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NIEDERLANDE Tango im Tulpenbeet

Diese Woche ist Hochzeit: Ehelicht Kronprinz Willem eine »zweite Lady Di«?
Von Carlos Widmann
aus DER SPIEGEL 5/2002

Der kleine Junge mit den traurigen Augen trägt eine Pappkrone schief auf dem Kopf und über den Schultern einen Fetzen künstlichen Hermelins. Das Schild vor seiner Brust fragt in ungelenker Schrift, doch ohne viel Hoffnung: »Máxima, willst du mich heiraten?«

Hingerissen betrachten die Besucher in der Amsterdamer Nieuwe Kerk das ausgestellte Bild: Was könnte rührender und ansteckender sein als die Liebeserklärung eines Kindes?

»Ja, ik wil«, melden pinkfarbene Poster, die zu Dutzenden im Umkreis der Kirche und hunderttausendfach im ganzen Land aufgestellt wurden. Eine Werbeaktion mit Hintersinn: Das Jawort, das Thronfolger Willem-Alexander und seine Verlobte Máxima Zorreguieta am Samstag dieser Woche in der Nieuwe Kerk sprechen wollen, wird durch die allgegenwärtigen Plakate zum Volksbekenntnis erhoben.

Die Niederländer in ihrer Gesamtheit, so suggeriert die Botschaft, bekunden mit »Ja, ik wil« ihre Zustimmung zur kronprinzlichen Eheschließung. Und das bedeutet vor allem: ihr Einverständnis mit der Braut.

An dem ist spätestens seit Freitagabend vorvergangener Woche nicht mehr zu rütteln - seit dem gemeinsamen Fernsehauftritt des jungen Paars. Die Sendung war ein Straßenfeger und hat dem Volk die Vorzüge der argentinischen Braut vor Augen geführt. Prinz Willem-Alexander, früher in der Öffentlichkeit eher steif und verhemmt, präsentierte sich - von seiner Máxima ständig ermuntert - gegenüber den Reportern entspannt und schlagfertig. Das wird auf den wohltuenden Einfluss der Verlobten zurückgeführt. Das Temperament des früheren südamerikanischen »Feestbeestje« (Partygirl) wirkt ansteckend: »Ja, ich tanze und werde weiter tanzen«, erklärte sie resolut. »Auch Alexander bringe ich das Tanzen bei. Er ist noch steif in den Hüften, aber wir kommen voran.« Sie ist es, die führt: Líder Máxima.

Dabei galt Máxima Zorreguieta, 30, noch vor einem Jahr als »die Braut, der man nicht traut« ("taz"). Die Argentinierin war behaftet mit einem Geburtsmakel: Medien, Menschenrechtler und Politiker nahmen Anstoß an ihrem Vater Jorge Zorreguieta, 73. Der wurde von calvinistischkorrekten Volksvertretern mit Kraftausdrücken ("Kollaborateur«, »Faschist«, »neoliberaler Technokrat") traktiert.

Grund: Der Brautvater hatte unter der blutrünstigen argentinischen Militärdiktatur (1976 bis 1983) als Minister für Landwirtschaft fungiert. Er gehörte zum Wirtschaftsteam des Putschgenerals Jorge Rafael Videla, dessen Regime als eines der brutalsten in Lateinamerika in die Geschichte einging. Im »schmutzigen Krieg« gegen linke Terrorgruppen wurden Tausende von echten oder angeblichen Regimegegnern erschossen, aus Flugzeugen ins Meer geworfen oder zu Tode gefoltert.

Anlass genug für manchen niederländischen Politiker, gegen die junge Frau das Prinzip der Sippenhaftung anzurufen: »Mit diesem Vater kann Máxima nicht meine Königin sein«, verkündete der linksliberale Abgeordnete Jan van Walsem: »Wenn Willem sie heiraten will, muss er seine Rechte auf den Thron abtreten.«

Willem-Alexander von Oranien-Nassau, 34, nahm das Thronverzicht-Gerede beim Wort: Wenn das Parlament seiner Máxima die erforderliche Zustimmung verweigere, möge das Königreich sich nach einem anderen Thronfolger umsehen.

