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Israel Terror gegen Terror?

Israel wehrt sich gegen diejenigen seiner Bürger, die im Ausland gegen Palästinenser kämpfen wollen. Rabbi Meir Kahane, einst renommierter zionistischer Demonstrant in New York, wurde eingesperrt.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Einst, als der Rabbi in New York noch den zionistischen Revoluzzer darstellte, tat er dies mit wirksamer Protektion. Meir Kahane, heute 40, wurde in den USA 18mal wegen Demonstrationen festgenommen und 18mal gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen.

Bezahlt hatte immer der US-Bürger Joseph A. Colombo senior, als Joe Colombo in FBI-Akten als einer der berüchtigsten Mafia-Bosse registriert. Regelmäßig wurde der rabiate Rabbi verurteilt -- meist mit Bewährung.

Zum 19. Mal wurde Meir Kahane im gelobten Israel verhaftet, für das er einst so heftig gefochten hatte. Waffen wollte er exportieren, nach USA und Europa. um dort gegen die Palästinenser zu kämpfen. mit Terroristen nach alttestamentarischen Regeln zu verfahren: Auge um Auge, Bombe um Bombe.

Joe Colombo kann nicht mehr helfen. Der Mafioso wurde im Juni 1971 von Ganoven-Gegnern zusammengeschossen. Und Kahane hat in Israel nicht mehr gegen Antisemitismus agitiert, sondern hat versprochen, was viele Israelis im Stillen wünschen: Terror gegen Terroristen.

Er hoffte auf Gleichschritt mit der Regierung: Golda Meir ernannte Generalmajor Aharon Jariv, bis vor kurzem noch Chef der militärischen Abwehr und Fachmann in der Terroristenbekämpfung. zu ihrem »Berater für besondere Angelegenheiten«. Und der neue Geheimdienstchef. Zeira. deutete nicht ohne Grund vor der Presse an. Terror gegen Israel bleibe auch im Ausland nicht unbestraft.

Doch Israels Ex-Oberrichter Halevi. heute Abgeordneter der rechten Cherut-Partei in der Knesset, sagte deutlich, welchen Fehler Rabbi Kahane im Kampf gegen palästinensische Terroristen gemacht habe: »Den Anti-Terrorkampf im dunkeln kann man nicht im Rampenlicht propagieren.«

Rahbi Kahane, von jüdischen Gegnern als Rassist, Faschist und Chauvinist eingeschätzt, konnte allerdings noch nie unauffällig im geheimen wirken. In New York hatte er vor vier Jahren seine ..Jewish Defense League« (JDL) zum Kampf gegen antisemitische Neger und Puertoricaner gegründet.

Doch Rassenstreit war bald so üblich. daß der geweihte Kämpfer spektakulärere Gegner suchte. Kahane wählte die Sowjet-Union und machte in der Periode der Annäherung lauwarmen Krieg. Mit sowjetischen Diplomaten prügelten er und seine JDL sich um die Auswanderung sowjetischer Juden.

Die Auswanderung lief an, und der Rabbi mußte eine neue Bühne finden. Wenige Monate. nachdem er getont hatte, Israel sei für seine JDL kein Betätigungsfeld, siedelte er sich in Jerusalem an. Unter seiner weiß-blauen Fahne mit geballter Faust im Davidstern sammelte er junge Israelis, denen das regierende Establishment zu wenig vom rechten zionistischen Geist zeigte.

Die auf einer Kaderschmiede in Jerusalem in Religion und Karate geschulten Kämpfer Kahanes fochten gegen alle Linken und Lauen, gegen Araber und versöhnlerische Israelis. Doch niemand nahm sie so recht ernst. Außenminister Abba Eban hieß Vorkämpfer Kahane eine »Figur monumentaler Unwichtigkeit«.

Erst als Palästinenser in München während der Olympiade elf israelische Sportler mordeten, schienen Israels Bürgern gezielte Aktionen nötig. Und Amichai Feglin, erfahrener Terrorist aus Israels Gründungszeit, sprach für seine Freunde Klartext: »Im Gegensatz zur Regierung können wir Araber auch in Cafés von Wien oder München erwischen.«

Amichai wollte wie Meir Kahane Araber in Europa und USA terrorisieren, wurde von der israelischen Polizei erwischt und eingesperrt. Denn öffentlichen Gegenterror außerhalb Israels will sich die Regierung nicht leisten.

Den ersten Gegenschlag besorgten Privatleute. In Paris flog vergangenen Mittwoch eine palästinensische Buchhandlung in die Luft. Eine »Aktions- und Verteidigungsbewegung Massada« reklamierte den Anschlag für sich und kündigte an: »Dem antisemitischen Terror wird jüdischer Terror entgegengesetzt.«

Am vergangenen Freitag wurde Kahane auch zum 19. Mal gegen Kaution aus der Haft entlassen.

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