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Taslima Nasrin

aus DER SPIEGEL 24/1994

gilt als »Salman Rushdie von Bangladesch«. Islamischen Fundamentalisten erscheinen die Verse der moslemischen Dichterin nicht minder satanisch als der Roman des von Ajatollah Chomeini zum Tode verurteilten britisch-indischen Schriftstellers. Mit der Begründung, Nasrin, 32, fordere »die Freiheit der Vagina«, propagiere Unzucht wie Ehebruch und verunglimpfe den Koran, verhängten sie eine »fatwa« gegen die mehrfach geschiedene Schriftstellerin - das Todesurteil.

Die Arzttochter hatte mit 13 zu schreiben begonnen. Ihr Vater verordnete ihr jedoch ein Medizinstudium und zerriß ihre Gedichte. Heute sagt er, einsichtig geworden: »Wir hätten sie Literatur studieren lassen sollen.« Mit Zeitungsartikeln, in denen sie die Entrechtung der Frau in der islamischen Männergesellschaft anklagt, reagierte Nasrin auf die 1988 erfolgte Erhebung des Islam zur Staatsreligion. 1992 wurde sie für ihre Kolumnensammlung mit einem indischen Literaturpreis ausgezeichnet. Ihr Roman »Lajja« (Scham) wurde 1993 verboten. Er zeichnet nach, wie sich moslemische Bangladescher aus Rache für die Zerstörung einer Moschee in Indien an hinduistischen Frauen im eigenen Land vergehen. Nasrin gab ihre Stellung als Anästhesistin im Dhaka Medical College auf - aus »Sicherheitsgründen« und weil sie nicht länger Beamtin eines Staates sein wollte, der sie ihrer Rechte beraubte.

Seit Verhängung der »fatwa« im September vergangenen Jahres demonstrierten religiöse Eiferer und fundamentalistische Parlamentarier immer wieder für die Vollstreckung des Todesurteils. Ans Haus ihres Vaters klebten sie Pamphlete: »Taslima muß hängen«. Die Regierung von Premierministerin Khaleda Zia gewährte zunächst Polizeischutz. Am Samstag vorvergangener Woche aber erließ sie Haftbefehl gegen die Dichterin. Das Interview gab Nasrin in Dhaka, vier Tage bevor sie untertauchte.

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