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UMWELT Tarnen und Täuschen

Durch ungeschickte Informationspolitik des Hamburger Senats wurde ein Fall von großräumiger Bodenverseuchung durch Arsen zum politischen Skandal. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Die Experten waren so ratlos vor Entsetzen, daß sie ihre Erkenntnisse unter Verschluß hielten. Um Panik zu vermeiden, vereinbarten sie Stillschweigen.

Durch »sorgfältige Information«, darauf einigten sich Fachbeamte aus mehreren Hamburger Behörden bei einer Krisensitzung im Dezember, sollte die Öffentlichkeit schonend damit vertraut gemacht werden, daß der Boden im Osten der Stadt mit krebserzeugendem und hochgiftigem Arsen verseucht ist. Die dosierte Aufklärung sollte erst erfolgen, »wenn erste Handlungskonzepte der betroffenen Dienststellen vorliegen«.

Die Heimlichtuerei löste freilich erst recht Besorgnis aus, als die alternative »Tageszeitung« ("taz") vergangene Woche aus dem ihr zugespielten Protokoll der Dezember-Besprechung zitierte. Denn darin zeichne sich, so die »taz«, der »vielleicht größte bundesdeutsche Umwelt- und Industrieskandal seit der Aufdeckung der Dioxin-Verseuchung« durch die - mittlerweile geschlossene - Hamburger Chemiefirma Boehringer ab.

Bereits im Oktober vorigen Jahres hatte das Ordinariat für Bodenkunde an der Universität Hamburg die zuständigen städtischen Behörden über alarmierende Meßergebnisse unterrichtet: Bodenproben in den Industrievierteln zwischen Veddel und Billbrook, aber auch in angrenzenden Wohngebieten und nahe den Gemüsegärten der Marsch- und Vierlande wiesen Spitzenwerte bis zu 918 Milligramm Arsen je Kilogramm Erde aus - fast fünfzigmal soviel, wie die Biologische Bundesanstalt für gesundheitsgefährdend hält.

»Bezogen auf elementares Arsen«, lautete eine »Beurteilungshilfe« für die Behördenvertreter, »können etwa 5 mg für Kleinkinder tödlich sein.« Ein Kind, das beim Spielen einen Löffel verseuchter Erde verschluckt, würde eine solche Giftdosis womöglich nicht überleben. Dennoch, notierte der Protokollführer von der Umweltbehörde, seien »Sofortmaßnahmen offenbar nicht erforderlich«.

Die amtlich verordnete Untätigkeit erhellt das Dilemma, vor dem Politiker wie Wissenschaftler stehen, wenn Chemikalien in toxischer Konzentration die Erde befallen. Die Dezember-Runde erörterte beispielsweise die Frage, ob bei Aufgrabungen oder Baumaßnahmen in dem betroffenen Distrikt der Erdaushub schon als Sonderabfall deklariert werden muß und ob »oberflächlich abgetragener Boden« noch als Mutterboden an Kleingärtner verkauft werden darf.

Bislang, bekannte Umweltsenator Wolfgang Curilla (SPD) nach der »taz«-Veröffentlichung, gebe es nur ungelöste Fragen, etwa: »Sind Vermarktungsverbote notwendig? Darf Gemüse noch verzehrt werden, darf auf das Weideland noch 'ne Kuh herauf?«

Der Senat selbst hatte 1981 die Uni-Bodenkundler mit der Untersuchung beauftragt, und daß die Forscher fündig würden, war in Hamburgs schmutzigstem Revier, am Hafen, nicht anders zu erwarten. Bereits in den siebziger Jahren wurden wiederholt in der Luft und im Boden extreme Arsen- und Schwermetall-Belastungen festgestellt, schon vor zwei Jahren lokale Arsenkonzentrationen von 760 Milligramm pro Kilo Erde (ppm = parts per million) ermittelt.

