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USA / NIXON Tausend zu eins

aus DER SPIEGEL 5/1969

Der Präsident und sein Nachfolger sprachen vom Wetter. »Glauben Sie, daß wir heute vom Schnee verschont bleiben?« fragte Richard Nixon den scheidenden Lyndon Johnson. »Hoffentlich«, erwiderte der Präsident.

»Wie war es vor vier Jahren?« weilte Nixon wissen. Antwort: »Nicht schlecht, aber vor acht Jahren -- »Ja, ja«, unterbrach Nixon, »vor acht Jahren war es schlecht, ich erinnere mich.«

Vor acht Jahren, am 20. Januar 1961, war es bitterkalt gewesen in Washington -- und »schlecht« für Richard Nixon. Auf den Stufen des Capitols hatte Eisenhowers Vize, im Kampf um Eisenhowers Nachfolge knapp besiegt, zugesehen, wie sein Bezwinger John F. Kennedy vereidigt wurde -- und Abschied genommen von der Hauptstadt.

Jetzt, am 20. Januar 1969, fuhr Richard Milhous Nixon wieder zum Capitol -- diesmal ohne Schnee und ohne Frost, zu seiner eigenen Vereidigung. Und niemand, auch nicht er selbst, hatte mit diesem Comeback gerechnet. »Wenn ich ein Spieler gewesen wäre«, so gestand er Lyndon Johnson, der ihn einst als Vizepräsident abgelöst hatte und den er nun als Präsident abgelöst hat, »ich hätte tausend zu eins dagegen gehalten.«

Auf der Zwölf-Minuten-Fahrt vom Weißen Haus zum Capitol hatten sich

*Bei der Vereidigung vor dem Capitol in Washington.

der alte und der neue Präsident nicht mehr viel zu sagen: Sie sprachen über ihre Hunde.

Dann, kurz vor seiner Vereidigung, zog sich Richard Nixon zurück, »um einige Minuten allein zu sein«. Auch Johnsons Parteifreund B. Everett Jordan, Senator aus North Carolina, wollte allein sein. »Ich gehe jetzt aufs Klo«, verriet er dem Alt-Präsidenten. Johnson: »Ich komme mit.«

Geistliche entzündeten unterdessen auf den Altären der Kirchen von Washington die Kerzen, Rabbiner öffneten die Türen ihrer Synagogen. Vor dem Capitol durchsuchten Secret-Service-Agenten die Handtaschen von Zuschauerinnen nach Waffen und Sprengstoff. Geheimdienstler beobachteten aus Hubschraubern das Gelände. Auf den Dächern der Kongreßgebäude hockten farbige Polizisten. Auf der Ehrentribüne hingegen saß kaum ein Neger.

Um 12.15 Uhr hob der Republikaner Richard Nixon die rechte Hand zum Schwur, die linke ruhte auf zwei Familienbibeln. Fünf Kirchenfürsten segneten nacheinander den Präsidenten, seine Familie und das neue Kabinett. Evangelist Billy Graham wünschte seinem Freund Richard Nixon »einen kühlen Kopf und ein warmes Herz«. Aus Rom telegraphierte Papst Paul an den Quäker Nixon: »Wir bitten Gott, Sie zu schützen und zu führen.«

Der Glaube und der Geheimdienst, so scheint es, sollen Richard Nixon und die Nation künftig vor Unheil bewahren. Denn »noch nie in der Geschichte der Republik«, schrieb die »Washington Post«, »wurde in der Öffentlichkeit so viel für einen neuen Präsidenten gebetet«. Und noch kein Präsident Amerikas wurde so scharf bewacht wie Richard Nixon am letzten Montag.

