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Telephon: »Nach den Wahlen zahlen«

Ausgerechnet im Wahljahr verschreckt. Postminister Gscheidle die Bundesbürger mit Plänen für eine Telephongebühren-Neuordnung. Letzte Woche pfiff der Kanzler seinen Minister zurück: Er hat, laut Schmidt, »keinen Sinn für das Politisch-Psychologische« -- aber gute Argumente. Der lokale Telephon-Takt kommt bestimmt.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Die Entscheidung war gefallen, ehe die Diskussion begann. »Wir haben«, eröffnete Helmut Schmidt der Kabinettsrunde« »die Sache in ihrer Wirkung wohl nicht richtig eingeschätzt.«

Niemand widersprach, und Postminister Kurt Oscheidle -- seit Wochen bedrängt vom Bürgerzorn -- verzichtete kurzerhand auf einen Lieblingsplan. Der Schwabe bestand nicht länger darauf, vom nächsten Jahr an lokale 23-Pfennig-Telephonate auf vier Minuten zu begrenzen; er begnügt sich statt dessen vorerst damit, einen Acht-Minuten-Takt einzuführen, und den auch nur, versuchsweise, in sechs Ortsnetzen.

Die Kurskorrektur war sorgsam vorbereitet worden: Schon am Montag vorletzter Woche hatte Schmidt, alarmiert von der Fraktionsführung und von seinen Beratern, Gscheidle zu sich zitiert und ihn wissen lassen, daß er seine Telephonstrategie ändern müsse.

Nur so konnte das Kabinett einer Protest-Lawine ausweichen, die kaum mehr zu bremsen schien. Denn binnen Wochen hatten sich die Pläne Gscheidles, so Hamburgs FDP-Mann Gerhard Weber, vielerorts zum »Thema Nummer eins« entwickelt.

Gegen das Metronom im Telephon protestierten Bischöfe und Gewerkschafter, der Hausfrauenbund und die Verbraucherverbände, die Guttempler und die Blaukreuzier, der Seniorenbeirat von Hannover und die Freiwillige Feuerwehr von München-Moosach.

Fest entschlossen, sich nicht kurz zu. fassen, trugen sich Unzufriedene zu Tausenden in Unterschriftenlisten ein -- so in Hamburg, wo die Brüder vom Diakonischen Werk (Lockruf: »Wir sind keine Kommunisten, wir sind von der Kirche") auch auf Wochenmärkten Mitstreiter werben (bisher über 50 000); so auch in West-Berlin, wo Pastorin Helga Frisch in den Gotteshäusern 100 000 Flugblätter verteilen ließ.

Selbst unter Sozial- und Freidemokraten hatten die Streiter schließlich Zustimmung gefunden -- gerade so, als gebe es, in dieser Sache jedenfalls, mancherorts in Deutschland keine Parteien. als gebe es nur mehr Fernsprechteilnehmer: In Hamburg und in West-Berlin zeigten sich SPD, FDP und CDU in der Ablehnung des Vier-Minuten-Taktes so einig wie sonst selten nur.

SPD-Geschäftsführer Holger Börner vernahm von SPD-Funktionären landauf, landab, daß Ärger aufkam in der Wähler-Klientel der Partei: »Die Genossen berichteten mir, das sei zur Zeit das schlimmste Thema.« Und immer mehr Sozialliberale in Bonn distanzierten sich von Gscheidles »Buhprojekt Nummer eins« ("Süddeutsche Zeitung").

Denn die Bürgerproteste weckten bei vielen Parlamentariern Erinnerungen an jene hohe Woge deutschen Volkszorns, die 1964 der christsoziale Postminister Richard Stücklen mit dem Plan heraufbeschworen hatte, die Fernsprechgebühren anzuheben: Damals war es der »Bild«-Zeitung ("Holt den Bundestag aus dem Urlaub") gelungen, das Parlament zu einer außerordentlichen Feriensitzung zu zwingen -was zuvor, mit seinem Mauerbau, einzig Walter Ulbricht vermocht hatte.

