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ANTIKOMINTERN Taube nagt am Kohlstrunk

aus DER SPIEGEL 42/1950

Die Recklinghauser Schaufenster der KPD wurden über Nacht mit roter Mennige-Farbe zugestrichen. Aufschrift: »Ihr seid Lumpen. Geht nach Moskau!«

In Düsseldorf, Wanne-Eickel, Dortmund und Hamburg lasen Inserenten kommunistischer Zeitungen und heimlich fördernde Beitragszahler des Kulturbunds rote Plakatstreifen an ihren Wohnungstüren: »Ich Lump bin rückversichert.« KPD-Schaukästen und FDJ-Omnibusse wurden mit Propaganda-Material verkleistert, das in Kurt Schumachers hannoverschem »Neuen Vorwärts« gedruckt wurde - planmäßige Antikomintern-Aktion des »Volksbundes für Friede und Freiheit e. V.«, Volksbewegung zur Abwehr der kommunistischen Infiltration der Bundesrepublik.

Der Kampfbund-Initiator und Parolen-Autor ist Routinier im Fach: Dr. Eberhard Taubert, seit 1930 professioneller Antikommunist, Gründer und Chef der Antikomintern der Achsenpartner Berlin-Rom-Tokio.

Im Dritten Reich versuchten seine Gegenspieler, ihn als Halbjuden zu diffamieren. Seine Großmutter sei eine geborene Achtziger. Tauber konnte einen ordentlichen Ahnenpaß vorlegen. Seine Großmutter war nur eine geborene Zwanziger. Und die Zwanziger sind arisch. Im Gegensatz zu den Achtzigern.

Der kleine »Dr. Anti«, Strippenzieher bei allen Querverbindungen zu Wlassow-Anhängern, vergrämten Ukrainern, Georgiern, Aserbeidschanen, Tataren und Kosaken, mußte 1945 erst einmal unter Grund gehen, weil man ihn wegen Goebbels-Statur und Ost-Propaganda-Aktionen für eine gefährliche, weil verantwortliche Figur des Dritten Reiches hielt.

Um seinen Verfolgern zu entgehen, umgab er sich mit einem Feuerwerk von Pseudonymen. Unter Anwendung des »Facette-Systems«, erläutert er abwehrsachkundig. »Es beruht auf dem Prinzip, dem einen Personenkreis, mit dem man verkehrt oder zusammenarbeitet, das eine Pseudonym zu sagen, der anderen Gruppe das nächste Pseudonym usw. Stellt sich dann heraus, daß in einer dieser Gruppen die Diskretion nicht gewahrt wird, so gibt man das betreffende Pseudonym auf und meidet diesen Kreis. Es ist dann auch verhältnismäßig leicht, die undichte Stelle zu entdecken.«

So kann es Tauberts Geschäftsfreunden aus Agenten-Zirkeln passieren, daß sie in seiner Wohnung anrufen und von der Wirtin die Nachricht vom Ableben des »Dr. Richter« hören.

Hat die gutmütige Wirtin dann bei Querfragen einen günstigen Eindruck von dem Konfidenten am Telefon, oder bohrt er intensiv genug, so tröstet sie wohl vertraulich, man möge doch einmal die Nummer sowieso anrufen und nach Herrn Lehmann fragen.

Aus Lehmanns Asche stieg zu gegebener Zeit Herr Dr. Becker, und Dr. Becker wurde Herr Simon, und Herr Simon wurde Menzel, und Menzel endlich der Journalist Dr. Erwin Kohl. Dieser Pseudo-Kohl hielt sich am längsten, bis heute.

Als Vertrauens- und Freundschaftsbeweis zeigt Kohl gelegentlich seinen Siegelring mit dem entschlüsselten Wappen-Rebus: eine Taube (Taubert) knabbert an einem Kohlstrunk (Kohl). Das tut Dr. Erwin Kohl jedoch nur ganz im geheimen, denn er will es mit Bestimmtheit wissen, daß Stalins Gestapo eine Million für seinen basken-bemützten Kopf ausgelobt habe.

Nun, da Taubert-Kohl im »Volksbund für Friede und Freiheit« wieder aktiv in die politische Arena tritt, wird er seinen altehrlichen Klar-Namen wiederaufnehmen. Unter allen, die ihn kennen, glaubt er selbst als einziger, daß diejenigen, die ihn mit Kohl anreden, nicht längst wissen, daß er der Komintern-Taubert des Dr. Josef Goebbels ist.

Zusammen mit dem ersten Volksbund-Vorsitzenden, Schriftsteller Jürgen Hahn-Butry, (Werke u. a. »Das goldene Buch des deutschen Unteroffiziers«, »Die Mannschaft«, »Ich war Soldat«, »General von Reyher«, »Georgette, der Unteroffizier und ich«, »Landsknecht - nein, Soldat«, »Der Soldat"), und zusammen mit zweitem Vorsitzenden Dr. Ruppert, Feuilletonist der Frankfurter Allgemeinen, hat Dr. Kohl - Menzel - Becker - Lehmann - Simon - Richter - Taubert - schon den Propaganda-Feldzugs-Plan gegen den bolschewistischen Weltfeind ausgetüftelt.

In die Zeitung will Kohl-Taubert Annoncen einrücken wie »Tausend DM zahlen wir demjenigen, der uns den Namen eines Rückversicherers in führender Stellung des Wirtschaftslebens vermittelt«.*)

Kohl-Taubert will die Picasso-Friedens-Taube mit der bolschewistischen Friedens-Ente überkleben lassen (einem als Super-Ente getarnten Panzer). Kohl-Taubert will Bekenntnisse bekehrter Kommunisten veröffentlichen. Kohl-Taubert will Plakate drucken lassen, die die Atombombe als Verteidigungswaffe der freien Welt preisen. Kohl-Taubert will überall Bilder deutscher Kriegsgefangener hinter sowjetischem Stacheldraht aufhängen.

Kohl-Taubert hat aber noch eine größere Erfolgs-Hoffnung im Kampf gegen die intellektuellen Lockungen des materialistisch-dialektischen Prinzips: die Hoffnung auf den Erfolg mechanisierter Gefühlswallungen durch indirekte Propaganda. Spontane Protestversammlungen gegen die Festhaltung deutscher Kriegsgefangener in der Sowjetunion sollen sorgfältig organisiert werden. An Kirchen und Rathäusern sollen Gedenktafeln für Gefallene und Gefangene des Ostens enthüllt werden, Bittgottesdienst davor und Kranzniederlegung.

Um eine Verfälschung des Kohlschen Volksaufstandes gegen den Kommunismus durch »konterrevolutionäre Infiltration« auszuschließen, enthält das Gründungsprotokoll des Volksbundes e. V. einen klugen Passus: Das Gremium der acht Volksbund-Gründer ist oberste Volksbund-Instanz. Weitere Mitglieder werden in dieses Führungs-Organ nicht aufgenommen. Um kommunistische Unterwanderung zu verhindern.

*) Das über die Finanzierung der neuen Antikomintern zirkulierende Gerücht, die SPD zahle monatlich 3000 DM ein, wurde von Taubert weder bestätigt noch dementiert.

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