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VATIKAN Tapferes Känguruh

Eine amerikanische Papst-Biographie wurde zurückgezogen: Der Autor soll Gespräche mit Wojtyla erfunden haben. *
aus DER SPIEGEL 34/1984

Eva Braun durfte es nicht erleben: Schon 1940 hatte ihr der Pole Antoni Gronowicz, gerade in die Vereinigten Staaten ausgewandert, ein literarisches Denkmal gesetzt: »Hitlers Ehefrau« nannte er sein Erstlingswerk, als es diese noch gar nicht gab.

Im April 1945, da Eva Hitler, geborene Braun, dem amerikanischen Buchtitel mit ihrer Eheschließung im umkämpften Führerbunker doch noch gerecht wurde, hatte sich der Autor schon anderen Themen zugewandt: Gronowicz spezialisierte sich nunmehr auf Renommier-Polen wie Chopin, Paderewski und den Freiheitschelden Kosciuszko. Wie Hitlers Ehefrau konnten auch sie - weil verstorben - sich gegen ihren Biographen nicht wehren.

Vier Jahrzehnte später, inzwischen war er schon 70 Jahre alt, gedachte Gronowicz, seine erfolgreiche Autorenlaufbahn mit einer 475-Seiten-Biographie des ersten Papstes aus Polen zu krönen: »God''s Broker«, Gottes Makler, erschien im Frühjahr in New York.

Die 35 000 Exemplare, die im April in den Handel kamen, mußte der Verlag Richardson & Snyder allerdings kürzlich, soweit noch möglich, wieder einsammeln; denn der Schriftsteller hatte offensichtlich gegen das achte Gebot verstoßen und falsches Zeugnis abgelegt. Heimlich, wie er sagte, habe er 200 Stunden in Privataudienz bei Papst Johannes Paul II. verbracht. Er muß durch eine Hintertür gekommen sein - im Vatikan kennt man Mr. Gronowicz nicht. Der aber deutet an, des Papstes Fischerring so oft geküßt zu haben, bis er mit Karol Wojtyla auf du und du stand. Immerhin ziert den Buchtitel ein Bild des Autors mit dem Papst. Die Echtheit der Aufnahme ist umstritten.

Polnische Solidarität macht vieles möglich, selbst dies: Der Papstfreund behauptet, auch Stefan Kardinal Wyszynski gesprochen zu haben. Der fromme Mann, so ist''s nachzulesen, brach seine Schweigepflicht über die geheimen Vorgänge während der Papstwahl, plauderte über die Intrigen der Jesuiten und den viel zu großen Einfluß der deutschen Katholiken.

Allerdings datierte Antoni Gronowicz einige Gespräche mit dem polnischen Primas in die Zeit nach dessen Tod. Nobody is perfect.

Jetzt liegt Autor »Toni« im Krankenhaus, um 60 000 Dollar Buchvorschuß reicher, aber bis an den Herzmuskel verletzt über die Vorwürfe, ein ordinärer Fälscher zu sein.

Vielleicht hatte er geglaubt, daß der Vatikan sich in indigniertes Schweigen hüllen würde. Doch er rechnete nicht mit dem Fleiß einer Nonne, die von Wojtylas Presseamt in Rom beauftragt wurde, die eklatantesten Unstimmigkeiten des Papst-Werkes zusammenzustellen. Ihr Fehler-Report füllte 16 Seiten.

Offensichtlich hatte der Exilant bei seiner Schriftstellerei auf seinen europäischen Bildungsvorsprung in der Neuen Welt gesetzt; er war im Lateinischen ebenso zu Hause wie im Polnischen und Deutschen: Seine geschickten Zitate aus der Welt der Enzykliken verliehen dem dubiosen Werk frommen Glanz. Doch dann ging Gronowicz bei seiner Fleißarbeit die Phantasie durch. So entstanden die hübschesten Stellen im Buch. Da erzählt ihm zum Beispiel sein alter Lemberger Schulfreund Wladyslaus Kardinal Rubin, wie Karol Wojtyla vor seiner Papstwahl in Australien ein Känguruh taufte, weil es Menschenleben bei einem Häuserbrand gerettet habe.

Auch eine politische Enthüllung hat der Autor anzubieten: Daß sich die deutschen Kardinäle zusammen mit der Bonner Regierung gegen die Papstwahl Wojtylas stemmten, weil der Pole gegen die deutsche Wiedervereinigung sei.

So überzeugend klangen die Geschichten über das allerhöchste Privatleben, daß John Kardinal Krol aus Philadelphia das Papstporträt ein »Meisterwerk« nannte und eine Lobeshymne auf das Manuskript verfaßte.

Auf die Verleger Richardson & Snyder in New York mußte Krols Beglaubigungsschreiben wie eine Enzyklika wirken. Stuart Richardson: »Wer das Buch tatsächlich liest, wird mir bestätigen, daß kein Mensch so viele Gespräche einfach erfinden kann.«

Der Verleger hat vielleicht ein kurzes Gedächtnis. Unvergessen ist ja im amerikanischen Verlags-Mekka New York die Erfindungsgabe von Clifford Irving. Für eine fiktive Howard-Hughes-Biographie hatte der Lebenskünstler von Ibiza vom Großverlag McGraw Hill 750 000 Dollar kassiert, bevor die Fälschung 1972 entlarvt wurde.

Der Multimillionär und schrullige Einsiedler Howard Hughes meldete sich wie ein Phantom per Telephon und leugnete jegliche Zusammenarbeit mit dem Autor. Der landete im Gefängnis.

Ein ähnliches Schicksal dürfte dem dichtenden Polen gewiß erspart bleiben. Er ist zu alt. Und die Güte des Heiligen Stuhls ist groß.

Wenig verständnisvoll hatte sich allerdings vor einigen Jahren die schwedische Film-Diva Greta Garbo gezeigt. Gronowicz, womöglich dem Irving-Beispiel folgend, hatte dem New Yorker Großverlag Simon & Schuster das Manuskript »einer von intimer Kenntnis« geprägten Garbo-Biographie angeboten. Wie Howard Hughes pflegt die greise, scheue Hollywood-Diva große Distanz zur ordinären Wirklichkeit zu halten.

Das Gronowicz-Machwerk, so die Verabredung, sollte im Lektorats-Schreibtisch liegenbleiben, bis Greta Garbo das Zeitliche segnen würde. Indes - sie wollte nicht sterben und lebt als 78jährige immer noch in New York. Mehr noch, in einer eidesstattlichen Versicherung leugnete die alte Dame, einen Mann namens Gronowicz überhaupt zu kennen: Die Göttliche winkte ab - da wagte »Toni« sich an »Gottes Makler«.

Jetzt braucht er einen irdischen Rechtsanwalt; um das Dichter-Honorar ist ein Streit entbrannt. _(Angeblich bei einer Audienz im Vatikan. )

Angeblich bei einer Audienz im Vatikan.

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