Um eine rechte Vorstellung davon zu gewinnen, was es heißt, eine konzertierte Telephon-Kampagne von Springer und Christdemokraten durchzustehen. ließen dann die PR-Berater des Bundeskanzlers. Regierungssprecher Bölling und Vize Grünewald, letzte Woche den Jahresband 1964 der »Bild«-Zeitung aus dem Archiv kommen, und Grünewald empfand schon bald bei der Lektüre: »Da kriegt man das kalte Grausen.«

Ähnlich wie 1964 hatte die Post offenbar auch diesmal wieder unterschätzt, mit welchem Elementartrieb sie es zu tun hat, wenn sie dem Fernsprechdrang der Bundesbürger in die Quere kommt. »Daß dies ein Thema ist, das die Leute mehr berührt als vieles andere«, ersah der Hagener SPD-Abgeordnete Lothar Wrede zweifelsfrei aus seiner Post: »Ich habe noch nie so viele Briefe bekommen wie zu diesem Thema«

Getroffen hätte Gscheidles Taktstock all jene Bundesbürger, vorwiegend Städter, die

* häufig im eigenen Ortsnetz Telephonate von mehr als vier Minuten führen (18 Prozent aller Ortsgespräche), aber

* selten mit Teilnehmern benachbarter Ortsnetze telephonieren und mithin kaum Nutzen aus einer zugleich geplanten »Nahdienst«-Verbilligung ziehen können.

Eine »auf Großstädte gezielte Verteuerung von Telephongebühren für längere Gespräche« aber, konstatierte die Hamburger SPD-Bundestagsabgeordnete Dr. Wiltrud Rehlen, greife »tief in die gewachsenen Gewohnheiten lang geübter Sozialbeziehungen« ein. In der Anonymität der Citys diene Telephonieren manch einem als »Ersatz für das Gespräch am Gartenzaun oder auf dem Marktplatz einer Kleinstadt«.

In den Ballungszentren, glaubt die Großstädterin Rehlen, habe das Fernmündliche einfach »eine andere Qualität als auf dem Lande«. Der Zeittakt träfe Hausfrauen, die ihrer Kinder wegen die Wohnung selten nur verlassen können, aber auch Schüler, die es gewohnt sind, sich nachmittags am Telephon bei den Hausaufgaben zu helfen, und auch Alte und Kranke.

Kein Wunder, daß sich allenthalben neuerlich Ärger über das gelbe Monopol artikulierte, das vielen Bundesbürgern ohnehin zu teuer ist. Frau Katharina Kirschall aus Köln, befragt von Lokaireportern, brachte des Volkes Empfinden auf eine knappe Formel: »Die nehmen es doch sowieso schon reichlich von uns.«

Und liegt etwa nicht, in der Tat, die Bundespost mit ihren Telephongebühren im internationalen Vergleich vorn, bei der Telephondichte hingegen weit hinten? Dient nicht der jährliche Milliardenüberschuß, den der Fernmeldebereich abwirft, dazu, defizitäre Post-Sektoren zu subventionieren? Und ist die Brief- und die Paketpost nicht zuvörderst deshalb in den roten Zahlen, weil Überbesetzung und Schlendrian der Wirtschaftlichkeit im Wege stehen?

Nur einen in Bonn -- Kurt Gscheidle -- schienen solche Fragen wie auch die Proteste kalt zu lassen. Als auf seinem Schreibtisch böse Bürger-Briefe gleich bündelweise landeten, gab der Schwabe sich, wie stets, heiter und gelassen: »Ganze 0,00035 Prozent der 13 Millionen Anschlußinhaber«. tönte er noch vorletzte Woche. »haben sich an mich gewandt.« Selbst nachdem das Kabinett auf das Acht-Minuten-Experiment ausgewichen ist, mag der tüchtige Postminister, dem der Bundeskanzler bescheinigt, er habe »keinen Sinn für das Politisch-Psychologische«, an der Richtigkeit seines ursprünglichen Modells nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen.

Und von ungefähr kommt seine Selbstsicherheit nicht: Das nunmehr hintangestellte Post-Konzept ist keineswegs darauf angelegt, heim Bürger wieder mal Kasse zu machen, sondern es will massive Mängel im bundesdeutschen Telephon-System korrigieren, durch die Millionen Postkunden, insbesondere auf dem Lande, seit Jahrzehnten benachteiligt werden.

