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KULTURAUSTAUSCH Tanz auf dem Nerv

aus DER SPIEGEL 12/1964

Man erwartete sie mit Spannung, man

begrüßte sie mit herzlichem Beifall, man verabschiedete sie mit beispiellosen Ovationen«, vermerkten die »Mitteldeutschen Neuesten Nachrichten« in Halle. Und Schwerins »Norddeutsche Zeitung« fand: »Das war ein Schlag auf den seit einiger Zeit bedächtig konservativ zuckenden Schweriner Ballettnerv.«

Die ostdeutschen Lobpreisungen galten dem Folkwang-Ballett aus Essen, das Ende Januar eine neuntägige Tournee und damit die erste größere Gastspielreise eines westdeutschen Ensembles seit 1956 durch die Sowjetzone absolvierte. Unter Leitung des Choreographen Kurt Jooss ernteten die Essener mit dem Jooss-Ballett »Der grüne Tisch« in Schwerin, Ostberlin, Dresden, Leipzig, Gera und Halle unerwartet starken Beifall.

Jooss: »Wir waren tief bewegt und haben fast geweint über die Herzlichkeit und ruhrende Aufnahme seitens unserer ostdeutschen Kollegen.«

Auch die SED verriet gesamtdeutsche Bewegung: Das thüringische Parteiblatt »Volkswacht« (Gera) bekundete die Hoffnung, daß »weitere westdeutsche Ensembles den Weg in unsere Republik finden und daß auch weitere Künstler aus der DDR in Westdeutschland ihr hohes Können ... unter Beweis stellen können«.

Diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, zeigten Walter Ulbrichts Kulturniks bislang freilich wenig Eifer. Denn außer Beifall und Rührung hatten westdeutsche Ensembles bei Tourneen durch die DDR kaum etwas zu gewinnen:

Künstler aus der Bundesrepublik bekamen bei Gastspielen in Mitteldeutschland ihre Gagen nur in Ostmark. Und da ihnen die Ausfuhr der rachitischen Währung verwehrt wurde, mußten sie ihr Honorar in reizlose volkseigene Produkte investieren.

Umgekehrt blieb auch Ost-Künstlern der größte Teil ihres Lohns für Darbietungen in der Bundesrepublik vorenthalten. Abzüglich eines geringen Diätensatzes mußte ihr Verdienst von den westdeutschen Veranstaltern laut Vertrag mit der allein abschlußberechtigten staatlichen Ostberliner Künstler-Agentur an die sowjetzonale Notenbank überwiesen werden. Sie zahlt den Künstlern die Gagen zum Kurs 1:1 in Ostmark aus und behält die kostbaren Devisen ein.

Das 26köpfige Essener Ballett tanzte nur deshalb ungerupft aus der Reihe,

weil seine Tournee von einem Mann geleitet würde, der sich »reichhaltiger Erfahrungen im Geschäftsverkehr mit den sozialistischen, Ländern« rühmt: Dieter Dickers, Inhaber der Düsseldorfer Konzertdirektion«.

Konzertdirektor Dickers, 34, kam verlustlos über die Runden; weil er

- nur ein Drittel der Jooss-Tournee in

den Osten, den lukrativen Rest aber in den Westen verlegte und

- überdies die Folkwang-Hochschule bewog, mit den Ostmark-Honoraren in der DDR Bücher für die Schulbibliothek einzukaufen.

Um hinfort nicht mehr auf so umständliche Finanzierungsmethoden angewiesen zu sein, hat Dickers eine Möglichkeit ausgekundschaftet, den jahrelang stagnierenden Kulturaustausch in Deutschland ohne materielles Risiko wieder anzukurbeln. Er weiß sich dabei der moralischen Unterstützung des Gesamtdeutschen Ministers Erich Mende sicher, der verlauten ließ, er begrüße grundsätzlich und ohne Einschränkungen alle von Politik frei gehaltenen Kontakte dieser Art«.

Dickers kontaktierte die Ostberliner Kunst-Agenten und unterbreitete ihnen einen Plan, mit dem sich das Devisen -Handikap unterlaufen läßt.

Die Patentmethode erläutert der Düsseldorfer, der schon mit polnischen und tschechischen Künstlern Erfahrungen gesammelt hat, an einem Beispiel: Zwei gleichwertige Orchester oder Theaterensembles aus Ost und West werden zu Gastspielreisen jeweils in den anderen Teil Deutschlands verpflichtet. Die eingespielten Honorare werden ausgetauscht. Mithin erhalten die West-Künstler nach Rückkehr aus der, Zone ihre Gage aus dem Westmark-Betrag, den die Ost-Kollegen im Westen verdient haben; umgekehrt werden die DDR -Künstler wie bisher nur mit Ostmark bezahlt. Sie bekommen die Einnahmen ihrer westlichen Tauschpartner in der Sowjetzone.

Trotz des chronischen Devisenhungers der Sowjetzone akzeptierte die Ostberliner Künstler-Agentur im ersten Anlauf dieses Verfahren. Dickers: »Nachdem Ulbricht grünes Licht gegeben hat. Was sollten sie auch machen? Sonst kriegen die doch kein West-Ensemble zu einer Tournee nach drüben.«

Unter diesen wirtschaftlich tragbaren Aspekten haben sich inzwischen die Stadttheater, Konstanz und Mannheim bereit gefunden, Gastspielreisen in die Sowjetzone zu unternehmen. Um Austausch-Ensembles aus dem Osten ist Dickers nicht verlegen; sie sind stets sofort bereit, die Gelegenheit zu einer Reise in den seit dem 13. August 1961 allen übrigen DDR-Insassen versperrten Westen wahrzunehmen.

Erst vorletzte Woche endete - eine von Dickers arrangierte Tournee des Leipziger Bach-Orchesters durch die Bundesrepublik - mit »triumphalem Erfolg« ("Süddeutsche Zeitung"). Und im Oktober unternimmt das Staatstheater Dresden eine von Dickers eingefädelte Gastspielreise.

Kummer bereitet dem Ost-West-Vermittler vorerst nur noch das Finanzamt Düsseldorf. Die Steuerinspektoren halten daran fest, daß die DDR Währungsinland ist. Folglich wird Dickers für seine Einnahmen aus der Folkwang -Tournee in der DDR Umsatzsteuer in Westmark abverlangt.

Dickers: »Das ist ungerecht, ich habe das Geld drüben ausgeben müssen und keinen roten Heller transferieren können.«

Düsseldorfer Konzertdirektor Dickers

Die Besten aus dem Osten

Folkwang-Ballett in »Der grüne Tisch": Die ersten aus dem Westen

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