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»Tage des Blutes und des Feuers«

Ein Mitarbeiter klagt Irans ehemaligen Blutrichter Chalchali beim Ajatollah an Sadigh Chalchali fällte unter der Herrschaft des Ajatollah Chomeini manchmal 70 Todesurteile pro Stunde, ließ foltern und bereicherte sich. Ein Zeuge seiner Untaten schrieb folgenden Brief an den Ajatollah:
aus DER SPIEGEL 14/1981

An den geschätzten und ehrenwerten Führer der Revolution Imam Chomeini, möge sein Wohlergehen lange dauern, an den verehrten Propheten des Islam, den unbefleckten und reinen Imam und großen Führer des Volkes.

Ich, Ali Karimi, Bürger Ghoms, wohnhaft in Teheran, der ich Eurer Exzellenz und anderen verantwortlichen Persönlichkeiten des Landes wegen meiner kämpferischen Vergangenheit um die Entstehung der Revolution und der Islamischen Republik bekannt bin, betrachte es in dieser ernsten Lage, von der Sie selbst gesagt haben, daß die Fundamente der Republik und der islamischen Revolution in Gefahr sind, als meine religiöse Pflicht, Wahrheiten und meine eigenen Beobachtungen Seiner Exzellenz vorzutragen.

Ich bitte den erhabenen Gott, meine Schuld zu tilgen oder mich von Teilen dieser schweren Schuld, die ich fühle, zu erleichtern sowie meinem schlechten Gewissen Ruhe zu verschaffen.

Edelmütiger Imam, Sie wissen am besten, daß man gegen Unordnung, Wirrwarr und Gesetzlosigkeit nichts ausrichten kann. Wir haben die hervorragendsten Gesetze der Welt. Für diese Gesetze gaben unsere Märtyrer ihr Blut. Leider wurden nicht nur diese Gesetze nicht angewendet, sondern man handelte genau entgegengesetzt.

Ich als überzeugter Moslem und Iraner fühle mich verantwortlich, Sie zu informieren, was ich nach dem Sieg der Revolution und den Tagen des Blutes und des Feuers bis heute als Zeuge des Geschehens gesehen habe. Ich habe auch die Verantwortlichen wiederholt verständigt. Leider haben die mir keine Aufmerksamkeit geschenkt.

Jetzt wiederhole ich dieses und erkläre deutlich, daß ich alles veröffentlichen werde, falls auch der Imam mir keine Aufmerksamkeit schenken sollte, was ich mir aber nicht vorstellen kann. Das kämpfende islamische Volk des Iran soll von mir informiert werden, selbst wenn Gefängnisstrafe, Folterung oder Todesstrafe auf mich warten sollten.

Im Kasr-Gefängnis wurde ich zum verantwortlichen Vorgesetzten berufen. Herr Scheich Sadigh Chalchali wurde von unserem geliebten Führer gleichzeitig zum Religionsrichter ernannt. Herr Schalchali hat mich am Anfang durch eine gekonnte Schau so begeistert, daß ich lange Zeit seinen Charakter bewunderte. Er trug kaputte Schuhe, einen durchlöcherten Überwurf und schlief auf dem Fußboden.

Da ich mit Herrn Chalchali an mehreren Audienzen bei Ihnen teilnahm, sah ich, daß dieser Richter im Beisein seines Imam lügt. Ich habe festgestellt, daß er seine Position mißbraucht, um Macht zu erlangen. Ich habe versucht, dies zu verhindern, aber leider wollten die Leute, die Herrn Chalchali nicht gut genug kennen, mir nicht glauben. Keiner hat meinen Schrei gehört.

Darum hatte ich mir vorgenommen, bei Herrn Chalchali zu bleiben, um alles zu erfahren. Ich glaube, die Verantwortlichen haben vor Herrn Chalchalis Namen und seinen Schauprozessen Angst gehabt und schwiegen deshalb. Jetzt möchte ich einiges von seinem unmenschlichen und unislamischen Charakter erzählen:

1. Herr Chalchali hat keinen Angeklagten in einem normalen Verfahren verurteilt. Manchmal wurden zum Beispiel in einer Stunde 70 Urteile gefällt. Manche Urteile waren rein persönliche Racheakte oder basierten auf Empfehlungen seines Fahrers oder seiner Freunde. Falls es der Imam erlauben sollte, werde ich dieses mit den entsprechenden Akten und Unterlagen beweisen.

