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PROTOKOLL Teppich im Schrank

aus DER SPIEGEL 41/1966

In fünf Minuten schaffte Amerikas EWG-Botschafter W. Walton Butterworth 1958 den Weg von seinem Brüsseler Büro zum Amtssitz des Gemeinschafts-Präsidenten Walter Hallstein. Als am Dienstag letzter Woche Amerikas neuer Verbindungsmann J. Robert Schaetzel sein Beglaubigungsschreiben überreichte, brauchte er für dieselbe Strecke dreimal so lange.

Schuld daran ist Charles de Gaulle. Seit Frankreichs Staatspräsident die Gemeinschafts-Arbeit torpediert und sich insbesondere an Hallstein stößt, müssen Botschafter bei der EWG auf Motorrad-Eskorten verzichten.

Vom EWG-Gründungsjahr 1958 bis zum Krisensommer 1965 waren Botschafter aus 74 Nationen flott zu Hallsteins Amtssitz gefahren. Die Polizei geleitete sie bis vor die Glastür des Repräsentations-Eingangs.

Jedesmal wurden zwölf Meter roter Teppich ausgerollt. Der Präsident im Cut, Diener in Livree und Whisky standen bereit, die Diplomaten würdig zu empfangen.

Vom Juni 1965 an versagten die Franzosen den Agréments ihre Zustimmung. Nach de Gaulles Ansicht ist der EWG -Präsident nur ein Vollzugsorgan der Gemeinschaft souveräner Staaten und kann deshalb nicht die gleichen protokollarischen Rechte haben wie ein Staatsoberhaupt.

Auch forderten die Franzosen, die Emissäre sollten sich fortan nicht nur beim Präsidenten der EWG-Kommission, sondern zugleich beim jeweiligen Vorsitzenden des Ministerrates akkreditieren lassen.

Unklar blieb freilich, wen der Gast zuerst aufzusuchen habe. Das Protokoll sollte erst nach der Fusion der drei europäischen Gemeinschaften EWG, Montanunion und Euratom geschrieben werden.

Im Juli dieses Jahres harrten bereits 21 Botschafter - teils in Brüssel, teils in ihrer Heimat - darauf, bei der EWG zugelassen zu werden. Hollands Außenminister Joseph M. A. Luns als neuer Vorsitzender des Ministerrates machte ihrem Warten ein Ende. Der De-Gaulle -Gegner Luns entschied, die Herren dürften erst zu Hallstein gehen und könnten danach zu ihm kommen.

Amerikas Schaetzel ließ sich im Cadillac zu beiden Adressen chauffieren. Er hatte sein Beglaubigungsschreiben in doppelter Ausfertigung bei sich, eines für die Kommission und eines für den Ministerrat.

De Gaulles Schatten fiel auf Schaetzels Weg: Der rote Teppich blieb im Schrank, die Herren kamen schlicht in Schwarz, und Whisky gab es nur auf Wunsch.

Amerikas EWG-Botschafter Schaetzel

Whisky nur auf Wunsch

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