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USA Tatanka Jotankas Erben

aus DER SPIEGEL 18/1953

»Die einzigen braven Indianer, die ich sah, waren tote Indianer.« (Indianerkriegs-General Sheridan nach der Schlacht am »Little Big Horn«, 1876.)

Tatanka Jotanka ("Der sitzende Bulle") war kein braver Indianer, und selbst seine Gebeine brachten noch Unruhe und Kriegsgeheul in die weiten Prärien zwischen Missouri und Cheyenne-River.

Schon mit 14 Jahren skalpierte der Sohn des Sioux-Häuptlings »Springender Bulle« seinen ersten Weißen, und sein Vater machte ihn vorzeitig zum Häuptling »Sitzender Bulle«. Die alten Häuptlinge mochten den jungen Bullen nicht, weil er ein gar zu notorischer Weißenfresser war, während sie sich mit dem kalten Frieden mit den Weißen abgefunden hatten.

Als die US-Regierung aber 1876 wieder einen Vertrag mit den Sioux brach und Weiße im Gebiet der Schwarzen Berge (im heutigen Süd-Dakota) ansiedeln wollte, stellten sie sich geschlossen hinter ihn. In der Schlacht am »Little Big Horn« metzelten die Rothäute des Sitzenden Bullen das gesamte Regiment des Milizgenerais Custer nieder.

1890 brachen in den Reservationen neue Unruhen aus, und die US-Regierung beschloß, den »Sitzenden Bullen« zu arretieren. Er widersetzte sich und wurde erschossen. Seine Gebeine wurden auf dem Exerzierplatz des Forts Yate im Staate Nord-Dakota verscharrt.

Die Sioux rauchten dann endgültig die Friedenspfeife mit den Weißen, machten es sich in den Reservationen diesseits und jenseits der Grenzlinie zwischen Nord- und Süd-Dakota bei Feuerwasser gemütlich, mischten sich mit den Weißen und zogen selbst für den »Großen Weißen Vater« in die Weltkriege - vom »Sitzenden Bullen« wurde nur noch am Lagerfeuer erzählt.

Bis der steinalte Kampfgefährte des Sitzenden Bullen, der Sioux-Häuptling Clarence »Grauer Adler«, witterte, daß das Grab des Häuptlings vom Grundwasser angenagt wird. »Grauer Adler« bat die Regierung von Süd-Dakota, die Gebeine des Häuptlings heim ins Reservat zu holen. Die Regierung sagte ja.

Die Überführung der Gebeine wäre ein Sonntagsspaziergang gewesen, wenn sie nicht gerade in Nord-Dakota gelegen hätten und sie nicht gerade nach Süd-Dakota hätten übergeführt werden sollen. Die Bevölkerung beider Staaten (ein deutsch-skandinavisches Gemisch) kommt nämlich ähnlich miteinander zurecht wie Stock-Preußen mit eingefleischten Bajuwaren.

Während Häuptling »Grauer Adler« Petitionen an die Regierung Süd-Dakotas schickte, zog die Regierung von Nord-Dakota (Hauptstadt: Bismarck) gegen ihre südlichen Brüder auf den Kriegspfad. »Wir werden die Gebeine unseres großen Häuptlings nicht herausrücken«, sagte ein Mitglied des Staatssenats Nord-Dakotas. Nord-Dakota rief selbst den Washingtoner Innenminister McKay an, um den Nationalhelden (und einen Kassenmagnaten für die Touristen) im Land zu behalten.

Da schlichen an einem Morgen der vorvergangenen Woche »Grauer Adler« und einige Stammesgenossen über die Grenze nach Fort Yate, buddelten die Knochen aus und beerdigten sie in Süd-Dakota. Die Proteste Nord-Dakotas werden auf taube Ohren stoßen, denn Innenminister McKay hat bereits seinen stillen Konsens gegeben. Grund: die Nachkommen des »Sitzenden Bullen« (Nancy »Tretender Bär«, Angelique La Pointe und Sarah »Geschecktes Pferd") hatten sich mit der Überführung der Gebeine einverstanden erklärt.

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