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AFFÄREN Teilhabe am Gotteswerk

Die Bielefelder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das Kolpingwerk wegen Millionenbetrugs. *
aus DER SPIEGEL 13/1984

Das Kolpingwerk in der Erzdiözese Paderborn, in dem die tägliche Arbeit eine »Teilhabe am Schöpfungswerk Gottes« ist, galt Eingeweihten seit langem als Stätte wundersamer Geldvermehrung. Nun versucht die Justiz, das Rätsel zu lösen.

Unangemeldet, Punkt zehn Uhr, räumten am Donnerstag vorletzter Woche mehr als zwanzig Staatsanwälte, Steuerfahnder und Kripobeamte in Westfalen vier Kolping-Geschäftsstellen und die Büroschränke von neun Kolping-Geschäftspartnern aus. Sie beschlagnahmten stapelweise Akten und schleppten Dutzende Ordner ab.

Die Ermittler haben den Verdacht, daß sich die katholische Organisation mit fingierten Angaben und mit Hilfe von manipulierten Rechnungen mehrere Millionen Mark aus der Staatskasse erschwindelt hat - eine neue Facette kirchlicher Seelsorgearbeit. Der mehrfache Kolping-Geschäftsführer Günter Binger, 56, wurde letzten Montag wegen Verdachts auf »fortgesetzten Betrug« und Verdunkelungsgefahr verhaftet, nachdem er bereits Wochen zuvor gemeinsam mit einigen Helfern ganze Wagenladungen von Akten hatte wegschaffen lassen.

»Wir brauchen noch Monate«, sagt der Bielefelder Oberstaatsanwalt Jost Schmiedeskamp, »ehe wir wissen, wer die Drahtzieher waren und welches Ausmaß das Ganze hatte.«

Die Staatsaktion trifft einen der bedeutendsten unter den rund 150 katholischen Verbänden. Zu den Zielen Adolf Kolpings - ursprünglich, seit Mitte vorigen Jahrhunderts, die geistliche und leibliche Betreuung wandernder Handwerksgesellen - bekennen sich 255 000 Katholiken in der Bundesrepublik und überdies 45 000 weitere in 24 Ländern.

Viele Kolpingsöhne gehören zu den Einflußreichen dieser Republik. Bundesarbeitsminister Norbert Blüm zählt ebenso zur »Familie« wie der bayrische Staatsminister Max Streibl oder der scheidende Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Josef Stingl. Rund 10 000 der Kolping-Nachfahren, vermerkt mit Stolz der Zentralsekretär Michael Hanke,

»haben im politischen und gesellschaftlichen Bereich ein Mandat«.

Der christliche Laienverband geriet als erster seiner Zunft auch mit in die Bonner Parteispendenaffäre. Die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelt gegen das Kolpingwerk, weil es im Verdacht steht, die Parteikasse der Christsozialen mit unversteuertem Geld aufgefüllt zu haben (SPIEGEL 4/1984).

Tatort des jüngsten Kirchen-Krimis ist Brakel nahe Paderborn, immer schon eine Bastion für Klerus und Christdemokraten. Im Sommer 1979 wurde dort das Berufsbildungswerk Brakel als gemeinnützige GmbH gegründet, an der zwei Kolping-Bildungswerke zu hundert Prozent beteiligt sind. Hier wird ein guter Zweck erfüllt - die Schul- und Berufsausbildung von 250 Lernbehinderten.

Doch nebenbei wurde in Brakel auch Geld gemacht. Schon für die Baukosten von 40 Millionen Mark brauchte Kolping kaum etwas aufzubringen. Über 90 Prozent finanzierte die öffentliche Hand, für den Rest kamen die Aktion Sorgenkind und das Erzbischöfliche Generalvikariat zu Paderborn auf. Die laufenden Kosten tragen fast vollständig die Bundesanstalt für Arbeit und das Land Nordrhein-Westfalen.

Schon sehr bald nach der Gründung des Brakeler Berufsbildungswerks brachte die staatliche Alimentierung führende ostwestfälische Kolpingsöhne auf die Idee, auch andere, teilweise mit hohen Verlusten operierende Kolping-Bildungswerke des Diözesanverbandes Paderborn (37 000 Mitglieder) an dem Geldsegen teilhaben zu lassen.

Die krumme Tour begann mit einem Kunstgriff, der in der Sozialbranche immer wieder probiert wird: Die Heimpflegesätze für das angeschlossene Internat waren mit dem zuständigen Land so ausgehandelt, daß jährlich für Brakel ein satter Überschuß von 800 000 bis einer Million Mark blieb, ohne daß dies einer staatlichen Stelle auffiel.

Ganz unauffällig lief auch ein gutes Geschäft mit vorgetäuschten Wochenend-Seminaren in der Kolping-Bildungsstätte Weberhaus Nieheim nahe Brakel. Die Lernbehinderten mußten den Betrug am Staat mit ihrer Unterschrift absegnen.

