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Tankstelle light

aus DER SPIEGEL 13/1996

Seit langem schon hatte sich Bäcker Peter Kienzle aus dem schwäbischen Kirchheim unter Teck über die bundesdeutschen Gesetze geärgert, die ihm und seinen Berufskollegen das Backen am Sonntag verbieten. 20 Prozent Umsatzsteigerung, so schwärmte er stets, könne man mit dem sonntäglichen Brötchengeschäft bestimmt erzielen.

Neidisch blickte Kienzle auf die Kirchheimer Tankstellenbesitzer, die mit dem Aufbacken industriegefertigter Teiglinge am Sonntag prächtig verdienen.

Als im Stuttgarter Landtag jüngst eine Debatte über Ladenschluß- und Bäckerei-Arbeitszeitgesetz bis nach der Landtagswahl vertagt wurde, beschloß Kienzle, die Sache selbst zu regeln. Er gründete einen »Stammtisch der Sonntagsbäcker«; bei Trollinger und Schwabenbräu dämmerte den Mitgliedern die Lösung der Sonntags-Misere: Wenn das Gesetz den Brötchenverkauf sonntags an Tankstellen erlaubt, müßten Sonntags-Bäcker eben Tankstellen aufmachen.

Bei einer gewöhnlichen Tankstelle, gab Kienzle zu bedenken, müsse man allerdings mit herben Umweltauflagen rechnen: Spezielle Saugrüssel sind vorgeschrieben, Entsorgung von Altöl und was sonst noch alles - für einen schwäbischen Bäcker unbezahlbar.

Deshalb entschied Kienzle sich für das Modell »Tankstelle light« - er könne doch, sinnierte der Bäcker, eine einzige, 220 Volt starke Elektrozapfsäule auf sein Grundstück stellen, die Elektro-Rollstühle und Golfkarren mit Strom versorgen würde. Er selbst könnte derweil - vom Ordnungsamt unbehelligt - seine Sonntagsweckle verkaufen.

Kienzle machte sich auf die Suche nach einer Zapfsäule. Fündig wurde er bei einem Bekannten, der ihm das Gerät gar kostenlos überließ. Kienzle ließ es vor sechs Wochen auf dem Parkplatz vor seinem Haus aufstellen, hängte ein Schild auf - »Elektro-Tankstelle« - und teilte den Ordnungsbeamten mit, daß er fortan keine Bäckerei mehr betreibe, sondern eine Tankstelle mit angeschlossenem Backshop.

Am ersten Sonntag danach gingen prompt Brötchen massenweise über die Ladentheke. Kienzles Erfolg sprach sich bis nach Norddeutschland herum. Mehr als 30 Anrufer ließen sich vom Bäcker in Sachen Elektro-Tankstelle beraten. Drei Eröffnungen im Schwäbischen sind bereits für die nächsten Monate geplant; ein weiteres Dutzend soll im Laufe des Jahres dazukommen.

Einen prominenten Mitstreiter haben Kienzle und Kollegen in dem Brötchenfan Helmut Kohl gefunden. In einem Brief an den westfälischen Landesinnungsmeister Wolfgang Miehle versprach der Kanzler, sich für das Anliegen der Bäckerschaft stark zu machen: »In einer Zeit, in der aus guten Gründen für viele Bereiche eine Deregulierung gefordert wird«, könnten die »starren Regelungen des Bäckerei-Arbeitszeitgesetzes in der Tat nicht mehr aufrechterhalten werden«. Deshalb habe die Bundesregierung die Aufhebung dieses Gesetzes vorgeschlagen.

Ginge es nach dem Willen der Regierung, sollen Bäcker künftig an Sonntagen drei Stunden lang auch ohne Tankstellen-Tarnung verkaufen dürfen. Ein hilfreicher Vorschlag, befand Bäcker Kienzle, und ließ das Kanzler-Schreiben dem Kirchheimer Oberbürgermeister Peter Jakob zukommen. Der bedankte sich, wies aber darauf hin, daß ein Vorhaben noch lange kein Gesetz sei.

Deshalb müsse er ihm, Kienzle, den sonntäglichen Brötchenverkauf untersagen. Die Elektro-Zapfsäule, die Kienzle vor seinem Laden aufgebaut habe, diene nur als Vorwand, um das Verbot zu umgehen.

Noch hat Kienzle nicht klein beigegeben, doch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts unterstützt den Oberbürgermeister: Außerhalb der regulären Ladenöffnungszeiten darf an Tankstellen nur sogenannter Reisebedarf verkauft werden - Straßenkarten, Softdrinks und Schokoriegel für den kleinen Hunger zwischendurch. Wichtig sei, daß der Verkauf für den Tankstellenbesitzer ein Zusatzgeschäft bleibe, die Abgabe von Benzin aber der Hauptzweck.

Genau diesen Zweck aber vermißt Oberbürgermeister Jakob im Fall Kienzle: Bei einer Geschäftsüberprüfung vor fünf Wochen haben die Kontrolleure innerhalb einer Stunde zwar 50 Brötchenkunden beobachtet, aber nur einen einzigen Stromzapfer. Und das war Peter Kienzles Vater, der sich wegen seiner Leibesfülle nur noch im Elektro-Rollstuhl durch die Gegend bewegt.

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