Zur Ausgabe
Artikel 39 / 69
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VERBRECHEN Tania oder Patty?

In San Francisco hat der Patty-Hearst-Prozeß begonnen. Die Verteidigung inszeniert eine Super-Show für Amerika.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Die große Show hat begonnen, die Hauptrollen sind allesamt mit Stars besetzt, und Geld spielt, endlich mal wieder, keine Rolle. Vergangene Woche begann Amerika, seinem gefallenen Berkeley-Engel Patricia Hearst den Prozeß zu machen.

Über 300 Reporter belagern das Hundes-Bezirksgericht in San Francisco, verabfolgen von hier ihren Lesern und Hörern die tägliche Fortsetzung von »Patty vor Gericht«.

Auch die Staatsanwaltschaft greift ins volle: 3,5 Millionen Dollar hat den Staat die Suche nach Patricia Hearst gekostet, bis sie, 19 Monate nach ihrer Entführung durch die terroristische Untergrundorganisation SLA (Symbionese Liberation Army) am 18. 9. 1975 gefaßt wurde.

Weitere 200 000 Dollar wird der Steuerzahler für den Versuch ausgehen, zu beweisen, daß der Bankraub, den Patricia Hearst am 15. 4. 1974 beging, freiwillig und nicht unter Zwang geschah.

An jenem Tag nämlich waren vier junge weiße Frauen und ein junger schwarzer Mann in die Sunset-District-Filiale der Hibernia Bank in San Francisco gestürmt. Während zwei Räuberinnen 10 960 Dollar kassierten, hielten die übrigen Gangster die auf dem Boden liegenden Bankkunden mit automatischen Waffen in Schach.

Zu den Aufpassern gehörte auch die zehn Wochen zuvor entführte Tochter des Zeitungsverlegers Randolph Hearst -- von einem Kassierer während des Überfalls In Betrieb gesetzte verborgene Kameras lassen keinen Zweifel an ihrer Identität zu. Die schwarze Perücke und die Jacke, die Patricia während des Überfalls getragen hatte, wurden bei ihrer Verhaftung sichergestellt.

Ein klarer Fall, so schien es zunächst. Doch dem übermächtig anmutenden Berg von Schuldbeweisen des in großen Fällen eher unerfahrenen Staatsanwalts James Browning stemmt sich ein wahrer Gigant seines Berufs entgegen: der Strafverteidiger F. Lee Bailey, nach brillanten Verteidigungsleistungen für den des Gartenmordes beschuldigten Arzt Dr. Sam Shepard, den My-Lai-Hauptmann Ernest Medina und den berüchtigten Würger von Boston, einer der besten Verteidiger der USA.

Etwa eine Million Dollar wird der Starverteidiger für seine Anstrengungen von Pattys Vater kassieren -- das höchste Honorar, das in der amerikanischen Rechtsgeschichte an einen Verteidiger gezahlt wurde.

Dafür bietet der Star aber auch allerhand: Sechs weitere Anwälte von Rang und ein Riesenstab anderer Hilfskräfte stehen ihm zur Seite. Eine Flotte gemieteter Ford Granadas pendelt zwischen Gericht und dem 50 Kilometer entfernt liegenden Gefängnis, in dem Patty einsitzt,

Das Zentrum der Verteidigung ist eine Suite im vornehmen Stanford-Court-Hotel, allein auf dem Arbeitstisch von Meister Bailey türmten sich vergangene Woche acht Aktenberge von insgesamt über zwei Meter Höhe. Mit einer zeitlich genau abgestimmten Pressekampagne eröffnete Bailey wenige Tage vor dem Prozeß die erste Front: Patty sei von ihren Entführern einer Gehirnwäsche unterzogen, also »umgedreht« worden -- folglich für ihre Taten nicht verantwortlich.

Sein Stab stößt mit flankierenden Maßnahmen nach und versucht zu beweisen, daß die Angeklagte zuverlässig aussage. So haben vier von ihm engagierte Fachärzte während zwölf Stunden Tests mit dem Lügendetektor an Patty durchexerziert -- Übungen, die sie angeblich mit Glanz bestanden hat.

