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RUDOLF AUGSTEIN Tanz auf dem Vulkan, aber friedlich...

_____« Es ist viel schwieriger, einen Menschen umzugestalten » _____« als eine Maschine. Boris Jelzin, Parteichef der Stadt » _____« Moskau, in der »Zeit« vom 9. Mai 1986 » *
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 21/1986

Daß die Menschheit sich übersteuert haben könnte, daß sie hilflos bis zu ihrem unseligen Ende auf ihrem majestätisch kreisenden Planeten dahinschwinden werde, war eine Erwägung - nicht mehr als das - des Philosophen Arnold Gehlen. Wir wissen nun, daß wir an unsere Grenzen gestoßen sind, und wir wissen nicht ob wir die Kraft und die Einsicht haben, die Grenzen nicht zu überschreiten. »Ihr tanzt«, so pflegte mein Religions- und Lateinlehrer zu sagen, »auf einem Vulkan und merkt es nicht. Das Messer sitzt euch an der Kehle.«

Nun war dieser brave Mann beileibe kein Philosoph, vielleicht wollte er sich nur ein wenig Luft machen. Aber es geht jetzt um eine Umkehr, wir müssen umdenken. Wir können so nicht weitermachen. Zwei SPD-Kanzler haben die Kernkraft gefördert, der eine ahnungslos, der andere, weil er von allem 'ne Ahnung hatte. Jetzt wird ein Kanzler gebraucht, der nicht auch dieses Problem noch durch Aussitzen und Ausschwitzen zu bewältigen sucht.

Es gab und gibt natürlich Gründe für die Kernkraft, und nicht nur solche, wo der Propagandist den Blick starr auf die Wahlen richtet: Lebensstandard, Beschäftigung, vielleicht auch weniger Umweltverschmutzung. Konkurrenzfähigkeit.

Nur wird man jetzt abwägen müssen. Ist es dasselbe, wenn pro Jahr 8000 Menschen an einem zwar vermeidbaren, aber sichtbaren Autounfall sterben, oder ob 80000 jahrelang fürchten, an der Atomkraft elend zugrunde zu gehen, auch wenn letztendlich statistisch dann »nur« 4000 Tote nachweisbar sind? Was soll man davon halten, daß sieben Milliarden Mark schon jetzt für den Schnellen Brüter in Kalkar in den Sand gesetzt worden sind, und Wackersdorf wird folgen, und wieviel Parteispenden hat die an der Atomkraft interessierte Industrie wohl springen lassen?

Es stimmt, daß die Sicherheitsprobleme der friedlichen Atomenergie nicht von uns allein gelöst werden können. Aber da unsere Nachbarn das Problembewußtsein nicht entwickeln können oder wollen, müssen wohl wir die ersten Schritte tun.

Da wäre beispielsweise unser nächster Verbündeter Frankreich. Ihm vor allem verdanken wir die Agrar-Katastrophe der EG (wo wir im übrigen mehr profitiert als zugezahlt haben). Dieses Frankreich Ludwigs XIV, und de Gaulles in Sachen des Atoms zu einem Abkommen zu bewegen scheint aussichtslos. Wie die Franzosen ohne Grund (es sei denn einen unakzeptablen) aus der Infrastruktur der Nato ausgeschieden sind, so werden sie nie über Ihre Kernkraftwerke mit sich reden lassen. Das betrifft ja ihre Souveränität. Nur nehmen Super-GAU Wolken wenig Rücksicht auf Souveränitäten.

In Frankreich beträgt der Anteil der Kernenergie an der Stromversorgung des Landes 70 Prozent gefolgt von Taiwan mit 52 Prozent (USA 15 Prozent, UdSSR 10 Prozent, Bundesrepublik 36 Prozent). Wieviel weniger wird man mit Frankreich und unseren östlichen Nachbarn eine Plattform der Verständigung finden, wenn auch die USA hinzukommen.

