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»Tausend Dollar Sold«

aus DER SPIEGEL 4/1995

Stepaschin, 42, leitet Rußlands Spionageabwehrdienst (früher: KGB). Zusammen mit Wehrminister Gratschow soll er in Jelzins Auftrag die »verfassungsmäßige Ordnung« am Kaukasus wiederherstellen.

SPIEGEL: Hat die russische Armee sich mit ihrem Feldzug übernommen?

Stepaschin: Die Hauptsache war nicht, unsere Flagge zu hissen, sondern die im Stadtzentrum kämpfenden Banden zu entwaffnen. Nach deren Vernichtung muß in den Vierteln, die nicht zu stark zerstört sind, endlich wieder normales Leben einziehen.

SPIEGEL: Der Nachrichtendienst hatte die Operation offenbar miserabel vorbereitet. Die Kommandeure verfügten nicht mal über Stadtpläne.

Stepaschin: Präsident Jelzin und ich müssen heute einen Fehler eingestehen: Bei der Umstrukturierung des ehemaligen Sicherheitsministeriums haben wir Spezialeinheiten wie die Antiterrorgruppe »Wympel« verloren. Deren früherer Kommandeur Dmitrij Gerassimow war nur mit 20 Mann in Grosny eingesetzt. Dieser kleine Trupp konnte gegen die Dudajew-Banden nichts ausrichten.

SPIEGEL: Tschetschenische Scharfschützen benutzen unterirdische Schleichwege und können noch immer ganze Stadtviertel in Schach halten. Wieso haben Sie diese Gänge nicht frühzeitig geortet?

Stepaschin: Dudajew hat drei Jahre lang Bunker wie Tunnel gebaut. Wir verfügen nur über Kartenmaterial der Zivilverteidigung bis 1991.

SPIEGEL: Für solche Versäumnisse bezahlten bereits Hunderte russische Soldaten mit ihrem Leben.

Stepaschin: Dudajews Söldner - Afghanen, Balten, Ukrainer - werden mit 800 bis 1000 Dollar pro Kampftag bezahlt. Wenn Rußland soviel Geld hätte, um statt 18jähriger Burschen gestandene Männer als Berufssoldaten einzusetzen, würde sehr viel weniger Blut fließen.

SPIEGEL: Sie haben Dudajews Rückhalt im Volk unterschätzt.

Stepaschin: Nur eine Minderheit kämpft mit der Waffe gegen uns, vielleicht acht Prozent der Tschetschenen. Dazu kommen die Söldner. Deswegen glaube ich nicht an einen künftigen Partisanenkampf, höchstens im Bergland, dessen Bewohner seit dem vorigen Jahrhundert in einer Art Kriegszustand leben.

Der Tod friedlicher Bürger und die Zerstörung Grosnys haben sich natürlich auf die Stimmung ausgewirkt. Sie wird sich ändern, wenn die Kämpfe im Stadtzentrum aufhören und es den Tschetschenen wirtschaftlich rasch wieder bessergeht. Eine Riesenaufgabe für uns.

SPIEGEL: Wie wollen Sie die lösen?

Stepaschin: Hat sich nicht auch das Verhältnis der Deutschen zu ihren Besatzungstruppen von 1945 bis 1949 Schritt für Schritt gebessert?

SPIEGEL: Dudajew wird weiter mit Nachschub von Süden her versorgt. Wieso konnten Ihre Truppen nicht den Ring um Grosny schließen?

Stepaschin: Auch ein Fehlschlag, da haben Sie recht. Über diesen Weg sollten seine Kämpfer eigentlich die Stadt verlassen. In den nächsten Tagen werden Formationen der tschetschenischen Opposition wichtige Rayons besetzen. Das macht sich besser, als wenn dort russische Truppen patrouillieren.

SPIEGEL: Verhandlungen lehnen Sie nach wie vor ab?

Stepaschin: Das Dudajew-Regime besteht aus Verbrechern, die einen Krieg zur Vernichtung des eigenen Volkes führen. Es läßt sich nur noch über die Abgabe der Waffen reden, aber nicht mehr über Truppenrückzug oder Souveränität.

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