»Es hat damals heftig an den Fundamenten gerüttelt«, erinnert sich ein hoher niederländischer Diplomat: »Wir sind an einer Verfassungskrise vorbeigeschrammt.« Solche Krisen, bei denen der Bestand der Monarchie auf dem Spiel steht, hat es in der jüngeren Geschichte des Königreichs mehrmals gegeben - und die Ursache war stets ein Ehepartner aus der Fremde.

Genauer: aus Deutschland. Denn seit 1839 stammten alle adligen Damen oder Herren, die sich um die Fortpflanzung des Oraniergeschlechts verdient machen durften, aus dem Nachbarland. Dass »Moffen«

sich als Problemfälle entpuppen, ist durch die letzten zwei lebhaft in Erinnerung:

Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, Gemahl der Königin Juliana und Großvater von Kronprinz Willem, war bei der SA und der Reiter-SS und einige Zeit auch in der Nazi-Partei. Zwar konnte der Draufgänger sich nach seiner Emigration auf Seiten der Alliierten bewähren und recht populär werden, aber die 1,1 Millionen Dollar, die ihm als Generalinspekteur der Streitkräfte vom US-Flugzeughersteller Lockheed wohl zugesteckt wurden, haben sein Bild nachhaltig eingetrübt.

Dass auch Bernhards Tochter Beatrix auf einen Deutschen - Claus von Amsberg - verfiel, wurde 1966 als nationale Kalamität empfunden. Rauchbomben am Hochzeitstag, »Raus mit Claus«-Parolen: Amsberg hatte als Panzerschütze eine Wehrmachtsuniform getragen. Zwar erkämpfte der Prinzgemahl sich mit Sprachtalent und Taktgefühl noch hohe Anerkennung - bis Depressionen ihn doch wieder zur Belastung werden ließen.

Kaum hatte die Nation aufgeatmet, weil Willem als erster Thronfolger seit 160 Jahren nichts Deutsches anschleppte, da brach nun anderes Gezeter los. Doch Premier Wim Kok wusste die Krise zu entschärfen; er handelte Zorreguieta die Geste ab, am Hochzeitstag den Niederlanden fernzubleiben. Der Schwiegerpapa ist aber keineswegs Persona non grata: Königin Beatrix hat die Eltern längst bewirtet - und wird das auch weiterhin tun.

Laut Umfragen haben 60 Prozent der Niederländer nichts gegen Zorreguieta einzuwenden. Darum konnte das strahlende Paar im Fernsehen souverän mit den Reportern umspringen: Ihr Vater, so Máxima, habe von den Gräueln nichts gewusst, und sie glaube ihm das auch. Und Kronprinz Willem - dem ein Bericht vorgehalten wurde, wonach solche Unkenntnis »undenkbar« sei - gab kühl zurück: »Das ist eine Meinung. Es gibt noch andere.«

Ohne die Charme-Offensive der Argentinierin wäre es mit der Akzeptanz längst nicht so weit. Per Hubschrauber, Fahrrad und Grachtenboot zog die resche Máxima durch die Provinzen der Niederlande wie Hillary Clinton im Kampf um den Senatssitz von New York. Die Geschäftswelt hat sogleich den Siegertypus erkannt: Tausend Produkte tragen Máximas Namen, von den Tango-Turnieren nicht zu reden.

Das Wort von einer »zweiten Lady Di« geht um. Dabei ist Máxima niemand, die als Bruthenne missbraucht werden könnte, sondern Bankkauffrau mit internationaler Erfahrung: für ein Königshaus von massivem Reichtum gewiss ein Zugewinn.

Charles, Prince of Wales, wird - ohne Camilla - bei der Trauung erwartet, und natürlich Abgesandte aller Monarchien. Aber auch der Menschenrechtsadel wird vertreten sein: durch Nelson Mandela. CARLOS WIDMANN

* Links: mit Diktator Videla (l.) bei einer Parade 1979;rechts: in Buenos Aires 2000.

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