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Tausch in Zürich: Bukowski gegen Corvalán

Schon einmal hatte Chiles rechter Diktator Pinochet der Sowjet-Union einen Gefangenentausch angeboten. Doch Moskau reagierte nicht. Erst im zweiten Anlauf kam der sensationellste Gefangenentausch der neueren Zeit zustande: Chiles KP-Chef Corvalán gegen den sowjetischen Dissidenten Bukowski. Vermittler war Washington.
aus DER SPIEGEL 53/1976

Mit einem Riesenstrauß roter Nelken warteten vergangenen Samstag im Zürcher Flughafen Kloten 25 Schweizer Kommunisten auf einen Genossen aus Chile.

Der Erwartete kam auch wirklich -- aber aus der geplanten Gratulation wurde trotzdem nichts:

Denn Luis Corvalán, Generalsekretär der verbotenen KP Chiles und nach dreijähriger Haft von Diktator Augusto Pinochet im Austausch gegen den sowjetischen Regimekritiker Wladimir Bukowski in die Freiheit entlassen, flog von Zürich aus schnurstracks nach Moskau weiter.

So konnten die Eidgenossen weder Blumen noch Glückwünsche loswerden und schickten anderntags beides mit einer Kursmaschine der Aeroflot dem so rasch Entschwundenen in die Sowjet-Union hinterher.

Grund zu überschwenglichem Gratulieren gab es vielleicht wirklich nicht, eher Staunen vor dem absurden Geschäft: Da durfte plötzlich einer, aber eben nur einer von vielen, den Archipel GULAG verlassen und ein anderer, auch nur einer von vielen, den Archipel Pinochet.

Beide waren, obschon gefangen, für die jeweiligen Machthaber eine Bürde geworden, die sie, unter Zurückstellung ihres staatlichen Racheanspruchs. loswerden wollten. Sie hätten sie einfach entlassen können, jeden für sich.

Statt dessen tauschten nun die kommunistische Supermacht UdSSR und die rechte Militärdiktatur Chile, zwei Staaten, die einander gegenseitig verteufeln, per Kontrakt ihren Gefangenen aus -- einen derartigen Handel hatten die Russen bislang allenfalls mit gefaßten Spionen betrieben. Weder ließ einst Lenin die Zarenfamilie gegen die im Deutschen Reich inhaftierten Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auswechseln, noch nutzte Stalin seinen Pakt mit Hitler, um KPD-Chef Ernst Thälmann zu befreien.

Warum die Chilenen es mit dem Zürcher Handel so eilig hatten, liegt auf der Hand: Luis Corvalán, 60, Architekt der untergegangenen Volksfront und ihre letzte große Symbolfigur, war ein besonders unbequemer Gefangener.

Für ihn intervenierten Priester und westeuropäische Parlamentspräsidenten; seinetwegen gab es beinahe eine tätliche Auseinandersetzung in der Uno; um seine Verteidigung mühten sich selbst Anwälte wie der spanische Christdemokrat und Ex-Franco-Minister Joaquin Ruiz-Giménez.

* Die Aeroflot-Maschine brachte Bukowski aus der Sowjet-Union und nahm Corvalán mit dorthin zurück.

Ungebrochen prangerte Corvalán aus dem Gefängnis heraus die Haftbedingungen an: »Man ließ uns kilometerweit marschieren, mit Säcken voller Sand oder Steinen auf dem Rücken.«

Drei Jahre lang kündigte die Regierung Pinochet an, sie werde Corvalán den Prozeß machen -- doch immer wieder wurde er verschoben. Es gab nichts, was man Corvalán vorwerfen konnte. Er hatte zu Volksfrontzeiten die radikaleren Partner immer wieder zur Mäßigung angehalten, und er war nicht korrupt: Corvalán, dessen Mutter eine analphabetische Bäuerin war, lebte auch als Senator in bescheidenen Verhältnissen.

Ein Mann also wie geschaffen für die Rolle des Märtyrers, der dem Regime im sowjetischen Exil weit ungefährlicher ist als im chilenischen Gefängnis.

Das gleiche gilt, nur mit umgekehrtem Vorzeichen, für Bukowski. Doch während der Kommunist Corvalán sozusagen der natürliche Gegner der rechten Pinochet-Diktatur war, hat das sowjetische Regime sich den Dissidenten Bukowski förmlich selbst herangezüchtet.

Wegen einer Lappalie durfte der Sohn eines Partei-Journalisten nicht studieren -- der Knabe Bukowski hatte eigenhändig eine nicht genehmigte Schülerzeitschrift verfaßt und war deshalb von der Schule verwiesen worden. Dennoch gelang es Bukowski, ein Jahr lang Vorlesungen an der Biologisch-Bodenkundlichen Fakultät der Moskauer Uni zu hören -- bis man ihm auf die Schliche kam.

Nach seiner Rückkehr von einer geologischen Expedition nach Sibirien wurden bei ihm Photokopien des Buches »Die neue Klasse« von Milovan Djilas gefunden, wofür er 22 Monate in psychiatrischen Strafkliniken in Leningrad und Moskau gefangen gehalten wurde.

