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FILM Tango argentino

»Malou«. Spielfilm von Jeanine Meerapfel. Deutschland 1981. Farbe; 94 Minuten.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Was kann eine erwachsene Tochter für ihre sterbende Mutter Besseres tun, wenn die es sich wünscht, als ihr die Nägel lackieren? Die hilflose Geste gibt mehr von der Wahrheit wie der Verlogenheit einer Mutter-Tochter-Beziehung preis als manche wortreiche Aufrechnung; und der Film, der lange dieses Bild von Nähe und Fremdheit in einem festhält, erzählt immer am meisten, wo er am wenigsten erklärt.

Eine Tochter macht sich auf die Suche nach ihrer Mutter, mehr als zehn Jahre nach deren Tod; eine selbstbewußte, vernünftige Frau Mitte 30 geht plötzlich auf Reisen und wühlt sich durch Schachteln mit zerschlissenen Erinnerungs-Fetischen, als wäre im Leben der Mutter, wenn es sich nur erst begreifen ließe, eine Antwort zu finden für die eigenen Schwierigkeiten.

Der Film vollzieht diese Suche nach, indem er (manchmal sehr kleinteilig) Mutter-Vergangenheit und Tochter-Gegenwart ineinander verzahnt: Die Mutter, ganz in den Idealisierungen ihrer Zeit befangen, lebt den Wahn vor, daß im innigen Kleben am Mann, also in der Selbstaufgabe, die Frau ihre wahre Identität finde -- und geht daran kaputt. Die Tochter wiederum, vom heutigen Zeitgeist unter Druck gesetzt, will sich von den mütterlichen Puppenheim-Sehnsüchten freistrampeln, kommt dabei aber weder mit ihrem Mann noch mit sich selbst zurecht.

Malou heißt die Mutter. Ihre Geschichte, mit Tangos untermalt, ist melodramatisch: Eine kleine blonde Französin, Kellnerin oder Barsängerin im Straßburg der frühen dreißiger Jahre, lernt einen feschen Deutschen mit einem feschen Kabriolett kennen, heiratet ihn (Ivan Desny) und taucht selig ein in die badisch-großbürgerliche »Spätzles-und-Preiselbeeren-Kultur«.

Fatalerweise aber ist sie mit dieser Ehe, die alle Sicherheit der Welt verhieß, nicht nur Deutsche geworden, sondern auch Jüdin, und so sitzt sie ein paar Jahre später auf Koffern in Amsterdam, noch später in Buenos Aires. Irgendwann kommt ihr der Mann abhanden, dann auch die heranwachsende Tochter; was bleibt, ist eine lange, wermut- und tangoschwere Agonie. Ingrid Caven, die den Glücksschwindel der jungen Malou mit Glamour verklärt, spielt das elende Zerbröckeln der alten mit erstaunlichem Ernst.

In den letzten Szenen trägt diese Fremdgebliebene in Argentinien wieder ein Kreuzchen am Hals -- die Tochter Hannah aber, groß und schwarzhaarig, die seit einem Dutzend Jahren mit einem blonden, vernünftigen, erfolgreichen Deutschen (Helmut Griem) in Berlin lebt und schwer von Mutters fixer Idee freikommt, daß ein Mann eine »Heimat« sein müsse, wittert gleich Antisemitismus, wenn jemand fragt, ob sie Ausländerin sei: So lädiert, so verletzlich sind die Identitäten, mit denen die Figuren des Films sich plagen. Auf eine so seltsam abwegige, so wenig zur Lektion in Zeithistorie taugende Geschichte S.258 konnte nur jemand verfallen, der darin Spuren einer eigenen findet: Jeanine Meerapfel, deutsch-jüdischer Herkunft, ist 1964 aus Argentinien nach Deutschland gekommen, an Alexander Kluges Ulmer Filmschule. »Malou« ist ihr erster Spielfilm: ein Frauenfilm ganz und gar, noch in seiner Nachsicht mit den Männern.

Er ist mit Feinheit und etwas Zaghaftigkeit inszeniert, und manchmal übertuschen eilige Erklärungen, wieviel Zweifel in den Bildern stecken; doch er hat mit Grischa Huber eine Hauptdarstellerin, deren sinnliche Energie und Heftigkeit die besessene Sentimentale Hannah glaubhaft machen.

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