Ob zwei Teilnehmer miteinander im Ortsnetz, zeitlich unbegrenzt für 20 oder 23 Pfennig, plaudern können oder ein Ferngespräch führen müssen, bei dem alle paar Sekunden ein Groschen fällt -- das hängt weitgehend von historischen, geographischen und politischen Zufälligkeiten ab.

Während in Großstädten bis zu 780 000 Teilnehmer über -zig Kilometer hinweg ohne zeitliche Begrenzung zum Mindest-Tarif miteinander telephonieren können (so in Hamburg), umfassen anderswo die Ortsnetze bisweilen nur ganze 50 Anschlüsse (wie in Lenggrieß-Fall).

Gscheidle nun wollte mit der Einführung des Vier-Minuten-Taktes zugleich durchschnittlich 18 Ortsnetze zu »Nahhereichen« vereinigen, so daß Billig-Gespräche möglich geworden wären, wo derzeit noch Ferngespräche von nöten sind.

Mit der Einrichtung von Nahbereichen (Durchmesser: rund 40 Kilometer) hätte sich mithin der Umstand korrigieren lassen, daß in der Großstadt derzeit 20 Prozent, auf dem Lande hingegen 70 Prozent aller Telephonate Ferngespräche sind -- ein Mißverhältnis, das um so paradoxer wirkt, als die Post für die Technik der Großstadtnetze weitaus mehr aufbringen muß als für ihre Provinz-Kundschaft:

Die Investitionskosten für jedes Telephonat in der Stadt liegen um 25 Prozent höher als für Gespräche auf dem Dorf. »Der ländliche Telephonkunde«, resümiert das Bonner Ministerium, »subventioniert den Großstädter.«

Hinzu kommt, daß die starre Zonenstruktur bisweilen harte Tarifsprünge für Telephone in unmittelbarer Nachbarschaft zur Folge hat. Sogar Doppelhäuser werden mancherorts von der Ortsnetzgrenze geteilt; die Fernsprecher in beiden Wohneinheiten zählen zu verschiedenen Tarifbereichen.

Vollends grotesk wurde die Diskrepanz zwischen Telephon- und Infrastruktur, seit in den Landtagen von München bis Kiel die Gebiets- und Verwaltungsreform vorankam. Denn die Teilbereiche, aus denen vergrößerte Gemeinden sich nun zusammensetzen. blieben telephonisch gleichwohl in verschiedenen Ortsnetzen hängen -- in der Niedersachsen-Kommune Neustadt am Rübenberge etwa in dreizehn.

Eine Änderung dieses Zustands, von der Post seit langem erwogen, wurde schließlich unausweichlich, nachdem reformierte Gemeinden wie Königswinter bei Bonn um gemeinsame Ortsgebühren für alle Bürger prozessiert hatten: Die Verwaltungsgerichte bescheinigten der Post zwar Planungsfreiheit« mahnten aber zu kommunaler Tarifgerechtigkeit.

Dreißig Experten im Bonner Postministerium, Vermittlungstechniker und Juristen, Marketing- und Finanzfachleute, filterten daraufhin aus einem Prüffeld von 3300 Daten -- 66 Beurteilungsgrößen mit bis zu 40 Alternativen -- die ihrer Meinung nach günstigste Lösung heraus: Nahbereiche mit einem Radius von 20 Kilometern. Weil ein Teil der bisherigen Ferngespräche sich innerhalb dieser Bereiche abspielen würde, ergab sich bei den Berechnungen ein jährlicher Gebührenausfall von fast sechs Prozent; bezogen auf die Einnahmen im letzten Jahr: rund 580 Millionen Mark.

Hinzu kämen technische Investitionen von jährlich rund 220 Millionen Mark für die Verstärkung von Knotenvermittlungsstellen samt Fernleitungen. Mithin beliefe sich der Gesamtaufwand für die Einrichtung der Nahbereiche (ohne Zeittakt) auf jährlich 800 Millionen Mark.

