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UNFÄLLE Tausend Trümmer

Immer mehr Motorradfahrer verunglücken tödlich. Liegt es an den Schutzhelmen?
aus DER SPIEGEL 37/1977

Auf der schmalen Grenze zwischen Leben und Tod balancierend, gab Lehrling Thilo Gebler, 18, ein letztes Mal Gas. In der langgestreckten Rechtskurve der Berliner Stadtautobahn suchte er dem Sog schwerer Zwillingsreifen zu entkommen. Das Manöver mißlang. Zwischen dem Lastwagen und der Betonmauer blieb dem Motorradfahrer wenig Raum. Thilo Gebler stürzte.

Sein Schutzhelm, am Vortag feuerrot gestrichen, zerbarst in tausend Trümmer. Der Mann starb noch am Unfallort -- ein Opfer seines Helms. Denn dieser, eine alte Plastikschale aus zweiter Hand, hatte die rote Signalfarbe nicht vertragen. Der aggressive Nitrolack nahm dem Helm den letzten Rest von Stabilität -- weither war es damit ohnehin nicht gewesen.

Sogar die neuen, bis zu 300 Mark teuren Kopfbedeckungen der Motorradfahrer sind oft schlechter als ihr Ruf. »Mir ist so'n Ding neulich vom Tisch gekullert«, erinnert sich im »Athener Grill«, dem Treffpunkt der Berliner Motorradfahrer, ein Gast, »und bums war er in zwei Teile.«

Das teure Stück, so ergab die im harten Ton geführte »Kulanz«-Besprechung, erfüllte nicht mal die DIN-Norm 4848. Auf deren Minimalanforderungen haben sich die meisten Hersteller inzwischen eingelassen, doch mit einer relativ stabilen Helmschale allein ist es nicht getan.

Motorradfahrer, die ihren Kopf, wie es das Gesetz seit dem 1. Januar 1976 befiehlt, durch einen Helm schützen, haben zwar die Wahl zwischen Hunderten von Modellen, doch unterscheiden sich die meisten nur durch die Kombination ihrer Mängel. Wer sich etwa für einen »Integralheim« entscheidet, der den Gesichtsschädel samt Unterkiefer hinter Plastik verbirgt, muß in Kauf nehmen, daß sein Gesichtsfeld stark eingeschränkt wird. Bei manchen Modellen sind die Sehschlitze so schmal, daß der Fahrer den Kopf senken muß, wenn er einen Blick auf die Armaturen werfen will.

Der »Jet«-Helm hingegen, unten offen und meist billiger, läßt den Augen zwar Raum, macht jedoch bei höheren Geschwindigkeiten die Ohren taub, weil der Windzug genau im Gehörgang rotiert. Ohnehin wird die Luft hinter den Kunststoffscheiben durch konstruktive Eigentümlichkeiten manchmal so umgewälzt, daß die Scheibe vom Atem beschlägt, das Auge dafür trockengepustet wird.

Die Visiere sind für alle Helmträger auch deshalb eine Quelle ständigen Ärgers, weil sie innerhalb weniger Tage selbst bei sanfter Behandlung zerkratzen. Noch gefährlicher ist ihr ungewolltes Auf klappen bei voller Fahrt. Den plötzlich einsetzenden Staudruck des Windes in den offenen Helm können nur »solche Kameraden kompensieren, bei denen der Hals dicker ist als der Kopf« (ein Frankfurter Arzt und Freizeit-Rocker).

Wem der Schädel durch Wind oder Sturz wie eine Pendelbirne ruckartig nach hinten gerissen wird, der muß darauf hoffen, daß sein Helm hinten eine gewölbte Aussparung hat -- »sonst«, sagt der Unfallchirurg Georg Feldkamp, »hebelt sich der Helm an den Schultern um und bricht dabei das Genick«.

Solche Unfallfolge muß nicht unbedingt tödlich sein. Feldkamp hat die Opfer von 467 »Unfällen mit motorisierten Zweirädern« analysiert, die in die Heidelberger Uniklinik eingeliefert wurden, und er kennt Überlebende, die sich jetzt querschnittsgelähmt auf vier Rädern im Rollstuhl fortbewegen. Trotzdem: »Ein Helm ist besser als kein Helm« (Feldkamp). Die Plastikhaube könne zwar nicht »sämtliche Verletzungen des Kopfes« verhindern, »die schweren Hirnverletzungen gehen jedoch zurück«.

Dieser Optimismus läßt sich statistisch untermauern: Das Risiko eines tödlichen Unfalls sinkt für behelmte Motorradfahrer um 40 Prozent, bleibt jedoch trotzdem rund dreimal so hoch wie für einen Automobilisten. Besonders gefährdet sind die risikofrohen Jahrgänge der 18- bis 24jährigen.

Den schwach motorisierten Nachwuchsfahrern auf Mofas, Mokicks und Mopeds gilt jeder Kopfschutz ohnehin als entbehrlich. Sie beschleunigen in der Zuversicht, daß bei Geschwindigkeiten unter 40 km/h nichts Ernstes passieren kann. Eine gesetzliche Helmpflicht gibt es für diese Zweiradfahrer nicht. Eben das, sagt Feldkamp, sei ein Fehler, weil »der typische motorisierte Zweiradverletzte ein Jugendlicher unter 18 Jahren ist«. Im letzten Jahr verunglückten in dieser Altersgruppe 39 044 Personen, bei der (zahlenmäßig vielfach größeren) Gruppe über 18 Jahren waren es 47 467.

Daß die Jugendlichen freiwillig einen Helm aufsetzen, kann nicht erwartet werden. Wer diesseits von 40 Stundenkilometern seinen Kopf mit Plastik verhüllt, der gilt unter seinesgleichen als ängstlich und feige, bestenfalls als wehrloses Opfer elterlicher Repression. Chic ist, mit den Haaren im Wind zu fahren.

Der Verzicht auf solch risikovolles Glücksgefühl, das auch von den älteren Motorradfahrern höher geschätzt wird als die bedrückende Enge schlecht sitzender Helme, soll wenigstens den helmpflichtigen Motorradfahrern in Zukunft leichter gemacht werden. Im April verlieh der ADAC dem Tüftler Kalman Györy seinen »Sicherheitspreis« für einen »Pneumatie-Helm«, der mit einer kleinen Pumpe zwischen Kopf und Kunststoff aufgeblasen wird und danach komfortabel sitzen soll.

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