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AFRIKA / KONGO Tagelang Statue

aus DER SPIEGEL 41/1966

Die Türen des Weißen Hauses am Kongo wurden verriegelt. Schwarzer Mob johlte vor dem Gebäude. Marine-Infanteristen gingen in Stellung - entschlossen, den drohenden Angriff auf Amerikas Botschaft in Kinshasa zurückzuschlagen.

Doch der Auflauf galt nicht den Amerikanern. Angegriffen wurde - knapp hundert Meter entfernt - die Botschaft Portugals.

Rund 400 Neger stürmten das dreistöckige Gebäude, setzten es mit Molotow-Cocktails in Brand, zerschlugen das Inventar, kidnappten drei Botschaftsangehörige und brüllten: »Nieder mit Portugal!« und »Tötet Tshombé!«

Als Präsident Mobutus Kongo-Polizisten mit wohldosierter Verspätung erschienen, brannten zwei Diplomaten-Autos, war die Straße übersät von Möbeln und Akten, trampelten fanatische Schwarze auf Portugals Fahne herum oder stahlen sich mit Plündergut davon. Portugal protestierte beim Papst und beim Internationalen Roten Kreuz; bei der Uno und bei Kongo-Chef Mobutu, der seine Schwarzen gegen die Iberer aufgewiegelt hatte.

Der Kalte Krieg begann, als französische Polizisten am 17. September in Aubenas ein Söldner-Lager des Mobutu-Rivalen Moise Tshombé aushoben und als ruchbar wurde, daß Tshombé ein solches Lager auch im Kongo-Nachbarland Portugiesisch-Angola unterhielt (SPIEGEL 40/1966).

Innerhalb weniger Tage schossen sich Mobutus Zeitungen und Radio Kinshasa auf die Tshombé-Freunde in Lissabon und Angola ein. Ende vorletzter Woche verkündete Radio Kinshasa in Sondermeldungen, die Angehörigen der Portugiesischen Botschaft seien »Geheimdienstler im Gewand von Diplomaten«. Ihre Aufgabe: den im Kongo residierenden Chef einer schwarzen angolesischen Exilregierung, Holden Roberto, unschädlich zu machen.

Roberto ist das Symbol des Widerstands der Angola-Schwarzen gegen ihre Kolonialherren. 1961 begann er den (Guerilla-)Krieg gegen Lissabon. Portugal mußte 45 000 Soldaten nach Angola verlegen, um die Kolonie - fünfmal so groß wie die Bundesrepublik, fünf Millionen Einwohner - unter Kontrolle zu halten.

Gegner des Kolonialregimes werden ins Zuchthaus gesperrt oder auf die Gefangenen-Insel Sao Tomé vor der Westküste Afrikas verbannt. Bevorzugte Foltermethode der Portugiesen: die »Statue«. Der Häftling muß stunden-, oft sogar tagelang gerade aufgerichtet an einem Fleck stehenbleiben, darf sich nicht anlehnen, nicht aufstützen oder sich durch Bewegen seiner Beine Erleichterung verschaffen.

Um der Portugiesen-Polizei zu entgehen, flüchten immer mehr Angola-Neger in den einst belgischen Kongo. Sie vor allem sprach Radio Kinshasa an, sie vor allem empörten sich über den angeblichen Attentatsplan gegen ihr Exil-Idol Roberto. Und sie führten auch die Demonstranten gegen die Portugiesische Botschaft an.

Der schlaue Mobutu konnte sich so von den Übergriffen distanzieren. Nicht Kongolesen seien am Werk gewesen, beteuerte er, sondern Angola-Flüchtlinge. Um seinen guten Willen zu zeigen, sorgte Mobutu selbst für die Freilassung der Botschaftsangehörigen, die von ihren Entführern verprügelt und mit Benzin übergossen worden waren.

Freilich: Einen Tag später demonstrierten erneut 2000 Schwarze vor der Portugal-Botschaft - und diesmal waren es Kongo-Neger. In Anwesenheit Mobutus und seines Außenministers Bomboko erklärten sie: »Das kongolesische Volk ließ seinen Gefühlen gegen die Politik Portugals freien Lauf.« Mobutus Scheinparlament forderte sogar, der Kongo solle die diplomatischen Beziehungen zu Lissabon abbrechen.

Zu diesem Schritt konnte sich Mobutu vorerst nicht entschließen: Der Kongo ist beim Export seiner reichen Kupfer - und Zinnvorräte auf die Eisenbahnlinie angewiesen, die von Katanga quer durch Angola in den angolesischen-Hafen Lobito führt. Und auch die Schiffahrt zum Kongo-Hafen Matadi ist von der Mitarbeit der Portugiesen bei der Flußregulierung abhängig.

In Lissabon reagierte Präsident Salazar nicht nur gereizt auf die lauten Töne aus Afrika. Seine Empörung richtete sich auch gegen den Nato-Verbündeten Amerika.

Denn anstatt der überfallenen Portugiesischen Botschaft zu helfen, hatten sich die Marine-Infanteristen vor der US-Botschaft in Kinshasa damit begnügt, brennende, vom Wind herübergewehte Portugal-Akten auszutreten.

Kongo-Polizist, Demonstrant

»Nieder mit Portugal!«

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