Als diese Sünden von den staatlichen Geldgebern nicht bemerkt wurden, bekamen die Durchstechereien eine größere Dimension. Zum Kolping-Standard gehörte, so der bisherige Erkenntnisstand, daß *___über den Brakeler Stellenplan zeitweise bis zu acht ____Angestellte aus anderen Kolping-Geschäftsstellen ____bezahlt wurden. Ausbilder aus den Brakeler Werkstätten ____renovierten wochenlang Kirchen in der DDR und wurden ____dafür, Material- und Transportkosten inklusive, von ____Stingl bezahlt. Finanzieller Schnitt pro Jahr: rund 300 ____000 Mark; *___das Berufsbildungswerk vertraglich überaus geschickt an ____die beiden Kolping-Muttergesellschaften ____(Kolping-Bildungswerk und Kolping-Weberhaus Nieheim) ____gekoppelt wurde, wobei Kolping Brakel (und somit der ____Staat) an Kolping Paderborn eine jährliche Pacht von ____mittlerweile rund 800 000 Mark zu zahlen hat; *___für Brakel bestimmte staatliche Baukredite mit ____günstigen Zinssätzen in andere Kolping-Bauten gesteckt ____wurden - so in Nieheim, Hamm, Soest, Gütersloh und ____Arnsberg; *___mit fingierten Rechnungen Millionen erschwindelt ____wurden. Teils übernahm Brakel die Kosten anderer ____Kolping-Filialen, teils ließ das Berufsbildungswerk von ____Firmen im Raum Paderborn Rechnungen über nie erbrachte ____Leistungen ausschreiben.

Brakel-Geschäftsführer Binger bezahlte die Rechnungen, das Geld floß jedoch, abzüglich der von den Firmen zu zahlenden Steuern, nach Vermutungen der Staatsanwaltschaft wieder an Kolping zurück. Vorteil für die Firmen: Sie konnten das Geld als Spende von der Steuer absetzen.

Bei erster Sichtung des konfiszierten Kirchen-Materials, das im Haus der Bielefelder Staatsanwaltschaft »eine ganze Wand mit Akten füllt« (Oberstaatsanwalt Schmiedeskamp), staunten die Fahnder, wie leicht beispielsweise mit Gras Geld wie Heu zu machen ist.

So berechnete eine Gärtnerei 1981 für die Pflege von Rasen- und Pflanzflächen 52 372,77 Mark. Ein Jahr später war die Rechnungssumme für »Pflegearbeiten« ums Vierfache gestiegen - auf 210 972,40 Mark. Die Staatsanwälte vermuten, daß die Firma gar nicht tätig war. Das Jäten und Schneiden übernahmen vorzugsweise Brakel-Zöglinge, die zum Unkraut-Zupfen abkommandiert wurden.

Rechnungen über rund 1,5 Millionen Mark übernahm Brakel allein 1982 von anderen Kolpingwerken. Beispiel eines Standard-Briefs aus Brakel vom 6. Januar 1983 an die Kolping-Bildungsstätte Weberhaus Nieheim: _____« Im Jahre 1982 wurden von Ihnen irrtümlich ... » _____« Rechnungen über Ihr Konto bezahlt. Da es sich bei den » _____« Einkäufen um Lebensmittel für unsere Großküche handelte, » _____« erstatten wir Ihnen mit gleicher Post den von Ihnen » _____« verauslagten Gesamtbetrag in Höhe von 31 743,78 auf Ihr » _____« Konto Nr. 11 720 900 bei der Darlehnskasse im Erzbistum » _____« Paderborn. »

Das gemeinnützige Unternehmen (Motto: »Fleiß, Ausdauer und Zuverlässigkeit") florierte so gut, daß Kolping-Multifunktionär Binger die erzbischöfliche Darlehnskasse im April 1982 bitten konnte, 1,5 Millionen Mark in Wertpapieren anzulegen.

Weniger großzügig als mit dem fremden Geld gingen die Sachwalter Kolpings mit eigenen Mitarbeitern um. Wer sich scheiden ließ, bekam die Kündigung. Begründung: »Ihr Familienstand entspricht nicht unseren Vorstellungen.«

Brakel-Gesamtleiter Günter Borkens beklagte sich schriftlich beim ZDF-Intendanten über einen »Derrick«-Krimi, in dem er »abstoßende pornographische Bilder« entdeckte, und er fragte nach, ob »in unserer Gesellschaft die Moralvorstellungen bereits so weit abgesunken sind, daß solche Szenen ohne Beanstandung zu dieser Zeit gesendet« werden könnten.

Beim hauseigenen Krimi ließ Borkens offenbar andere Maßstäbe gelten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, daß der Sündenfall von Brakel nur in Teamarbeit und mit Billigung der Kolping-Führungsspitze zu schaffen war. Rätselhaft ist den Bielefelder Ermittlern noch, weshalb die Manipulationen dem zuständigen Düsseldorfer Landesarbeitsamt nicht aufgefallen sind.

Wenn es zur Anklage kommt, könnte das Urteil in diesem Verfahren zeitlich mit einem anderen Spruch zusammenfallen, der Angenehmeres für die Kolpingfamilie verheißt. In Rom geht der Seligsprechungsprozeß für Adolf Kolping in die Schlußphase. _(Kolping-Generalpräses Festing, Binger, ) _(Diözesansekretär Pohl, Erzbischof ) _(Degenhardt, Diözesanpräses Belke. )

Kolping-Generalpräses Festing, Binger, Diözesansekretär Pohl,Erzbischof Degenhardt, Diözesanpräses Belke.

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