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INDUSTRIE / GROSSCHEMIE Tausch um Mitternacht

aus DER SPIEGEL 3/1970

Ihre größte Transaktion erledigte Deutschlands Großchemie in Sekundenbruchteilen zwischen den Jahren. Um null Uhr am Neujahrstag schoben die Chemiegiganten Bayer, Hoechst und BASF Vermögenswerte von mehr als einer halben Milliarde Mark hin und her.

Nach monatelangem Gerangel hatten die Konzernbosse die Verträge für einen umfassenden Ringtausch ihrer Firmenbeteiligungen so weit vorbereitet, daß sie Schlag Mitternacht am Jahresultimo für alle Partner steuersparend in Kraft treten konnten*.

Damit beendeten die Farbenfabriken Bayer, die Farbwerke Hoechst und die Badische Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) den heftigsten Machtkampf, der zwischen den Konzernen der deutschen chemischen Industrie jemals ausgetragen wurde.

* Kapitalgesellschaften, die mindestens 25 Prozent der Anteile einer anderen Kapitalgesellschaft besitzen, brauchen auf die Erträge aus dieser Beteiligung weder Körperschaft- noch Kapitalertragsteuern zu zahlen (Schachtelprivileg) Voraussetzung für die Steuerersparnis ist, daß sowohl der kaufende wie der verkaufende Aktionär die Beteiligung ein volles Wirtschaftsjahr besitzt beziehungsweise besessen hat, So können Schachtel-Transaktionen steuersparend für alle Partner nur in der »logischen Sekunde« zwischen 24 Uhr des letzten und null Uhr des ersten Tages eines Jahres durchgeführt werden.

Zum Streit war es gekommen, als im Sommer 1966 Bayer-Generaldirektor Kurt Hansen überraschend einen 25-Prozent-Anteil an den Chemischen Werken Hüls (16 000 Beschäftigte; Jahresumsatz: 1,5 Milliarden Mark) aufkaufte. Hansen brach damit eine alte Abrede, durch die sich die drei Nachfolge-Konzerne des IG-Farben-Trusts verpflichtet hatten, die Selbständigkeit des Kunststoff- und Buna-Herstehers Hüls nicht anzutasten.

Hoechst-Generaldirektor Karl Winnacker, vom rüden Vorprellen des Branchengrößten Bayer gereizt, holte schnell zum Gegenschlag aus. Sein Konzern sicherte sich durch Aktienkauf die Mehrheit an der Frankfurter Holding Chemie-Verwaltungs-AG (CV), die mit 50 Prozent am Hüls-Kapital beteiligt ist. Konsequenz: Über die Chemie-Verwaltung hatte Winnacker den Konkurrenten aus Leverkusen bei Hüls blockiert und damit verhindert, daß Bayer eine deutliche Vormachtstellung erringen konnte.

Bayers Hansen eskalierte den Kampf, indem er sich mit einem anderen Hüls-Interessenten, dem Volksaktionärskonzern Veba, bei der Chemie-Verwaltung hochkaufte. Ziel von Bayer und Veba war es, 25 Prozent vom CV-Kapital zusammenzubringen, um mit der sogenannten Sperrminorität den CV-Mehrheitsaktionär Hoechst und dessen Chef Winnacker mattzusetzen. Tatsächlich brachten die vereinigten Winnacker-Gegner 21 Prozent der Chemie-Verwaltung in ihre Hände.

Im Clinch lag Bayer auch mit dem drittgrößten der Branche, der Ludwigshafener BASF. Ende 1968 hatte BASF-80ß Bernhard Timm fast 75 Prozent vom Kapital der alteingesessenen Kölner Lack-Firma Herbol-Werke Herbig-Haarhaus AG erworben, die mit 1400 Beschäftigten 110 Millionen Mark Jahresumsatz macht. Aber bevor er die Farbkocher gänzlich kassieren konnte, schnappte ihm Bayer-Chef Hansen die restlichen 25 Herbol-Prozente weg. Wütend verlangte Timm am Telephon vom Kollegen Hansen: »Geben Sie Herbol heraus.« Hansen gab nicht.