Kaum freigelassen, organisierte Bukowski eine Demonstration für die inhaftierten Schriftsteller Daniel und Sinjawski -- und mußte abermals acht Monate lang in psychiatrischen Anstalten verbringen. Gleich nach seiner Freilassung leitete der Widerspenstige auf dem Moskauer Puschkinplatz eine Kundgebung von 30 Dissidenten gegen die Verhaftung der Redaktion des Untergrundblattes »Phönix«.

Diesmal erhielt Bukowski, nun offenbar wieder voll zurechnungsfähig. wegen »Störung der öffentlichen Ordnung« eine Lagerhaft von drei Jahren. Wieder in Freiheit, erstellte er eine Dokumentation mit dem Titel »Opposition -- eine neue Geisteskrankheit in der Sowjet-Union?«, die ihm eine Gesamtstrafe von zwölf Jahren Freiheitsentzug eintrug. Monatelang wurde er in Einzelhaft gehalten. mehrere Wochen mußte er in ungeheizter Arrestzelle bei Wasser und Brot verbringen.

Mit dem Züricher Handel hat die Sowjet-Union zum erstenmal offiziell eingestanden, daß sie Menschen aus politischen Gründen gefangen hält. » Ein Präzedenzfall ist geschaffen«, meinte der befreite Bukowski wohl allzu optimistisch bei seiner Ankunft im Westen, niemand könne fortan das Problem der politischen Häftlinge mehr als »innere Angelegenheit« behandeln.

Dennoch löste die Transaktion nicht nur bei den Betroffenen -- Corvalán: »Ich bin glücklich und bedrückt zugleich« -- zwiespältige Gefühle aus. Die italienischen und französischen Kommunisten, die der Sowjet-Union früher gelegentlich Härte gegenüber politischen Gefangenen vorgeworfen hatten, kritisierten nun die jähe Milde: Moskaus Versuch, Humanität zu beweisen, wurde von den selbstbewußten Eurokommunisten nicht akzeptiert.

»Dieser Handel zwischen einem faschistischen und einem kommunistischen Staat«, so Frankreichs KP-Chef Georges Marchais. »ist für uns unannehmbar.« Das »eigentliche Problem«, so rügte Italiens KP-Blatt »L'Unità«, liege »in den Einschränkungen der Freiheit in der Sowjet-Union, jenen Beschränkungen also, die erst dazu führen, daß man der UdSSR überhaupt solche Tauschvorschläge machen kann«.

Die Ostblockpresse verschwieg der eigenen Öffentlichkeit den genierlichen Handel -- sicheres Indiz dafür, daß auch der Sowjetführung selbst nicht ganz wohl bei dem Geschäft ist: Es zeigt, daß die große Sowjet-Union gegenüber der Herausforderung durch wenige Dissidenten empfindlich geworden ist.

So richtig zu triumphieren schien eigentlich nur Chiles Pinochet. »Wir haben auf der ganzen Linie gesiegt«. brüstete sich der General -- und dei Chefredakteur des französischen KP-Blattes »L"Humanit&, René Andrieu. gab ihm recht: Der Austausch sei ein »von Pinochet gelegter Hinterhalt«.

Chiles starker Mann hatte schon ein Jahr nach seinem blutigen Putsch gegen Salvador Allendes Regierung der »Unidad Popular« öffentlich verkündet, er werde seine politischen Häftlinge freilassen, wenn Kuba und die Sowjet-Union die gleiche Anzahl von Gefangenen auf freien Fuß setzten. Damals, im September 1974, reagierten weder Castro noch Breschnew, und auch Pinochet meinte es wohl nicht so ernst -- er wollte lediglich sein Diktatoren-Image etwas aufhellen.

Das versuchte er zwei Jahre später noch einmal: Am 27. Oktober, so berichtete die »Washington Post«, trug Chiles Botschafter in Washington, Manuel Trucco, dem Unterstaatssekretär für Lateinamerika, Harry W. Shlaudeman, die Idee des chilenisch-sowjetischen Gefangenenaustauschs vor.

Ob die Chilenen von selbst auf den Gedanken kamen, speziell Corvalán und Bukowski auszutauschen, oder ob sie damit eine Anregung des Bukowski-Freundes Andrej Sacharow und des nach ihm benannten Menschenrechts-Komitees in Kopenhagen aufnahmen, blieb bislang offen.

Jedenfalls gab die chilenische Regierung ihr Angebot am 16. November öffentlich bekannt. Außer Corvalán wollten die Militärs auch den ebenfalls gefangenen Kommunisten und Ex-Senator Jorge Montes freilassen -- diesen im Austausch gegen den seit 17 Jahren in Kuba inhaftierten einstigen Castro-Mitkämpfer Huber Matos. Doch Castro antwortete nicht.

Auch die Sowjets schwiegen sich zunächst aus. Nur das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« bezeichnete, etwas voreilig, das chilenische Angebot als »dreiste Zumutung«. Unterdessen aber vermittelten bereits der stellvertretende Sicherheitsbeauftragte des Weißen Hauses. William G. Hyland, und der Berater des State Departement, Helmut Sonnenfeldt, zwischen Chilenen und Russen.

Nur einmal soll Chiles Botschafter in Washington mit seinem russischen Partner, dem Botschaftsrat Julij M. Woronzow, direkt verhandelt haben -- alle übrigen Kontakte liefen über die amerikanischen Mittelsmänner.

Ohne die Hilfe der USA, so Trucco, »wäre es unmöglich gewesen, so schnell voranzukommen«.

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