Nie zuvor in diesem Jahrhundert auch war die Nation derart unzufrieden, derart in ihrem Selbstbewußtsein erschüttert. Die Ermordung der Kennedys und des farbigen Friedensnobelpreisträgers Martin Luther King, die Rassenunruhen und die Zweifel am sinnlosen Krieg in Vietnam, die Angst des weißen Proletariats vor dem Aufstieg der Farbigen und die wachsende Kriminalität in den Großstädten haben Amerika gespalten. Schüsse von Mördern, GIs und Polizisten hallen durch die Nation.

Richard Nixons Antrittsrede wirkte wie ein Schalldämpfer. »Laßt dies unser Ziel sein: wo Frieden unbekannt ist, ihn willkommen machen«, verkündete der neue Staatschef, »wo Frieden zerbrechlich ist, ihn stärken, wo Frieden nur vorübergehend seßhaft ist, ihn dauerhaft machen,« Seinen weißen und farbigen Landsleuten empfahl er, »gemeinsam vorwärtszustreben -- als eine Nation, nicht zwei«.

Er sprach nicht von Vietnam oder Biafra, nicht von Moskau, der Tschechoslowakei oder Nahost, er sprach -- wie im Wahlkampf -- in Pauschalen: »Wir können nicht erwarten, jeden zu unserem Freund zu machen, aber wir können versuchen, niemand zu unserem Feind zu machen.«

Die 2119 Worte des 37. US-Präsidenten begeisterten nicht. Aber für diesen Augenblick«, meinte die »Washington Post«, »war's die richtige Predigt«.

Nach dem Lunch (kalifornische Früchte, Rinderbraten, gebackene Tomaten und Pariser Kartoffeln) fuhr Richard Nixon erstmals als Präsident durch seine Hauptstadt, umjubelt und beschimpft zugleich.

Zum erstenmal in der Geschichte Amerikas protestierten Amerikaner gegen ihren neuen Präsidenten schon an dessen erstem Amtstag. Etwa 400 linke Studenten und Hippies bombardierten Nixons Limousine mit Bierdosen, Pappbechern und Steinen. Sie riefen »Sieg Heil« und »Ho Tschi-minh«, verbrannten Sternenbanner und prügelten sich mit den Polizisten.

10 000 Soldaten, Polizisten und Agenten kontrollierten die Viertelmillion Zuschauer an der Pennsylvania Avenue. Anrainer durften ihre Häuser nur mit Spezialausweisen betreten, die Fenster mußten während des Umzuges geschlossen bleiben. Die Namen jener Zuschauer, die während der Parade hinter den Scheiben stehen wollten, mußten den Polizeidienststellen auf Anweisung des Secret Service schon eine Woche zuvor mitgeteilt werden. Journalisten benötigten für die Berichterstattung über sämtliche Festveranstaltungen 52 verschiedene Ausweise.

Erst auf den letzten Kilometern schoben die Secret-Service-Agenten das kugelsichere Dach des Präsidenten-»,Lincoln Continental« zurück Richard Nixon und die neue First Lady Patricia ("Pat") durften winken. Infanterie- und Marinesoldaten, dazu 58 Musikkapellen folgten dem Präsidenten, der später in einer geheizten Loge die Parade abnahm. Indianer tanzten, drei Lipizzaner tänzelten über das Pflaster -- darunter ein Sohn von Conversano Beja, den die Spanische Hofreitschule in Wien einst dem US-Panzer-General George Patton für die Rettung der Pferde im Zweiten Weltkrieg geschenkt hatte.

Während Richard Nixon -- der zu seinem Fest auch 203 Verwandte eingeladen hatte -- die Huldigungen sichtbar genoß und sich von livrierten Kellnern Kaffee servieren ließ, feuerten auf dem nahegelegenen Andrew-Militärflughafen 105-Millimeter-Haubitzen 21 Schuß Salut für Nixons Vorgänger Lyndon Johnson. Dann flog der Expräsident mit jener »Air Force One« zurück nach Texas, in der er 1886 Tage zuvor mit dem Leichnam John F. Kennedys an Bord als Präsident nach Washington gekommen war.

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