Diese Belastung freilich schien Gscheidle untragbar: Er ist seit je auf hohe Telephon-Überschüsse angewiesen, um damit Defizite in Milliardenhöhe für die klassischen Postdienste -- Brief-, Paket-, Zeitungszustellung -- sowie die Geldüberweisungsdienste abzudecken*.

Vermeiden wollte der Minister allerdings, »die zweifellos hohen Fernsprechgebühren« weiter »unnötig zu er* Die Bundespost arbeitet als bundeseigenes Unternehmen auf eigene Rechnung und muß ihre Betriebsverluste daher, anders als die Bundesbahn. die aus Steuern subventioniert wird, auf dem Kapitalmarkt ausgleichen. Eine Bundesabgabe in Höhe von 6 1/2 Prozent der Betriebseinnahmen wurde ihr 1975 von der Bonner Regierung zwecks Erhöhung ihres Eigenkapitals vorerst erlassen.

höhen«. Als vermeintlicher Ausweg bot sich den ministeriellen Denkern da die Einführung des Zeittakts im Nahbereich an. Denn trotz der dafür notwendigen Installation von Zeittaktmaschinen im Ortsnetz (für jährlich 71 Millionen) ließen sich auf diese Weise hohe zusätzliche Einnahmen (jährlich 376 Millionen Mark) erzielen.

Der Gebührenausfall hätte damit so weit gemindert werden können, daß der Gesamtaufwand einschließlich Investitionen eine halbe Milliarde im Jahr nicht überschreiten würde -- laut Post eine verkraftbare Größenordnung. Zudem ließ sich der Nah-Takt mit Sachzwängen begründen: Da der Gesprächsverkehr im Nahbereich infolge der Tarifverbilligung zunehmen wird, kommt es zu noch steileren Ausschlägen der Tageskurve in den Spitzenzeiten, um 11 und um 15 Uhr.

Nach dem Spitzengebrauch aber bemißt sich die Anzahl der Kabel von Amt zu Amt; denn, so Gscheidle, »wenn künftig nur 60 Leute zum gleichen Zeitpunkt ein Dauergespräch im neuen Nahverkehrsnetz von Bad Honnef nach Bonn führen, so bricht das Netz zusammen

Zeit ist kostspieliger als Entfernung.

Erfahrungsgemäß läßt sich die Tageskurve jedoch durch Verbilligung der Gespräche außerhalb der Bürostunden glätten -- daher der ursprüngliche Plan, den Vier-Minuten-Takt samstags und sonntags, abends und nachts auf sechs oder acht Minuten zu verlängern.

Auch andere als finanzielle Gründe sprechen nach Meinung der Postler für den Nah-Takt, etwa

* technische: Die zeitliche Inanspruchnahme des Telephons ist schon heute kostenwirksamer als die Gesprächsentfernung; denn ein Fernkabel, das früher gerade für ein Dutzend Verbindungen ausreichte, überträgt mittlerweile 10 000 Telephonate gleichzeitig;

* geschäftspolitische: Vielstündige oder ganztägige telephonische Dauerverbindungen für Daten- und Faksimile-Übertragungen, die Geschäftspartner oder Filialbetriebe im Ortsnetz schon heute zunehmend nutzen, drohen in einem taktfreien Nahbereich ebenso auszu ufern wie privates Fernsprech-Marathon für Babysitting oder Schach.

Gscheidle -- »vom lieben Gott einen falschen Namen«.

Die Vision schließlich, daß die Nahdienste später ausgedehnt und das Bundesgebiet wie West-Berlin langfristig zu einem einzigen Tarifgebiet mit einheitlichen Zeittakt vereinigt werden könnten, beeindruckte in vielen Gesprächsrunden, und mit seinem Taktwerk kam Gscheidle im Oktober denn auch glatt durchs Bonner Kabinett.