Unversöhnt wie bei Herbol, Hüls und Chemie-Verwaltung standen sich die großen drei der deutschen Chemie auch bei der Cassella Farbwerke Mainkur AG in Frankfurt gegenüber. An dieser Firma (4600 Beschäftigte, 290 Millionen Jahresumsatz) aus der Erbmasse des von den Alliierten zerschlagenen IG-Farben-Trusts waren seit 1952 alle drei Konzerne mit der gleichen Quote von je 25 Prozent beteiligt. Die mächtigen Cassella-Herren, jeder voll Mißtrauen gegenüber den anderen, hielten ihre gemeinsame Tochterfirma kurz.

Während Bayer, Hoechst und BASF auf ihrem Expansionskurs jährlich etwa eine Milliarde Mark in ihre Anlagen investierten und ihr Grundkapital mehrfach aufstockten, genehmigten sie Cassella seit der Übernahme im Jahr 1952 keine Kapitalerhöhung; die Investitionen des Unternehmens, das Arzneimittel, Kosmetika sowie Kunst- und Farbstoffe herstellt, fielen entsprechend mager aus. Trotz des geringen Wachstums aber war keiner der drei Aktionäre bereit, bei Cassella auszusteigen.

Erst als die fruchtlose Blockade auch auf Hüls, Chemie-Verwaltung und Herbol übergriff, erkannten die Konzern-Lenker, daß in Sackgassen keine Geschäfte zu machen sind. Hoechst-Chef Winnacker bot seinen Konkurrenten im Herbst 1968 an, er werde sich aus Hüls zurückziehen, wenn die beiden anderen dafür Cassella freigeben würden (SPIEGEL 44/1968).

Die Neuordnung um Cassella wurde freilich erst möglich, nachdem sich alle drei Widersacher entschlossen hatten, auch die übrigen Patt-Positionen aufzugeben. Zum Jahreswechsel wurde die Generalbereinigung in einer strategischen Großoperation vorgenommen:

* Bayer erwirbt das Cassella-Paket der BASF, gibt es zusammen mit dem eigenen 25-Prozent-Anteil an Hoechst weiter (Verrechnungspreis: 132,6 Millionen Mark) und legt außerdem 280 Millionen in bar zu; > Hoechst gibt dafür die Mehrheitsbeteiligung an der Chemie-Verwaltung (Verrechnungspreis: 412,6 Millionen) an Bayer ab und verkauft Bayer außerdem 25 Prozent an der Bunawerke Hüls GmbH zum Barpreis von 45,1 Millionen;

* BASF übernimmt von Bayer die blockierte Herbol-Schachtel (Verrechnungspreis: 20 Millionen) und erhält dazu 46,3 Millionen Mark in bar.

Ergebnis der chemischen Reinigung: BASF besitzt die Lackfabrik Herbol zu 100 Prozent, Hoechst herrscht mit mehr als 75 Prozent über Cassella, Bayer ist an der Hüls-Holding Chemie-Verwaltungs-AG zu 72 Prozent beteiligt (siehe Graphik).

Bayer freilich, der Urheber des jetzt beigelegten Titanenkampfes, sieht sich in einer neuen Patt-Stellung gefesselt. Weil Generaldirektor Hansen Ende 1967 das Angebot der Veba akzeptiert hatte, ihm im Kampf gegen Hoechst-Winnacker beizustehen und gemeinsam eine Sperrminorität bei der Chemie-Verwaltung aufzubauen, muß er jetzt das halbe -- von Hoechst übernommene -- CV-Paket an den Volksaktionärskonzern weiterreichen; er erhält dafür 200 Millionen. Beim Hüls-Aktionär Chemie-Verwaltung sind Bayer und Veba nunmehr mit je 36 Prozent gleich stark.

Auch der alte Bayer-Rivale Hoechst ist noch immer mit von der CV-Partie. Winnacker-Nachfolger Rolf Sammet gab seine Majorität an der Chemie-Verwaltung nur gegen die Zusicherung her, daß Bayer und Veba ihre Position in gleicher Prozentstärke zwölf Jahre lang behalten werden. Wenn einer von ihnen auch nur ein Prozent vom CV-Kapital veräußert, hat Hoechst-Chef Rolf Sammet das Recht, die größte Transaktion in der deutschen Chemiegeschichte wieder zurückzudrehen.

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