Brisant ist eine neue Entdeckung der Bodenkundler, die im Arsen-Eifer völlig untergegangen ist: Das Schwermetall Cadmium (Bodengrenzwert: 3 ppm) wurde im Hamburger Stadtgebiet an zahlreichen Stellen in äußerst bedrohlicher Konzentration gefunden - mehrfach über 20 ppm, einmal sogar über 50 ppm.

Anders als Arsen, das kaum über Pflanzen in die Nahrungsaufnahme gelangt, reichert sich das schwer abbaubare Cadmium nach und nach an, erst im Boden, dann - über die Nahrung - im menschlichen Körper. Das Schwermetall geht, im Wortsinne, an die Nieren.

Zum Skandal geriet der jüngste Arsenfall bei alledem weniger wegen der aufregenden Spitzenwerte als vielmehr wegen der Schweigsamkeit der verantwortlichen Politiker. Beim Vertuschen

ertappt, wiegelten sie erst mal ab. Gesundheitssenatorin Christine Maring zitierte aus einem vorjährigen Untersuchungsbericht, daß bei 56 Proben von Obst und Gemüse aus der Risiko-Region lediglich sieben die Nachweisgrenze von 0,01 mg/kg überschritten haben - auch das höchste Ergebnis machte nur einen Bruchteil des unverbindlichen Richtwerts (0,2 mg/kg) aus.

Gleichwohl will die Senatorin nun den Anrainern der Arsenzone »kostenlose Blutuntersuchungen anbieten, nicht weil ein konkretes Gefahrenpotential vorhanden wäre, sondern weil man der Besorgnis der Bürger Rechnung zu tragen hat«. Umweltsenator Curilla will jetzt Warnschilder aufstellen lassen, wo spielende Kinder möglicherweise gefährdet sind - als ob Vierjährige lesen könnten.

»Diese jämmerliche Umweltbehörde«, kritisierte die CDU, messe »fröhlich und unbedarft« vor sich hin und habe »zu keinem Zeitpunkt eine Bewertung der Daten vorgenommen«. Aus Sicht der Grün-Alternativen Liste (GAL) verfährt der Senat nach dem Motto »Tarnen, Täuschen und Vergiften«. Hilflos reagierte Curilla: »Soll ich sagen, dieses Gelände wird jetzt abgesperrt?« Nötig wär's.

Eine Orientierungshilfe könnten beispielsweise die in der Behördenrunde diskutierten Empfehlungen für arsenverseuchte Böden im US-Bundesstaat Virginia sein. Danach sind Bereiche mit mehr als 200 ppm »mit einer 45 cm starken, verdichteten Schicht eisenreichen Lehms plus 15 cm Deckschicht zu überdecken«, oder es ist »ein Bodenaustausch vorzusehen«.

Nach diesen Kriterien allerdings müßten in Hamburg mehrere Quadratkilometer Erde abgetragen werden. Von den 977 Bodenproben, die bisher entnommen und ausgewertet wurden, überschreiten die Arsenkonzentrationen an 14 Stellen den amerikanischen Schwellenwert, an weiteren siebzig Fundorten liegen sie über 50 ppm, die früher bei der Sanierung eines Hamburger Deponiegeländes als Richtwert festgelegt wurden.

Und dabei stehen die Untersuchungsergebnisse für die nordöstlichen Nachbar-Stadtteile noch aus. Die Fachleute rechnen damit, »daß sich das Belastungsbild in diese Richtung fortsetzt«.

Die Prognose fällt nicht schwer, denn die Herkunft des Arsens ist nach Ansicht der Behörden geklärt: »Als Hauptursache« der Bodenverseuchung seien »die jahrzehntelangen Emissionen der Norddeutschen Affinerie anzusehen«, Europas größter Kupferhütte, am Autobahndreieck Hamburg-Süd gelegen, direkt gegenüber der Giftmüllkippe Georgswerder und unweit der Chemiefirma Boehringer (siehe Schaubild Seite 86).

