Zur Ausgabe
Artikel 12 / 57
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

VERSORGUNG Tausend kleine Dinge

aus DER SPIEGEL 15/1960

Die Stadtverordneten von Ostberlin debattierten auf ihrer letzten Tagung die Frage, warum fünfzehn Jahre nach dem Krieg die Werktätigen in den Verwaltungsbezirken Pankow und Friedrichshain noch immer Wochen, wenn nicht Monate auf ihre Schuhreparaturen warten müssen. Sie befolgten damit eine Weisung des sowjetzonalen Ministerrats, der alle örtlichen Staatsorgane der DDR, vor allem die Räte der Kreise, angewiesen hat, einen »umfassenden Plan zur Versorgung der Bevölkerung mit Reparaturen« auszuarbeiten.

Mit dieser Aktion für Reparaturen und Dienstleistungen suchen die Funktionäre der sowjetzonalen Plankommission die Aufmerksamkeit der Bevölkerung vom Mißerfolg der Kampagne »für die tausend kleinen Dinge« abzulenken, die ins Leben gerufen worden war, um den chronischen Mangel an Konsumgütern in der DDR zu beheben. Es war im Juli 1959, als Bruno Leuschner, Vorsitzender der Staatlichen Plankommission, den Wirtschaftsräten der Bezirke schrieb, es sei an der Zeit, Haushaltsscheren, Nägel, Knöpfe und Töpfe - kurz die »tausend kleinen Dinge«, die im Alltag unentbehrlich sind - endlich in ausreichender Menge herzustellen.

Ihre letzte Weihe erhielt die von Leuschner angekurbelte Kampagne in dem darauffolgenden »Gesetz über den Siebenjahrplan zur Entwicklung der

Volkswirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik in den Jahren 1959 bis 1965«. Die in den Plan aufgenommenen »tausend kleinen Dinge« sollten, so bestimmte das Gesetz, in entscheidender Weise dazu beizutragen, »Westdeutschland auf dem Gebiet der Arbeitsproduktivität einzuholen und zu überflügeln«.

Entgegen östlichem Brauch mußten es sich die Gesetzgeber des Siebenjahrplans jedoch versagen, im einzelnen genau festzulegen, wie viele Nägel, Töpfe, Pfannen, Haarnadeln und Schnürsenkel die Wirtschaft der Zone in den nächsten sieben Jahren zusätzlich produzieren muß. SED-Chef Walter Ulbricht bekannte offen: »Gegenwärtig besteht noch keine Übersicht über die Gesamtheit dieses Problems.«

Knapp vier Monate nach Verkündung des Siebenjahrplans hatten selbst die Planungsfunktionäre in Ostberlin begriffen: Auch die beste »Übersicht« über die tausend kleinen Dinge« wird stets so unbefriedigend bleiben, daß man besser darauf verzichtet, die Aktion zentral zu lenken. So zogen sie es ausnahmsweise vor, die Verantwortung

nach unten abzugeben. Erklärte das Politbüro der SED Ende Januar: »Das Neue besteht darin, daß alle Maßnahmen von unten nach oben, von den Betrieben, Gemeinden und Städten über die Kreise zu den Bezirken ausgearbeitet werden. Nur so kommt die Initiative der Werktätigen voll zur Entfaltung und werden die örtlichen Reserven besser genutzt.«

Da sich die Regierung außerstande sieht, die für die tausend Dinge notwendigen zusätzlichen Rohstoffe bereitzustellen, wurde zugleich dekretiert: »Für jeden Kreis und jeden Bezirk gilt das Prinzip der maximalen Versorgung der Bevölkerung aus eigenem Aufkommen.« Nun wissen die Planer in Ostberlin sehr genau, daß auch in den Kreisen und Bezirken der Zone nennenswerte Reserven weder an Rohstoffen noch an Geld vorhanden sind. Um die Aufmerksamkeit von den angeblich fabrikneuen kleinen Dingen abzulenken, die sie wenige Monate zuvor stolz angekündigt hatten, wandten sie sich einem anderen, nicht weniger kritischen Versorgungsproblem der Zone zu - den »Reparaturen und Dienstleistungen«.

Die mißvergnügte Kundschaft der noch privat wirtschaftenden Schuhmacher in den Berliner Verwaltungsbezirken Pankow und Friedrichshain, die Wochen und Monate auf neue Absätze und Sohlen warten muß, steht in der DDR nämlich mit ihren Sorgen nicht allein da. So nahm der »Volkseigene Betrieb Kommunale Wohnungs -Verwaltung« im Ostberliner Bezirk Köpenick per Ultimo 1959 nach amtlichen Angaben 3168 unerledigte Kleinreparatur-Aufträge mit ins neue Jahr. Ähnliche Mißstände werden aus allen Kreisen der Zone gemeldet. Der DDR-Ministerrat sah sich deshalb kürzlich zu dem Beschluß gezwungen: »Für das gesamte Handwerk gilt der Grundsatz: Reparaturen gehen vor Neuproduktion.«

Zur Behebung der offenkundig gewordenen Misere im Reparatur- und Dienstleistungswesen der Zonenwirtschaft fiel den Wirtschaftsplanern Walter Ulbrichts allerdings nichts Besseres ein, als mit der Sozialisierung auch des letzten privaten Industrie- und Handwerksbetriebs zu drohen. Wußte das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« von jener Ministerrats-Sitzung zu berichten: »Der Stellvertreter des Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission wies darauf hin, daß die größten Reserven, die bei der Lösung dieser Aufgaben erschlossen werden können und müssen, in den halbstaatlichen und privaten Industriebetrieben sowie im genossenschaftlichen und privaten Handwerk liegen. Die weitere sozialistische Umgestaltung des Handwerks und der privaten Industrie wird die Voraussetzungen dafür schaffen, die notwendige Steigerung der Arbeitsproduktivität zu erreichen.«

Die Konsumenten indes, die sich mit anhören müssen, daß »die breite Mitwirkung aller Schichten der Bevölkerung bei der Verwirklichung des Programms« notwendig sei, stehen zukünftigen Reparatur-Erfolgen skeptisch gegenüber. Im Faksimile veröffentlichte die im Ostsektor erscheinende »Berliner Zeitung« eine Zuschrift, in der ein Leser erklärt: »Wir glauben nicht, daß sich bis 1965 an dem jetzigen Zustand der Dienstleistungsbetriebe in unserem Bezirk etwas ändern wird.«

SED-Planungschef Leuschner

Reparieren statt produzieren

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 12 / 57
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.