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SÜDAFRIKA Tee bei Botha

Nelson Mandela traf sich mit seinem Erzfeind: Beginn eines friedlichen Dialogs am Kap?
aus DER SPIEGEL 29/1989

Die beliebteste TV-Sprecherin im Apartheidstaat, die dunkelhaarige Gilian van Houten, zögerte kurz. Dann verlas sie mit unbeteiligter Stimme, als handele es sich um ein Routine-Kommunique, eine Erklärung des seit 27 Jahren inhaftierten Schwarzen-Führers Nelson Mandela - der seit Jahrzehnten Pretorias Staatsfeind Nummer 1 ist.

Was das staatliche Fernsehen am vorigen Donnerstag als Spitzenmeldung der Nachrichtensendung »Network« ausstrahlte, könnte die politische Entwicklung am Kap entscheidend verändern. Der Welt bekanntester politischer Häftling, Verfechter des bewaffneten Kampfes gegen den Rassistenstaat, erklärte sich zu einer gütlichen Einigung mit dem Burenregime bereit. Mandela: »Der Dialog mit der demokratischen Massenbewegung und insbesondere mit dem Afrikanischen Nationalkongreß ist der einzige Weg, die Gewalt zu beenden und unserem Land Frieden zu bringen.«

Acht Tage zuvor war Mandela mit Präsident Botha in dessen Amtssitz Tuynhuys in Kapstadt zusammengekommen. Das historische Gipfeltreffen - der Repräsentant der Unterdrückung und die Symbolfigur des schwarzen Widerstands tranken friedlich miteinander Tee - stürzte Gegner und Anhänger in tiefe Verwirrung.

Weiße Rassisten verurteilten den »Tee mit dem Terroristen« als »Kniefall Bothas«. Mandelas Frau Winnie warnte vor »einem Trick der regierenden Minderheit«, und die schwarze Widerstandsbewegung African National Congress (ANC) ließ aus dem Exil in Lusaka verlauten, das Treffen sei eine »PR-Masche« der Regierung.

War Mandela, der am Dienstag 71 wird, durch die lange Haft so zermürbt worden, daß er sich hinter dem Rücken seiner Freunde auf Kompromisse mit der Regierung einließ? Oder hatte umgekehrt die Unbeugsamkeit des Gefangenen Staatspräsident Botha am Ende zum Einlenken bewogen?

Der schwarze Erzbischof Desmond Tutu feierte schon »das Treffen eines Präsidenten auf Abruf mit dem Mann, der ihm in Tuynhuys einmal nachfolgen wird«. Die Finanzzeitung »Business Day« staunte über die Weise, in der Mandela Schwäche in Stärke verwandelt habe: »Die Regierung ist jetzt der Gefangene ihres Gefangenen - sie kann seiner Umarmung nicht mehr entkommen.«

Die Angst der Apartheidregierung vor ihrem prominentesten Häftling reicht weit zurück: Seit Mitte der siebziger Jahre bot sie Mandela immer wieder die Freilassung an, unter der Bedingung, daß er ins Exil gehe oder der Gewalt abschwöre. Mandela, der 1964 wegen Sabotage und angeblicher Umsturzpläne zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, lehnte ab - mit solchen Zusagen hätte er den Kampf seiner Bewegung desavouiert. Der Held der zornigen Jugendlichen in den schwarzen Townships wurde zum Mythos, seine Befreiung gilt als Schlüssel für eine Lösung des Südafrikakonflikts.

Das weiße Regime hat sich in einem Dilemma verfangen: Einerseits muß es fürchten, daß der alte Mann hinter Gittern stirbt; sein Tod könnte der Funke für einen unkontrollierbaren Gewaltausbruch der trauernden Schwarzen werden. Andererseits wagt Pretoria auch nicht, Mandela bedingungslos freizulassen und so zum Triumphator zu erheben.

Präsident Botha weiß, daß Mandela der einzige ist, der die Schwarzen zur Gewaltlosigkeit überreden könnte. Im ANC, der 1960 zum bewaffneten Kampf übergegangen war, gibt es bis heute Richtungskämpfe zwischen Falken und Tauben: Die jungen Guerrilleros des bewaffneten Arms Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation) und ihre militärischen Führer setzen auf Sabotage und Anschläge, um die südafrikanische Regierung an den Verhandlungstisch zu zwingen.

Die ältere Garde um ANC-Präsident Oliver Tambo - teils noch Weggefährten Mandelas, die seit Jahrzehnten im Exil leben - ist bereit, bewaffnete Aktionen auf »strategische« Ziele zu beschränken. Ihre Bedingungen für Verhandlungen sind seit langem bekannt: Entlassung Mandelas und aller anderen politischen Gefangenen, Wiederzulassung des ANC und weiterer Oppositionsgruppen, Aufhebung des Ausnahmezustands, Abzug des Militärs aus den Townships und Rückkehrerlaubnis für die Exilierten.

Der im Herbst aus dem Amt scheidende Botha ist sich bewußt, daß die Zeit nicht für die Buren arbeitet. Deshalb würde er gern selbst noch vor den Wahlen vom 6. September die Weichen für einen Dialog zwischen Regierung und ANC stellen.

Auf dem jüngsten Kongreß der regierenden Nationalen Partei im Juni schwächten die Delegierten ihre Vorbedingung für die Aufnahme von Verhandlungen ab: Statt einer formellen Gewaltverzichtserklärung reicht ihnen nun ein Bekenntnis zu friedlichen Methoden. War Nelson Mandelas öffentliche Erklärung im Fernsehen dafür das Codewort?

Der ANC jedenfalls gibt sich versöhnlicher denn je. Hunderte von weißen Südafrikanern reisten in den vergangenen Jahren nach Lusaka, Harare oder London, um mit den schwarzen Politikern über die Zukunft Südafrikas zu diskutieren, unter ihnen Industrielle, Parlamentsabgeordnete, Professoren, Künstler und Sportfunktionäre wie Südafrikas Rugby-Star Danie Craven.

Dabei kommt es zu überraschenden Aussöhnungen: Ende Juni begrüßten sich in der sambischen Hauptstadt Lusaka Donald Card, Bürgermeister der südafrikanischen Hafenstadt East London, und Steve Tshwete, Mitglied der ANC-Führung.

Anfang der sechziger Jahre hatte Card für die Sicherheitspolizei gearbeitet und Tshwete tagelang verhört. Dem jungen ANC-Mann brachte das 18 Jahre auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island ein. Steve Tshwete saß seine Strafe bis zum letzten Tag ab.

In Lusaka fielen sich die Gegner von damals gerührt in die Arme.

Präsident Botha, Häftling Mandela*: Codewort im Fernsehen

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