Die »Affi«, wie die Hamburger sagen, ist seit langem als Umweltverschmutzer ersten Ranges bekannt. Beim Schmelzen von Kupfererzen fällt, neben anderen Schadstoffen wie Cadmium, Blei und Zink, auch Arsen als Flugstaub im Abgas an. Seit 1914 werden hier Erze verhüttet.

Das Gift geht nicht nur in die Luft. 1980 analysierte eine studentische »Umweltschutzgruppe Physik/Geowissenschaften« die Abwässer, die aus Abflußrohren der »Affi« in den Müggenburger Kanal mündeten. Allein aus einem der rund hundert Einläufe, so errechneten die Umweltschützer, gingen pro Tag 15 Kilo Cadmium, ein Kilo Arsen und 26 Kilo Zink in die Elbe.

Ein Jahr später ermittelten die Studenten auch eine hohe Belastung des Hafenschlicks durch Schwermetalle, deren Ursprung unschwer geortet werden konnte.

Die Umweltschutzbehörde raffte sich schließlich zu einem matten Tadel auf: Die »Affi«, an der so illustre Firmen wie Degussa, Henkel und Dresdner Bank beteiligt sind und die mit 2,5 Milliarden Mark Jahresumsatz einer der größten Gewerbesteuerzahler der Stadt ist, sei »in einem völlig desolaten Zustand«.

Dafür rühmte das Umweltbundesamt voriges Jahr, daß die Affinerie eine »beispielhafte Abgasreinigungsanlage« in Betrieb genommen habe. Statt jährlich 15 Tonnen Arsen werden freilich, nach »Affi«-Angaben, immer noch vier Tonnen durch die Schlote gepustet.

Für die GAL reichte das hin, sofortigen Produktionsstopp bei der »Affi« zu fordern, bis von dem Werk »keine Schwermetallverseuchungen« mehr ausgehen. Die Arsenkonzentration im Boden kann sich Curilla allerdings gar nicht »aus den aktuellen Emissionen erklären«.

Schwebstaubmessungen im Dunstkreis der Affinerie hätten, so der Senator, ergeben, daß der Arsengehalt in der Luft »deutlich« unter dem in der Bundesrepublik geltenden »Orientierungswert« (0,025 Mikrogramm je Kubikmeter Luft) liege. Curilla ist sicher, daß es sich bei den Arsenfunden um »Altlasten«, Sünden aus der industriellen Vergangenheit, handelt: Bis Ende der sechziger Jahre hat die »Affi« jährlich 70 Tonnen Arsen in die Luft geblasen.

Überdies, argumentiert der Umweltsenator, sei ja noch gar nicht ausgemacht, »welche Arten von Arsen bzw. Arsenverbindungen vorliegen«, da gebe es eine »sehr unterschiedliche Giftigkeit«.

In der Tat sind metallisches Arsen und die schwerlöslichen Arsensulfide nahezu ungiftig. Als Spurenelement wurde Arsen früher sogar in medizinischen Präparaten verwendet, so etwa zur Bildung von Blutzellen oder bei Überfunktion der Schilddrüse. In manchen Alpengegenden gilt Arsen noch als Hausmittel zur Leistungssteigerung und gegen Kröpfe.

Doch was aus den »Affi«-Schornsteinen quillt, ist gewiß keine Arznei. Fest steht, laut Protokoll der Dezember-Sitzung, »daß beim Röstprozeß« in der Kupferhütte »Arsen in der hochgiftigen oxidischen Form anfällt«, vornehmlich als leicht resorbierbares und äußerst beständiges Arsentrioxid.

Dieser Stoff, landläufig als Arsenik oder »Erbschaftspulver« bekannt, galt jahrhundertelang als probates Mordgift, obwohl es sich vor allem in Haut und Haaren ablagert und in Leichen auch noch nach Jahren nachweisbar ist.

»Eigentlich«, spottete die »taz«, müßte in Hamburg »dieser altmodische Vergiftungsmord wieder in Mode kommen« - es könne ja »nicht nachgewiesen werden, ob's die 'Affi' oder jemand anders war«.

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