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IRAN »Terror ist eine Frage der Definition«

Teherans Außenminister Kamal Charrasi über eine internationale Koalition gegen den islamischen Extremismus, palästinensische Selbstmordattentate in Israel und das barbarische Regime der Taliban in Afghanistan
aus DER SPIEGEL 39/2001

SPIEGEL: Ihr Land zählt für US-Präsident George W. Bush zu jenen »Schurkenstaaten«, die als Förderer des Terrors gelten. Haben Sie über die Attacken auf den Erzfeind USA Genugtuung empfunden?

Charrasi: Im Gegenteil, ich war entsetzt über diese beispiellosen Angriffe, die wir scharf verurteilen. Mein ganzes Bedauern gilt den unschuldigen Opfern, für deren Tod es nicht die geringste Rechtfertigung gibt.

SPIEGEL: Unter den Palästinensern in den Autonomie-Zonen, deren Widerstand gegen Israel Ihr Land unterstützt, haben viele den Terroranschlag mit Freudenschüssen und Hupkonzerten gefeiert.

Charrasi: Dazu sage ich Ihnen als studierter Psychologe, dass man die unterdrückten Palästinenser verstehen muss. Für diese Menschen, die tagtäglich unter der israelischen Besatzung leiden, sind die USA der engste Verbündete der Israelis. Der ständige Druck auf das palästinensische Volk und die große Brutalität wären ohne deren Unterstützung nicht möglich. Aber auch das ist keine Rechtfertigung für die ungeheuerlichen Geschehnisse in Amerika.

SPIEGEL: Die USA werden seit der iranischen Revolution als der »Große Satan« verteufelt. Da klingt Ihr Bedauern ein wenig nach einem Lippenbekenntnis.

Charrasi: Wir haben immer unterschieden zwischen der US-Regierung und dem amerikanischen Volk. Mit Washington haben wir sicherlich einige Probleme ...

SPIEGEL: ... wie den gegen Ihr Land erst kürzlich wieder erneuerten Wirtschaftsboykott.

Charrasi: Die US-Regierung betreibt uns gegenüber eine feindliche Politik. Aber deshalb hegen wir noch lange keinen Groll gegen alle Amerikaner.

SPIEGEL: Die »Tehran Times«, Sprachrohr der Konservativen, sieht in dem Anschlag den Preis, den die USA für ihre blinde Unterstützung Israels zahlen müssten.

Charrasi: Diese Meinung ist in der islamischen Welt durchaus verbreitet. Die Enttäuschung über die US-Politik in Nahost ist einfach zu groß. Es ist nun mal eine Tatsache, dass die Rechte der Palästinenser mit Füßen getreten werden.

SPIEGEL: Den 1993 in Oslo begonnenen Friedensprozess aber, der den Palästinensern die ersehnte Autonomie und Anerkennung bringen sollte, hat Teheran immer rigoros abgelehnt.

Charrasi: Aus gutem Grund. Die ganzen Jahre der so genannten Gespräche haben doch gezeigt, dass die Israelis nicht an einem gerechten Frieden interessiert sind, sondern nur ihren Vorteil suchen. Deshalb haben sich die Palästinenser für den Widerstand entschieden.

SPIEGEL: Und Teheran hat den Konflikt mit seiner Unterstützung für militante Friedensgegner noch angeheizt - bis hin zu einer solchen Katastrophe wie der Terrorattacke gegen die USA.

Charrasi: Widerstand und Extremismus sind zwei verschiedene Sachen. Der berechtigte Freiheitskampf der Palästinenser hat nichts mit der Attacke auf Amerika zu tun. Ich komme gerade aus Brüssel von Gesprächen mit Vertretern der Europäischen Union, in denen ich ausdrücklich für eine verstärkte Vermittlung der Europäer in Nahost plädiert habe. Unser Land ist dabei zu voller Kooperation bereit.

SPIEGEL: Das sieht ein bisschen nach doppeltem Spiel aus: Sie treten vor den Europäern als engagierter Vermittler auf, und in Teheran organisieren Hardliner Intifada-Konferenzen, auf denen zur Zerstörung Israels aufgerufen wird.

