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ENGLAND / SCHATZ-TAUCHER Teppich aus Gold

aus DER SPIEGEL 48/1967

Sir Clowdisley Shovell, Konteradmiral der Königin, speiste von goldenen Tellern und leerte goldene Becher auf Englands Wohl. Mit Erfolg hatte er es im Mittelmeer gegen die Franzosen verteidigt.

Mit 2000 Mann, mit Gold und Silber beladen, rauschten seine Schiffe »Association«, »Eagle« und »Romney« bei schlechter Sicht und schwerer See auf die Riffe der Scilly-Inseln, einen der größten Schiffsfriedhöfe der Welt. Sie versanken zur Abendbrotzeit am 22. Oktober 1707.

In diesem Herbst, fast auf den Tag 260 Jahre nach dem Untergang der Fregatten, wurden Reste der »Association« ans Tageslicht gefördert -- Kanonen, Gold- und Silbermünzen. Denn im nassen Massengrab tummeln sich tauchende Abenteurer auf der Jagd nach verschollenen Schätzen.

Wie einst die Goldgräber in Amerikas Berge zogen, ziehen jetzt Froschmänner in Englands Untiefen. Die Zahl der maritimen Schatzsucher wächst von Jahr zu Jahr.

Allein der britische Sub-Aqua Club hat seit 1953 mehr als 50 000 Wasserratten in das Geheimnis des Tieftauchens eingeweiht. Nach zwei- bis dreimonatigen Kursen fühlen sie sich dem nassen Element vertraut.

Die Industrie brachte immer bessere Hilfsapparaturen zu erschwinglichen Preisen auf den Tauchermarkt. Die höhere Sicherheit verführte in tiefere Tiefen.

Die Standard-Ausrüstung eines U-Mannes -- Gummi-Anzug, Schnorchel, Prellluftflasche, Druckmesser, Haube und Uhr -- kostet rund 1500 Mark -wenig, gemessen an den Expeditions-Kosten für die Schatzfischer. Sie schwanken je nach Projekt zwischen 1000 und 25 000 Mark pro Tag. So taten sich Geld- und Gummimänner zusammen.

Viele Millionen Pfund Sterling in Gold und Silber locken noch auf angelsächsischem Meeresboden. Rund um England gibt es kaum eine Stelle, an der nicht irgendwann ein Schiff untergegangen ist. Noch 1867 endete für 2513 Schiffe die Reise durch Havarie oder Untergang vor der britischen Küste -- und 1867 war kein außergewöhnliches Jahr.

Doch die wenigsten Wracks bergen Gold. Außerdem verbot die britische Admiralität den Tauchern, Schiffe auszuräumen, die in den letzten hundert Jahren untergegangen sind und außer Schätzen auch Menschen mit in die Tiefe gerissen haben. So lange sollten die toten Sailors wenigstens ungestört auf dem Schiffsfriedhof ruhen.

Und wenn die Glücksritter ein altes Schatzschiff ausgebeutet haben, bleibt

* Morris-Team mit Gold- und Silbermünzen der »Association« (l.) und bei der Bergung einer Beutekanone (r.).

das Gut ein Jahr lang unter Verschluß des amtlichen Strandgutverwalters. Wenn nach Ablauf des Jahres ein Eigentümer nicht ermittelt ist, wird der Fund versteigert. Die Finder erhalten meist den halben Erlös, die andere Hälfte bekommt die Krone.

Im Spätsommer meldete ein Fünf-Mann-Team von den Shetland-Inseln den Fund einer Kiste mit 4320 holländischen Gulden (Stückpreis 134 Mark). Außerdem holten die Taucher Silberbarren, Kanonenkugeln und eine Schiffsglocke an die Oberfläche.

Ermittlungen ergaben, daß es sich nur um ein Bruchteil der 500 000 Gulden und Goldbarren des holländischen Ostindienfahrers »De Liefde« handelte. Er war am 7. November 1711 auf der Fahrt von Texel nach Batavia untergegangen. Nur ein Mann der 300köpfigen Besatzung konnte sich retten.

Ebenfalls diesen Sommer fand ein 20-Mann-Team des Naval Air Command die Reste der »Association«. Die Unterwasser-Profis fischten aus 30 Meter Tiefe allerdings nur englische eiserne Vielpfünder und bronzene Beutekanonen des französischen Linienschiffes »Duc de Beaufort«, das die »Association« aufgebracht hatte. Den Schatz des königlichen Korsaren fanden sie nicht.

Wenige Wochen später entdeckten drei Privat-Taucher das Gold in einem Felskamin unter Wasser. »Der ganze Boden ist mit einem Teppich aus Gold und Silber bedeckt, Tausende und aber Tausende -- my goodness«, meldeten sie dem Teamführer Morris nach oben. Einige Münzen auf dem zerklüfteten Grund hatten ihnen den Weg gewiesen.

Die Glücks-Fischer bargen 1204 Silberlinge und 21 Goldstücke, dann mußten sie wegen der Herbststürme aufgeben. Um die Schatzkammer vor der Konkurrenz zu schützen, verrammelten sie den engen Zugang zu dem Felskamin mit Steinblöcken. Schatzfinder Morris: »Das Geld liegt dort so sicher wie auf der Bank.«

Kenner des Schiffsfriedhofes und Fachleute der Royal Navy rechnen damit, daß noch Münzen für etwa zehn bis 35 Millionen Mark in dem Versteck am Gilstone-Riff liegen.

Geoffrey Naish, Kurator des »National Maritime Museum«, schätzt den Wert von Admiral Shovells goldenem Tafelgeschirr allein auf elf Millionen Mark. Nur -- bisher wurde noch kein Becher gefunden.

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