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STEFAN HEYM Tag X

aus DER SPIEGEL 6/1965

Seit vier Jahren bemüht sich der Schriftsteller, DDR-Nationalpreisträger und SED-Mann Stefan Heym, 51, vergeblich, seine Wahrheit über den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 zu sagen: Die Partei will sie nicht wissen. Kein DDR-Verlag bekam die Genehmigung, die Heym-Arbeit – den Tatsachen-Roman »Der Tag X« – herauszubringen.

Der kommunistische Literat hat den Tag der Arbeiter-Revolte gegen den Ulbricht-Apparat auf den Straßen Ost-Berlins miterlebt. Heute erinnert er sich: »Als ich spät am Abend nach Hause kam, wußte ich: hier ist mein neuer Roman.«

Ein Jahr lang sammelte und sichtete Heym Augenzeugenberichte und Gerichtsakten, interviewte Deutsche, Russen und Amerikaner und nannte sich schließlich einen »Experten des 17. Juni«. 1958 war das Skript fertig. Es schildert etwa in der Manier des Invasions-Berichtes »Der längste Tag« von Cornelius Ryan die Daten und Fakten des 17. Juni 1953 fast von Minute zu Minute.

Auch diesmal blieb Heym bei seiner Praxis, umfangreichere Arbeiten in Englisch niederzuschreiben: Der gebürtige Chemnitzer hatte fast zwei Jahrzehnte in amerikanischer Emigration verbracht. Er rückte 1945 als US-Offizier in Deutschland ein und war Mitbegründer der amerikanischen »Neuen Zeitung«, ehe er, nach einem Zwischenaufenthalt in den USA, 1952 in die alte Heimat zurückkehrte.

1960 schließlich – Heym hatte sein Manuskript inzwischen ins Deutsche übertragen – ging »Der Tag X« an DDR-Verlage und jene Parteidienststellen, die literarische Erzeugnisse ideologisch zu überprüfen haben. Die Reaktion der Adressaten war nicht ermutigend: Die Verlage hielten den Autor hin, und der Leiter der Kommission für kulturelle Fragen beim SED-Politbüro, Alfred Kurella, lud den Genossen Heym zur Rücksprache ins Parteihauptquartier.

Der Grund der Zurückhaltung lag auf der Hand: Heyms Roman weicht im entscheidenden Punkt von der parteiamtlichen Version über die Ursachen des Juni-Aufstandes ab. Denn nach Heym war der 17. Juni nicht, wie die SED bislang behauptet, ein vom Westen inszenierter »faschistischer Putsch«, sondern – eine freilich gleichfalls fragwürdige Lesart – die Revolte wahrer Sozialisten gegen die Korrumpierung der sozialistischen Idee durch die SED-Führung.

Mißtrauen gegenüber den Werken des Schriftstellers schien der SED ohnehin geboten, seit sich Heym 1956 auf dem DDR-Schriftstellerkongreß mit Walter Ulbricht angelegt und im Gegensatz zu seinem Parteichef Kontakte mit westdeutschen Autoren gefordert hatte. Ein weiteres Mal fiel Heym unangenehm auf, als er drei Jahre nach dem Ulbricht-Renkontre dem Ost-Berliner Rundfunk eine utopische Neujahrsgeschichte aus dem Jahr 1999 anbot, die eine Welt ohne Kapitalismus, Marxismus und SED beschrieb.

Als Antwort auf die Einladung des Literatur-Apparatschiks Kurella ließ sich der Individual-Kommunist Heym wiederum etwas Originelles einfallen: Er lehnte ab, bat den Funktionär aber zugleich zur Privatvisite ins Heym-Eigenheim in Ost-Berlin.

Kurella willigte ein und erschien in Begleitung zweier Genossen. Auch Heym war nicht allein: In seinem Wohnzimmer saßen bereits der Schriftsteller Arnold Zweig und der damals – 1961 noch unbehelligte Professor Havemann nebst beider Gattinnen. Ärgerlich flüsterte Kurella angesichts dieser Runde seinen Begleitern zu: »Über 'Tag X' nicht reden.« Aber der greise Arnold Zweig gab bei Courvoisier aus tschechischen Kognakschwenkern doch das Stichwort: »Eigentlich wollten wir doch über den 'Tag X' sprechen, nicht wahr?«

So rückte Kurella doch noch mit der Sprache heraus: Was Genosse Heym da über den 17. Juni geschrieben habe, sei verwirrend und nicht klärend. »Aber selbst wenn alles in dem Buch gut und richtig wäre, dürfte es dennoch nicht erscheinen, denn wir stehen in diesem Sommer vor einem neuen 17. Juni.«

Später, am 13. August, dem Tag des Berliner Mauerbaus, begriffen Kurellas Gesprächspartner endlich, was der Mann aus der Zentrale gemeint hatte. Aber die Abneigung der Partei gegen Heyms »Tag X« legte sich auch dann nicht, als sich erwies, daß die Mauer keine Revolte ähnlich der des 17. Juni auslösen werde. Heym wurde nicht einmal zum internationalen Schriftsteller-Treffen im Dezember vorigen Jahres eingeladen.

Er erschien ungebeten, ersuchte die Präsidentin Anna Seghers ("Das siebte Kreuz") ums Wort und hielt eine Rede gegen den Partei-Maulkorb. Titel: »Stalin verläßt den Raum«. Gast-Teilnehmer aus Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei fanden die Worte ihres deutschen Kollegen so bemerkenswert, daß sie am letzten Tag des Kolloquiums die DDR-Literaturfunktionäre, freilich erfolglos, mit der Frage löcherten, wann endlich »Der Tag X« erscheinen werde.

Und auch Heym bat noch einmal ums Wort: Solange man, sprach er, den 17. Juni nicht ehrlich bewältige, bleibe er eine schwärende Wunde. »So zu tun, als sei es das beste, Gras über die Ereignisse wachsen zu lassen, nutzt ja doch nichts. Dann wird ein Günter Graß das Gras herunterfressen*.«

Große Hoffnung auf eine DDR-Ausgabe seines Romans scheint sich SED-Dichter Heym aber trotz der Schützenhilfe ausländischer Genossen nicht mehr zu machen: Er läßt »Tag X« jetzt bei Verlegern im Westen anbieten.

* Günter Graß ("Die Blechtrommel") arbeitet zur Zeit an einem 17.-Juni-Stück (SPIEGEL 18/1964).

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