 1914 genau 21 Stunden und 49 Minuten in der ____Luft blieb und 1900 Kilometer zurücklegte; *___Welt-Unikate wie der Seeaufklärer Heinkel He 5, der in ____den zwanziger Jahren Höhenrekorde aufstellte und bei ____der Suche nach verschollenen Polfahrern der ____italienischen Nobile Expedition berühmt wurde.

Zu den Kuriositäten von Krakau zählt das russische Flugboot Grigorowitsch M-15 - letztes Überbleibsel der vergessenen zaristischen Seefliegerei. Die Maschine wurde 1918 von den Deutschen auf der baltischen Ostsee-Insel Ösel erbeutet.

Auch skurrile Erinnerungsstücke stehen in der Sammlung - etwa die »Geest Möwe 4« des kauzigen Konstrukteurs Waldemar Geest, dessen sogar patentierte Spezialität anfangs vogelförmige Nur-Flügel-Modelle waren. Inspiriert wurde er dazu beim Beobachten einer Lachmöwe, der nach der Brutzeit die Schwanzfedern ausgegangen waren. Geest: »Ich hatte früher gedacht, daß der Schwanz der Vögel ein Mittel gegen das Vornüberkippen sei.«

Ein Teil der Raritäten könnte auch in anderen Ländern Begehrlichkeit wecken. Beispielsweise die Fokker Spinne 3 (Baujahr 1913), von Spanndrähten umgeben wie ein Kokon, die während des Zweiten Weltkrieges von den Deutschen in Holland konfisziert worden war.

Auch die USA melden womöglich Interesse an. Die bis auf Tragflächen, Räder und Höhenleitwerk erhaltene Curtiss Hawk verkörpert ein Stück amerikanischer Fluggeschichte. Ernst Udet erwarb sie auf seinen Namen für 11500 Dollar - im Auftrag des Naziregimes. Hitlers Reichskommissar für die Luftfahrt, Hermann Göring, wollte mit dem wendigen US-Jäger Sturzflugtests machen lassen. Udet damals: »Göring wirbt Leute an, mir hat er das Geld für zwei Curtiss Hawks versprochen.«

Nicht mehr im Bestand findet sich eine der Perlen der Berliner Sammlung: der jetzt fast 70 Jahre alte Bomber Airco DH 9 A, ein Stück englischer Kolonialherrlichkeit. Der Nisam von Haiderabad, ein indischer Fürst, hatte 1917 der Royal Air Force 18 dieser Maschinen gestiftet. Schon 1977 holten die Briten das Flugzeug - im Tausch gegen eine Spitfire - aus Krakau heim ins »Bomber Command Museum« bei London.

Den Park aus Fluggeräten fremder und eigener Provenienz hatten vor allem die Nazis gepflegt. Sie wollten, so der damalige Berliner Oberbürgermeister Julius Lippert, »einer der bedeutendsten Erfindungen der Menschheit« und den »Helden, die ihr Leben bei der Eroberung der Luft für Deutschland geopfert hatten«, ein Denkmal setzen.

In Berlin ist, nachdem Otto Lilienthal dort 1891 seinen ersten Hopser getan hat, die Geschichte der tollkühnen Männer und ihrer fliegenden Kisten liebevoll archiviert worden - nur zu oft eine Geschichte des Bruchs.

Die ersten Bruchteile zeigte um 1909 das Waldrestaurant »Einsiedler« neben dem Berliner Flugfeld Johannisthal. Den Besucher Ernst Günther Freiherr von Hünefeld einen ansonsten unerschrockenen Flieger, der 1928 den Atlantik überquerte, schauderte angesichts dieser »Schreckenskammer«. In der Gaststätte wurden Wrackteile und Unfallphotos ausgestellt, zum Beispiel ein Horrorbild von der brennend abschmierenden Rumpler Taube (Bildtext: »Täubchens Feuertod").

Einige dieser Kabinettstücke gingen später in der Luftfahrt Sammlung auf, ebenso wie Exponate des in einer Nachbarkneipe residierenden »Aviatischen

Museums«. Dort war neben Absturz-Schrott und den Hinterlassenschaften verunglückter Piloten auch eine Hundeschnauze in Spiritus zu sehen: Das Vieh war mit seiner Nase in den Propeller eines startenden Aeroplans geraten.

Hinter der Theke der Museumskneipe stand der Wirt und Sammler Franz Tolinski - nach Beobachtung eines Chronisten von 1913 alleweil auf eine »schöne gruselige Reliquie« aus. Er präsentierte Wrackteile und die zerfetzte Lodenjoppe eines Aeronauten, der am Halteseil eines Luftschiffs hängend zu Tode geschleift wurde. Bei allem Bedauern für das grausame Schicksal vieler Flugpioniere pflegte Tolinski »glücklich zu sein, daß das Stück Tragfläche einen großen Blutflecken hat«.

Tolinskis Ruhmes-Splitter bekamen Ehrenplätze, als am 20. Juni 1936 die Luftfahrt Sammlung in einem Berliner Prunkbau eingeweiht wurde. Gekrönt von einem gläsernen Kuppelbau, erstreckten sich in Moabit, wo früher die »Hygiene-Ausstellung« untergebracht war, 13000 Quadratmeter Museumsfläche. Der Katalog von 1937: »Wir durchschreiten den mächtigen Vorraum mit den Büsten des Führers und Hermann Görings, dem Schirmherrn des Museums.«

Der Reichsmarschall wurde 1942 dann sogar Hausherr. Unter seiner Aufsicht sollte die Sammlung »als ''Museum der Luftfahrt'' ihrem weiteren Ausbau entgegen"gehen - doch dazu kam es nicht mehr. Englische Bomber landeten Ende November 1943 die ersten Volltreffer.

Vom einstigen Prunkbau steht heute nur noch eine überwachsene Freitreppe. West-Berliner Abriß-Wut, kritisiert Autor Steinle, hatte »unersetzliche Objekte bedenkenlos beseitigt« - so auch das Wrack der stolzen Do X, einst Schmuckstück im Glaspalast.

Straßenzüge waren gesperrt, Trambahnoberleitungen demontiert worden, als Transportarbeiter 1935 das zehn Meter hohe Flugboot (Spannweite: 48 Meter) quer durch die Stadt ins Museum bugsiert hatten.

Im rohstoffarmen Jahr 1952 dann bemächtigten sich die Berliner der Alu-Reste des Giganten und machten, klagt Steinle, »Milchflaschendeckel draus«.

Michael Hundertmark/Holger Steinle: »Phoenix aus der Asche - DieDeutsche Luftfahrt Sammlung Berlin«. Silberstreif Verlag, Berlin;120 Seiten; 34 Mark.

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