Beifall fand Gscheidle auch in der Provinz, wo sich die Gesprächsgebühren vielerorts halbieren würden. Aus Schleswig-Holstein meldete die Hamburg-»Bergedorfer Zeitung": »Vier-Minuten-Takt auf dem Land begrüßt.« Die »Rheinhessische Landeszeitung« gar jubelte: »Telephonieren macht in Zukunft mehr Spaß.«

Auch viele Christdemokraten hielten sich mit Einsprüchen zurück. Der Kieler Wirtschaftsminister Jürgen Westphal rühmte sogar: »Die Benachteiligung des ländlichen Raumes und der städtischen Nachbarschaftsräume gegenüber den Stadtzentren wird dadurch beseitigt.«

Bundesweite Kritik kam erst auf, als sich am Silvesterabend die »Münchner Lach- und Schießgesellschaft« dieses Themas annahm:

Am Telephon muß man sich sputen. In Zukunft bleibt uns keine Wahl. Da haben wir nur vier Minuten Herr Gscheidle meint, es war egal, uns diese Kürze zuzumuten.

Fortan beherrschte Protest die Szene. Bei Podiumsdiskussionen ließen aufgebrachte Zuhörer die Postler nicht mehr ausreden -- Dauerzwischenruf in West-Berlin: »Bitte nur vier Minuten.« Der Postminister selbst mußte sich vom Hamburger CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Gerd Boysen -- sagen lassen, »der liebe Gott« habe ihm »den falschen Namen gegeben«.

Den geballten Zorn glaubte Gscheidle zunächst mit kleinen Korrekturen auffangen zu können: Ausnahme der Telephonseelsorge vom Zeittakt, Flächenausgleich für Küsten- und Grenzorte. deren Nahbereiche sonst mangels Rundumland arg klein geraten wären. Ansonsten wimmelte er Takt-Kritik ab: »Das Telephonsystem ist kein Babbelnetz.«

Die Opposition hingegen, die den Gscheidle-Plan im Postverwaltungsrat bei einigen Enthaltungen mit verabschiedet hatte, erkannte sogleich ihre Chancen, Unions-MdB Ernst Müller-Hermann ließ jeden Takt fahren und propagierte statt dessen im Fernsehen die von Gscheidle strikt gemiedene Gebührenerhöhung: einen Pfennig mehr pro Einheit -- ein Vorschlag, der auf Anhieb Anklang fand, besonders hei großstädtischen Alten, Berufstätigen und Hausfrauen.

Gscheidle hielt dagegen und beharrte auf seinen Sachzwängen: »Ohne Zeittakt geht"s überhaupt nicht.« Vorletzte Woche begann er gleichwohl. betroffen von der Wucht des Protests« erneut über Alternativen nachzudenken: »Wenn die Sache überhaupt bewegt werden könnte, dann nur durch Bewegung des Gebührentaktes. Aber das geht nicht ohne Gebührenerhöhung.«

Von einer Gebührenerhöhung allerdings war nach der Kabinettsitzung am letzten Mittwoch nicht mehr die Rede: verkündet wurde nur die Taktverlängerung probehalber. Deren Kehrseite soll offenbar erst nach der Wahl publik werden.

Durch einen Trick wurden die -- vom Ministerium selbst für unausweichlich gehaltenen -- Gebührenauswirkungen des neuen Konzepts vertagt. Die vom Kabinett beschlossenen Großversuche in den ersten Nahbereichen sollen lediglich erhärten, was die Experten längst errechnet haben.

Durch die Ausdehnung des Tagestakts im Nahbereich auf acht Minuten, so ergab eine Post-Kalkulation (Rubrum: »Alternative Möglichkeiten") schon vor Monaten, wird die ursprüngliche Finanzlücke vergrößert: sie muß mithin teilweise über den Gebührensatz abgedeckt werden.

Bleibt es bei der Bereitschaft des Ministeriums, sich zugunsten der neuen Fernmelde-Struktur alljährlich Telephon-Überschüsse in Höhe einer halben Milliarde Mark entgehen zu lassen, müßten bei einem Acht-Minuten-Takt die Gebühren um 1,5 Pfennig pro Einheit erhöht werden. Schon mahnten letzte Woche Bürgerinitiativen auf Flugblättern: »Nach den Wahlen kommt das Zahlen.«

Wollte Gscheidle dem Volke das Zahlen ersparen, aber beim Acht-Minuten-Takt bleiben, müßte er auf einen noch höheren Anteil der Gewinne im Fernmeldebereich verzichten. Eine solche Lösung aber würde an die Grundfesten des Hauses Gscheidle, an Betriebs- und Geschäftsgebaren der ungleichen Zwillinge Post und Telephon rühren.