Das Manöver Baileys ist besonders wichtig, weil von den Teilnehmern des Banküberfalls einzig Patty selbst noch lebt -- die übrigen starben bei einer Schießerei mit der Polizei am 17. 5. 1974.

Deutlich zeichnet sich im übrigen eine Doppelstrategie der Verteidigung ab. So werden zum Beispiel der Yale-Psychologe Robert J. Lifton, Professor Louis Jolyon West und Dr. Maryin F. Orne von der University of Pennsylvania Baileys These von der Gehirnwäsche erhärten.

Doch für den Fall, daß diese Erklärung für Pattys Missetaten dem Gericht nicht einleuchten sollte, erarbeitet die Verteidigung bereits eine Auffangstellung: Völlig unvermittelt hat im fernen London der Psychiater Dr. William Sargent in der »Times« Baileys Alternativ-Theorie unterstützt -- nämlich, daß Party per Waffengewalt zur Teilnahme an dem Banküberfall gezwungen worden sei.

Auch will Bailey vor Gericht das von der Anklage als Beweismittel benutzte Filmmaterial vom Überfall auf fünf Monitoren vorführen, einen Stummfilm von der Tat. Damit soll e«-satzweise bewiesen werden, daß Patty auch noch unter äußerem Zwang stand: »Zu jeder Zeit«, behauptet Bailey. »hatten die anderen ihre Waffen auf Patty gerichtet.«

Schließlich wollen Bailey und sein Stab Gericht und Geschworenen mit einer eindrucksvollen Kette historischer Beispiele auf die Seele rücken: die erzwungenen Schuldbekenntnisse gefangener US-Soldaten in Korea und Vietnam (die das amerikanische Volk verständnisvoll verziehen hat), Beispiele von Stewardessen entführter Flugzeuge, die ihren Hijackern Sympathie entgegenbrachten, und schließlich das sogenannte Stockholm-Syndrom -- Geiseln eines spektakulären Stockholmer Banküberfalls weigerten sich 1973 nach der Befreiung, gegen ihre Peiniger auszusagen, weil sie sich unter dem Streß der gemeinsam erlittenen Belagerung durch die Polizei mit ihren Peinigern solidarisiert hatten.

Doch so imposant Baileys Verteidigungsmaschinerie auch anmutet, die Staatsanwaltschaft verfügt über eindrucksvolle Gegenbeweise -- geliefert vor allem von Patty selbst, die sieh während ihres Aufenthalts bei der SLA Tania nannte.

Da sind zum Beispiel maschinengeschriebene Tagebücher der SLA mit Marginalien von Tania, die auf gewollte Mitarbeit hindeuten, oder auch ein Tonband, das der Polizei neun Tage nach dem Banküberfall zugeschickt wurde. Darauf widerspricht Tania energisch der damals verbreiteten These, sie habe unter Zwang gestanden: »Meine Waffe war geladen, und zu keinem Zeitpunkt haben meine Kameraden ihre Waffe absichtsvoll auf mich gerichtet.«

Ein Augenzeuge des Überfalls hat ausgesagt, von Tania als »motherfucker« beschimpft worden zu sein, und schließlich: Zwar lag nur eine vergleichsweise kurze Zeit zwischen ihrer Entführung durch die SLA und dem Banküberfall (zehn Wochen). Guter Wille vorausgesetzt, hätte ihre Teilnahme hier noch mit Streß und Zwang erklärt werden können -- was aber mit der Zeit danach?

Es folgten 17 Monate gemeinsamer Flucht mit den ebenfalls gefaßten SLA-Mitgliedern Bill und Emily Harris. Mindestens einmal hätte sie, so die Staatsanwaltschaft, unschwer fliehen können: Bei einem Ladendiebstahl in Los Angeles rettete Tania den ertappten Bill mit einer Geschoß-Salve vor der Verhaftung, anstatt sich zu stellen.

Und: Bei ihrer Verhaftung trug Tania eine Pistole. Nach ihrer Einlieferung ins Gefängnis schrieb sie ins Aufnahmeformular als Beruf: Stadt-Guerilla.

* Aufgenommen durch eine automatische Kamera während des Überfalls auf die Hibernia-Bank am 15. 4. 1974.

Zur Ausgabe
Artikel 39 / 69
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.