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AFFÄREN / ERHARD Telex von Paul

aus DER SPIEGEL 32/1969

Seit einem Monat läßt Ludwig Erhard, Bundeskanzler a. D., gegen Unbekannt ermitteln.

Eine »junge Dame« -- so seine Strafanzeige -- habe am 7. Mai 1969 in Limburg ein 400-Worte-Telegramm (Preis 555,60 Mark) an die amerikanische Stahlfirma Alan Wood aufgegeben und mit seinem Namen, jedoch ohne sein Wissen, unterzeichnet.

Die Limburger Depesche sollte den deutschen Altkanzler in ein dubioses Börsengeschäft mit US-Stahlaktien verwickeln. In dem Telegramm signalisierte der falsche Erhard Kaufinteresse an den Aktien der florierenden Stahlschmiede Alan Wood Steel Company in Conshohocken, Pennsylvania (SPIEGEL 31/1969).

Doch weder der Staatsanwaltschaft in Limburg noch privaten Ermittlungen von Erhards Sicherheitsbeamtem Klaus Marx gelang es, die Dame vom Postamt zu identifizieren. So blieb bis zur vergangenen Woche verborgen, daß die in einem Leihwagen von Frankfurt nach Limburg gereiste Telegrammbotin auf direkte Weisung des Dollar-Multimillionärs John P. Bauer gehandelt hatte, mit dem sie zwei Jahre lang eine enge Freundschaft verband -- die Frankfurterin Dagmar Lindenberg, 27.

Im Börsenkonzept des Nahrungsmittel-Produzenten Bauer hatte das von Dagmar Lindenberg aufgegebene falsche Erhard-Kabel entscheidende Bedeutung: Prestige und Einfluß des honorigen Wirtschaftswundermannes Ludwig Erhard sollten den Kurs der Alan-Wood-Aktien hochtreiben und den Wert von Bauers Paket 160 000 Anteilscheine im Wert von 2,3 Millionen Dollar) erhöhen.

Der Deutschamerikaner Bauer glaubte sich durch seine bisherige Großzügigkeit gegenüber dem »väterlichen Freund« Erhard sogar zu einer falschen Unterschrift legitimiert. In den vergangenen zwei Jahren hat der einstige Maßhalte-Kanzler vom Käse-, Fett- und Geflügel-Händler Bauer etwa 200 000 Mark für einen Beratungsvertrag und mehrere Verwaltungs-Mandate im Bauer-Konzern kassiert.

Amateur-Börsenjobber Bauer rechnete fest mit einem Erfolg seines Coups, denn »Erhard ist im Umgang mit Wertpapieren sehr naiv«. Am 7. Mai 1969, kurz vor sechs Uhr morgens, rief er seine Vertraute Lindenberg in Frankfurt an: Sie möge sich umgehend in das Parkhotel am Wiesenhüttenplatz begeben. Gegen 6.30 Uhr werde dort ein streng vertrauliches Fernschreiben von ihm aus New York mit weiteren Weisungen eintreffen.

Nach kurzer Rückfrage: »Ist Frau Roth da, bitte?« und der verabredeten Antwort: »Ja, sie wartet auf ein Telex von Paul« tickerte aus dem Frankfurter Hotelfernschreiber der vollständige Text des fingierten Erhard-Telegramms an Alan Wood.

Nur den Absender mochte der Schreiber aus Amerika nicht kenntlich machen. Statt mit einer Unterschrift endete der Text mit einer Anschrift: »Adresse ist Johanniterstraße 8.« Bauer-Freundin Lindenberg ergänzte das Telex wunschgemäß: »Sekretariat Professor Ludwig Erhard. Bonn, Johanniterstraße 8«.

Der schlaue Bauer war gewiß, daß seine Botschaft nicht in falsche Hände fallen würde: Das Frankfurter Parkhotel gehört seinem Schwiegervater Dr. Jacques Rosenstein.

Doch das Spiel lief nicht. Am 17. Mai erfuhr Ludwig Erhard durch Firmenchef Harleston Wood von dem fingierten Telegramm. Sechzehn Tage später, am 2. Juni 1969, kündigte er Bauer Vertrag und Freundschaft auf.

Denn der Bonner Altenteiler argwöhnte, sein Partner Bauer sei »hinter allem der Drahtzieher«. Noch Anfang dieser Woche freilich hatte er keinerlei Beweise gegen den inzwischen verhaßten US-Unternehmer.

Statt dessen mußte sich Erhard Schmähungen seines früheren Geldgebers gefallen lassen: »Den Schweinehund mache ich fertig.« Am Dienstag letzter Woche kündigte Bauer an, er werde gegen den prominenten Pensionär »eine Schadenexsatzklage in Höhe von 4 Millionen Mark (wegen Geschäfts- und Rufschädigung)« anstrengen.

Seit dem letzten Mittwoch aber braucht Ludwig Erhard um Geld und Renommee nicht mehr besorgt zu sein. Im Restaurant des »Frankfurter Hofes« zerstritt sich Telegrammfälscher Bauer mit seiner intimen Mitwisserin. Bauer zornig: »Du bist so dumm, daß du gefährlich werden kannst.«

Alsbald enthüllte Dagmar Lindenberg Bauers Börsen-Manöver.

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