Denn seit jeher werden Gscheidles Telephonisten mit ihren hohen Überschüssen (1974: 1,88 Milliarden Mark) für das Minus der gelben Dienste (1974: 3,16 Milliarden) herangezogen. Und vorerst scheint den Postlern ein völliger Verzicht auf diesen -- vom Bundesverwaltungsgericht ausdrücklich gutgeheißenen -- Globalausgleich »ganz undenkbar« (Gscheidle-Sprecher Erhard Schramm).

Tarifanhebungen im Postbereich nämlich sind problematisch. So würden kostendeckende Gebühren für Briefe, Päckchen und Pakete weite Bevölkerungskreise (Pastlerformel: »das Mütterchen auf dem Lande") überfordern, ausgeglichene Postzeitungsgebühren ganze Verlage (insbesondere von Fachzeitschriften) ruinieren.

»Telephongebühren der Bundespost liegen mit an der Spitze.«

Und seit einigen Jahren riskiert die Bundespost überdies, daß bei höheren Paketgebühren Großversender wie Neckermann oder Quelle eine eigene (vielleicht gemeinsame 4 Paketpost aufziehen, wie sie der Hamburger Otto-Versand (mit seiner Hermes GmbH) schon betreibt. Denn im Gegensatz zum Briefdienst kommt den Postkutschern beim Warenversand kein Mono-Pol zu, wohl aber Beförderungspflicht auf Verlangen.

So bliebe ausgerechnet dem einstigen Postgewerkschafts-Vize Gscheidle nur der Ausweg, am Personal zu sparen. Daß es davon in deutschen Postämtern zuviel gibt, ist freilich unbestritten, zumal Gscheidles sozialdemokratische Amtsvorgänger Leber, Ehmke und Lauritzen mit neuen Post-Posten nicht gerade kleinlich gewesen waren: Bei gleichem Leistungszuwachs wurden an Schaltern und Stöpseln in den letzten drei CDU-Jahren knapp 6000, in den ersten drei SPD-Jahren hingegen fast 45 000 Bedienstete samt Lehrlingen neu postiert.

Gelingt es dem Postminister Gscheidle nicht, seinen Mittlerservice in den kommenden Jahren ähnlich, wenn auch nicht ähnlich drastisch zu rationalisieren, wie es der Bahnminister Gscheidle mit seinem Transportservice vorhat, wird sich die Waagschale auf der anderen Seite kaum senken lassen, bleiben die Telephongebühren zu hoch. Gegenwärtig liegen sie, wie eine Bonner Kommission für den Ausbau des technischen Kommunikationssystems (KtK) feststellte, international »mit an der Spitze«.

Günstige Telephonpreise aber sind die Voraussetzung für eine »Vollversorgung«, die von der KtK in einem letzte Woche veröffentlichten Bericht als vorrangig empfohlen wird -- weil das Telephonieren individuellem Bedarf ebenso entgegenkommt wie einer Verbesserung der »kommunikativen Infrastruktur«.

Diese Entwicklung wird durch die Einführung der Nahbereiche zweifellos begünstigt. Eine Erhöhung der Gebühreneinheiten hingegen, wie sie die CDU empfiehlt, dürfte gerade die Einkommensschwächeren verprellen, die erst zu 21 Prozent ein Telephon besitzen und bei denen die Postler -- zwecks ausgewogener Telephonstruktur -- verstärkt Anschluß suchen.

Ein Telephonsystem mithin, das in gleichem Maße sozial gerecht wie technisch perfekt, finanziell gesund und politisch problemlos ist -- es wäre, scheint's, erst noch zu schaffen. Kanzler Schmidt, ratlos: »Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall«

Dabei liegt die Patentlösung aller Widersprüche nahe -- und nur einer ist bislang drauf gekommen. Im »Hamburger Abendblatt« empfahl, schon im November letzten Jahres, der CDU-Abgeordnete Carl Damm: »Statt Gebührenerhöhung im Ortsverkehr Senkung der Gebühren im Fernverkehr!«

Der Mann sollte Postminister werden.

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