Denn längst ist die zivile Nutzung der Atomenergie mit der militärischen verstrickt. Der Reaktor in Tschernobyl hatte keine strahlensichere Außenhülle, so muß man wenigstens vermuten weil sie angesichts der ins Unermeßliche wachsenden Kosten für die kriegerische Plutoniumwirtschaft unbezahlbar geworden wäre

Und wie soll man sich den friedlichen Überwachungen, den mindestregeln der Inspektion annähern, wenn die Russen keinen fremden Rüssel in ihrem Sowjetgarten dulden wollen, die Amerikaner aber alles tun, sie zu Boden zu rüsten? Wie soll man den technischen Austausch, der allein Vertrauen schafft, unter solchen Bedingungen noch bewerkstelligen?

Die USA in ihrer Besessenheit, alle Himmelsfenster der Verwundbarkeit zu schließen, werden noch viele Billionen hinausschmeißen und viele Pannen erleben, bis sie entweder gar nichts erreicht haben oder ein Sicherheitsnetz mit - wie der deutsche Bundesforschungsminister Riesenhuber mit Blick auf seine Atomkraftwerke sagt - »auch aufgrund des engen internationalen Erfahrungsaustauschs in der westlichen Welt einem sehr hohen Rang«.

Reicht dieser »sehr hohe Rang« bei dem Billionenprojekt SDI? Und wie will man sich über SDI mit den Russen austauschen? Das will, entgegen allen Ankündigungen, doch wohl überhaupt keiner.

Da aber die Sowjets sich nicht totrüsten lassen, werden sie mit einer er plötzlich auf sanfte Techniken und wirksamen Kombination aus militärischer und ziviler Technologie reagieren, störanfälliger als die der Amerikaner, sowohl was die Maschinerie als auch was die Befehlsstränge und den Faktor Mensch angeht.

Zwar läßt der Mensch sich schwerer ändern als eine Maschine. Aber Mensch und Maschine, erst einmal miteinander verschmolzen, lassen sich gar nicht mehr ändern, sie sind ein Funktionssystem des Zufalls.

Das ist die Sicherheit, die der Strahlenkrieger Richard Perle, der 50000 Dollar von einer israelischen Rüstungsfirma so eben mal in die Tasche gesteckt hat, der Welt zumutet. Er zwingt den Sowjets ein unsicheres Waffensystem auf, das womöglich von selbst losgeht. Nur beiläufig sei bemerkt, daß man die Strahlenopfer der bisherigen Versuchsexplosionen auf 150000 schätzt eine Ziffer, die Tschernobyl hoffentlich nicht erreichen wird.

Es ist bei den Amerikanern Mode geworden, Kritik an Ihrer kritikwürdigen monetären wie an ihrer kritikwürdigen atomaren Politik als puren Antiamerikanismus zu brandmarken. Sie ihrerseits richten sich recht offensichtlich auf einen Stellvertreterkrieg ein, den sie sowenig wollen wie wir, aus dem sie ihr eigenes Land im Ernstfall aber heraushalten wollen; die Chance dazu ist gestiegen.

Wir hingegen wissen, daß wir mit unseren 19 Kernkraftwerken auch keinen konventionellen Krieg überleben könnten. Wir dürfen uns sehr wohl Gedanken machen, ob eine Abschreckung, die niemals ernst gemeint war, den Krieg nicht geradezu herbeischreckt.

Nur, was hat das alles mit Freundschaft zu tun, die ja in existentiellen Dingen des Staatslebens wohl ohnehin unmöglich ist? Wir wollen nicht die Kohl-Vasallen der Amerikaner sein und trotzdem mit ihnen freundschaftlich verbunden. Warum nicht?

Dennoch, wer hier in der Bundesrepublik auch nach Tschernobyl noch für SDI eintritt, dem sollten wir allerdings in Wahlen die rote Karte zeigen.

Es ist viel schwieriger, einen Menschen umzugestalten als eine

Maschine. Boris Jelzin, Parteichef der Stadt Moskau, in der »Zeit«

vom 9. Mai 1986

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