2. In Kurdistan wurde Dr. Schawand-Sardari nur wegen Kritik an der Person Chalchalis ohne Grund hingerichtet. Auch hiervon sind die Akten vorhanden. Ich bitte Sie, einen Unparteiischen zu benennen, um diese Angelegenheit zu untersuchen und zu beweisen, daß der später Hingerichtete überhaupt nicht verhört worden war.

3. In Kurdistan hat Herr Chalchali bei seiner Ankunft sofort sechs Personen, die seit dem damaligen Regime noch im Gefängnis waren, hinrichten lassen.

4. Nachdem Herr Chalchali als Richter abgesetzt worden war, hat er eine Terroristen-Gruppe organisiert, die Gruppe Schahin. Diese Gruppe hat auch terroristische Aktionen durchgeführt. Falls es ratsam sein sollte, werde ich die Namen der Mitglieder dieser Gruppe bekanntgeben. Einige dieser Leute wurden durch den Revolutions-Staatsanwalt verhaftet und waren einige Tage im Evin-Gefängnis inhaftiert, aber sie wurden leider durch Intervention von Herrn Chalchali wieder freigelassen.

5. In Karadsch, auf dem Grundstück des vernichteten Dschahanbain, hat die obengenannte Gruppe ihren Sitz. Dort gibt es jede Menge Waffen, sogar drehbare Kanonen. Auf diesem Grundstück, das der Bevölkerung gehört, wurden Gefängnisse gebaut. Die Kosten all dieser Einrichtungen wurden S.145 mit ungesetzlichen und illegalen Mitteln beschafft.

6. Im Kampf gegen Drogen hat Herr Chalchali mit fingierten und gefälschten Listen, mit Telegrammen und Telephonaten an die Büros des Imam und des Staatspräsidenten gearbeitet und endlich den Posten eines Drogenbekämpfers für sich geschaffen. Doch er selbst hat mit seinen Taten Verbrechern, Schmugglern, Mördern und Henkern Ehre gemacht.

Er ist so weit gegangen, daß er in seiner Uniform nach Malajer und Hamadan gereist ist und dort, obgleich er nicht die geringste Menge Heroin oder Opium fand, mehrere Personen verhaften und hinrichten ließ.

Interessant ist, daß er mich von dort aus angerufen hat und mir sagte: »Ich werde behaupten, ich hätte hier 300 Kilo Heroin gefunden und du hättest dies verbrennen lassen.« So wurde es auch gemacht, und die Presse hat diese Lüge verbreitet.

7. Herr Chalchali hat auf der Bank Melli, Zweigstelle Polizei-Universität, neben dem Kasr-Gefängnis ein Konto unter der Nummer 7450 auf seinen Namen eröffnet. Leider bin ich als Referenz für ihn aufgetreten. Erkundigen Sie sich bitte, wieviel Millionen auf dieses Konto eingezahlt wurden und für welche Zwecke dieses Geld benutzt wird. Ist es richtig, öffentliches Geld auf ein privates Konto zu überweisen?

Wenn ich alle ungesetzlichen Taten von Herrn Chalchali aufzählen sollte, würde ich Tonnen von Papier brauchen. Es gab Folterungen von Beschuldigten im Namen des islamischen Rechts, Kassieren von Bestechungsgeldern, getarnt als Beschlagnahme, und die Hinrichtungen.

Chalchali wohnt in einem feudalen Haus, welches Millionenwert hat, mit kostbaren Einrichtungen, die anderen Leuten gehören. Er, seine Familie und Freunde benutzen teure Autos, die in Wahrheit dem Volk gehören. Er arbeitet mit bekannten Subjekten zusammen, wie dem Schlachter Maschallah, der mehrere Terrortaten für Chalchali begangen hat.

Das sind nur Teile der Meisterwerke des islamischen Richters.

Zusammengefaßt, ehrwürdiger Führer der Revolution, sind es die Teile, die ich gesehen habe und von denen ich weiß. Falls Sie befehlen, in einem Volkstribunal oder in einer Fernsehdiskussion die ungesetzlichen Taten dieser Person aufzudecken, werde ich dem Imam und dem islamischen iranischen Volk das Urteil überlassen.

Ihr Dasein, Ihr gesegnetes Leben, das die Garantie für den Bestand der islamischen Revolution ist, erhoffe ich vom lieben und gütigen Gott.

Hochachtungsvoll

Ali Karimi

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