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BANKEN Tatjanas Garderobe

Anklage in New York wegen illegaler Transfers russischer Gelder: Die Staatsanwaltschaft beschuldigt drei Verdächtige. Führt auch eine Spur in den Kreml?
Von Fritjof Meyer
aus DER SPIEGEL 41/1999

Entwirrt wurde das Knäuel an zwei Enden. Als die US-Bundespolizei FBI in einem Fall von Kidnapping ermittelte, stieß sie auf ein verdächtiges Konto bei der Bank of New York, auf dem das Lösegeld gelandet war. Erst da erfuhren die Beamten, dass die Staatsanwaltschaft von New York dasselbe Finanzinstitut auch schon im Visier hatte.

Auf dem Konto Nr. 6300813206 trafen jeden Tag hunderte Einzahlungen aus Russland ein. Wenige Tage darauf gingen hunderte Überweisungen auf viele Konten in der ganzen Welt hinaus. Der Umsatz betrug seit 1996 fast fünf Milliarden Dollar.

Über das Konto verfügte eine internationale Handelsgesellschaft namens Benex, und die hatte nicht minder auffällige Partner, zum Beispiel die Firma Becs International, die zwei Milliarden bewegte. Eine dritte Gesellschaft, Torfinix, lieferte Benex und Becs das Geld zu. Da schloss sich für die Fahnder der Kreis: Die für den Osthandel zuständige Vizepräsidentin der Bank of New York, Lucy Edwards, geborene Ludmilla Pritzker, 41, besaß Bankvollmacht für das Konto von Torfinix, und Frau Edwards ist verheiratet mit Peter Berlin, 44, dem Geschäftsführer der Benex.

Frau Edwards wurde von ihrer Bank gefeuert, vorigen Dienstag erhob die Staatsanwaltschaft vor dem Bundesgericht öffentlich Anklage gegen das Ehepaar und dessen russischen Geschäftsfreund Alexej Wolkow sowie gegen die Firmen Benex, Becs und Torfinix. Denn für Geldtransfers, als Geschäft betrieben, bedarf es einer Lizenz der Aufsichtsbehörde, die der US-Bürger und gebürtige Russe Berlin beantragt, aber nicht bekommen hatte. Ohne diese Genehmigung macht man sich in den USA strafbar, was 15 Jahre hinter Gitter führen kann.

Das Paar befindet sich derzeit in London, Partner Wolkow hält sich in Russland auf. Die Ankläger rechnen dennoch mit ihrem Erscheinen und hoffen, dass sie als Zeugen aussagen - mit strafmildernder Wirkung: »Diese Untersuchung steht erst am Anfang, und es bleibt noch viel zu tun«, so die Staatsanwaltschaft. Es bleibt etwa zu prüfen, wem die Benex gehört - wohl einem Semjon Mogiljewitsch, der sich in Ungarn mit Mädchen- und Waffenhandel abgeben soll und alles bestreitet.

Einige Empfänger der Überweisungen entpuppten sich als polizeibekannte Dunkelmänner. So gingen über die New Yorker Bank 5,5 Millionen Dollar von der Benex auf ein italienisches Konto des Ukrainers Boris Rizner, 34, der per Haftbefehl wegen Erpressung gesucht wird.

Rizner gilt als Kumpel des Paten der Ost-Mafia in Nordostitalien, Jossif Roizis, 52, der seit Februar in U-Haft sitzt. In der Gegend um Rimini kaufen russische Handelsleute seit langem Kleider und Möbel für den Export in die Heimat auf. Russische Mafiosi pressen ihnen die Rechnungen ab, um sich die Mehrwertsteuer erstatten zu lassen, und erzwingen Provisionen durch Prügel und Geiselnahme.

Rizner empfing von der Bank of New York weitere 700 000 Dollar auf sein Konto bei der Credito Cooperativo Ospedaletto. Frisch gewaschen, taugt das Geld zum Einkauf neuer Ware. Doch wie kam das Geld nach New York? Das FBI erkundigte sich bei russischen Kollegen nach Geschäftspartnern der Bank of New York, etwa der Moskauer Sobin-Bank, welche die Zolleinnahmen verwaltet und Staatsdomänen finanziert.

Maskierte Polizisten besetzten vorigen Dienstag die Sobin, durchsuchten die Tresore und beschlagnahmten Akten. Russlands Steuerminister Alexander Potschinok war nicht überrascht: »Alle unsere Banken arbeiten mit der Bank of New York.«

Das tun auch andere Firmen: Der Ölkonzern Sibneft, an dem der Tycoon Boris Beresowski beteiligt ist, schleuste im Ausland fällige Verkaufserlöse und gesparte Steuern zur Bank of New York und von dort in die Schweiz. In diese Transaktionen soll auch die Sibneft-Tochter East Coast Petroleum verwickelt sein, welche der Russe Alexej Djatschenko leitet, sowie die ihm verbundene Belka-Handelsgesellschaft.

Djatschenko verfügt über zwei Konten bei der Bankfiliale auf den Cayman-Inseln, so hat der Direktor der Bank of New York, Thomas Renyi, in einem Hearing des US-Repräsentantenhauses ausgesagt. Die Konten weisen ein Guthaben von 2,7 Millionen Dollar aus. Pikant: Djatschenko ist der Schwiegersohn des Präsidenten Boris Jelzin. Seine Ehefrau Tatjana, amtlicher »Imetschmaker« Jelzins, weiß nicht genau, womit ihr Mann sein Geld macht: »Irgendetwas mit Holzverarbeitung.«

Russlands suspendierter Generalstaatsanwalt Jurij Skuratow verdächtigt Tatjana Djatschenko schon länger, mit einer vom Schweizer Bauunternehmer Behgjet Pacolli finanzierten Kreditkarte Garderobe en gros eingekauft zu haben - möglicherweise Pacollis Dank für Staatsaufträge aus dem Kreml.

Der Vater, dessen Name auch eine American-Express-Karte ziert, habe aber »persönlich nichts damit zu tun«, sagt Skuratow. Ihn bekümmern größere Deals: Vorigen Sommer, kurz vor der Rubel-Abwertung, hätten 18 Privatbanken sich 3,9 Milliarden Dollar bei der Zentralbank beschafft, im Tausch gegen bald darauf entwertete Rubel.

Die Greenbacks, sagt Skuratow, stammten vom Weltwährungsfonds und seien gleich auf Konten bei der Bank of New York geflossen. FRITJOF MEYER

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