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REVUE Tausend und eine Frau in Beton

aus DER SPIEGEL 20/1947

In Hamburg geht man seit einiger Zeit in den früheren Flakturm auf dem Heiligengeistfeld, um eine Revue zu sehen. Die spärlich bekleideten Damen aus »Tausend und eine Frau« - so heißt die Revue - lächeln, als ob sie in Hollywood zur Schule gegangen waren. Sie tragen Pariser Modelle und Phantasiekostüme aus bemaltem Cellophanpapier.

Im ersten Teil wird eine Modenschau gezeigt. Die Zuschauerinnen im Flak-Parkett werden unruhig. Ihre männlichen Begleiter behalten die Nerven, denn sie wissen, daß es diese Kleider nicht zu kaufen gibt.

Als Hamburg im Kriege zu einem immer öfter angeflogenen Luftangriffsziel wurde, entschlossen sich die Nazi-Machthaber, etwas ganz Imponierendes auf die Beine zu stellen. Sie bauten in Hamburg vier ermutigend anzusehende Betonriesen von über 50 Meter Höhe mit Eisenbetonmauern von 2 bis 6 Meter Dicke.

Auf dem Heiligengeistfeld in St. Pauli, wo vor dem Kriege die Luftschaukeln und die Achterbahnen des Hamburger »Doms« lärmten, wuchsen zwei dieser Türme. Der eine diente zugleich als öffentlicher Luftschutzraum und konnte 25 000 Schutzsuchende aufnehmen.

Die Türme verloren ihren militärischen Nimbus sehr schnell. Sie konnten nicht verhindern, daß die Bomberströme ihren Kurs über die Stadt nahmen. Heute sehen die schwarzgrauen Riesen recht traurig aus. Zu ihren Füßen häufen sich Schrott und Schuttberge.

Aber die fünfstöckigen Ungeheuer haben enorme Räume in ihrem Innern Das hat ihnen das Leben gerettet. Man hat mit viel Mühe Fenster in die Betonmauern gesprengt. Kontore sind eingerichtet worden, Kleinwohnungen sollen ausgebaut werden. Und die »Scala« ist in den früheren Bunkerräumen eröffnet worden.

Ein Saal mit 950 Sitzplätzen ist entstanden. Hinter der Bühne tragen Türen noch die ominöse Aufschrift: »Tür zu bei Gefecht.«

Die jetzt gastierende »Luxembourg -Revue« wurde aus der amerikanischen Zone importiert. Nach Hamburg wird sie in München in der »Jubelee-Hall«, dem früheren »Haus der deutschen Kunst« spielen. Unter den »Beauties« des Luxembourg-Balletts sind viele Fräuleins von der Berliner Scala.

Probe im Bunker - die Türaufschrift meint ein anderes Gefecht

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