Charrasi: Auf solchen Treffen wird doch nur geredet. Dort bastelt niemand Bomben. Wir leisten nur moralisch und politisch Unterstützung. Welche Operationen diese Gruppen ausführen, ist deren eigene Angelegenheit.

SPIEGEL: Jetzt stehlen Sie sich aus der Verantwortung.

Charrasi: Nein. Aber wir versuchen zu verstehen, was diese Menschen zu ihren Taten treibt. Und ich will es Ihnen sagen: die schiere Verzweiflung.

SPIEGEL: In jedem Fall nutzen Sie Ihre Kontakte nicht, um diese Gruppen vom Weg des Terrorismus abzubringen.

Charrasi: Wir können nicht die Aktionen von Hamas und Dschihad als Terrorismus verurteilen. Diese Menschen verteidigen nur ihr eigenes Land.

SPIEGEL: Dass ein selbst ernannter Märtyrer in Tel Aviv 22 junge Israelis mit in den Tod reißt, bezeichnen Sie als Widerstand?

Charrasi: Wer hat denn das Land besetzt? Die Israelis. Wenn es die Besatzung nicht gäbe, könnte man solche Aktionen Terrorismus nennen, nicht aber unter den gegebenen Umständen.

SPIEGEL: Wenn Sie solche Aktionen rechtfertigen, schränken Sie Ihre Verurteilung des Terrorismus deutlich ein.

Charrasi: Es bleibt dabei: Wir verurteilen Terrorismus in jeglicher Form.

SPIEGEL: Ausgenommen Selbstmordattentate gegen Israel.

Charrasi: Es hängt von Ihrer Terrorismus-Definition ab, ob Sie solche Aktionen dazu zählen oder nicht.

SPIEGEL: Die Quittung für diese eigenwillige Interpretation könnte Iran schon bald bekommen. Der frühere israelische Premierminister Ehud Barak fordert, Ihr Land wegen Staatsterrorismus gleich mit ins Visier zu nehmen.

Charrasi: Die Israelis sind in einer verzweifelten Lage. Deshalb wollen sie den Konflikt schüren, indem sie uns mit hineinziehen. Aber wer lässt denn politische Führer in Palästina gezielt töten? Wenn ein Land wegen Staatsterrorismus belangt werden sollte, dann Israel.

SPIEGEL: Die USA wollen eine internationale Koalition gegen den Terrorismus schmieden. Werden Sie dem Bündnis beitreten?

Charrasi: Ohne Zweifel müssen wir dem Terrorismus den Kampf ansagen. Eine internationale Initiative ist dabei der einzig richtige Weg.

SPIEGEL: US-Außenminister Colin Powell geht dabei - natürlich - von einer Koalition unter amerikanischer Führung aus. Würden Sie der tatsächlich beitreten?

Charrasi: Ich denke nicht an eine militärische Koalition. Davon halten wir nichts. Wir stellen uns eher eine Initiative unter Führung der Vereinten Nationen vor. Die Uno ist die richtige Organisation, um dieses Problem in Angriff zu nehmen, ohne dass dabei mit verschiedenen Maßstäben gemessen wird.

SPIEGEL: Die USA sehen in Osama Bin Laden, der in Afghanistan Zuflucht gesucht hat, ihren größten Feind. Warum schützt das Islamisten-Regime der Taliban in Kabul den Terror-Paten?

Charrasi: Wir warnen weiterhin vor einer vorschnellen Verurteilung. Noch ist vieles reine Spekulation. Fakt ist aber leider, dass die Taliban-Führung aus Extremisten besteht, die Terrorismus in verschiedensten Teilen der Welt unterstützen.

SPIEGEL: Als erster Gottesstaat der Neuzeit müssten Sie den Siegeszug der Islamisten in Ihrem Nachbarland doch begrüßen.

Charrasi: Unsere Religion war immer ein von Friede und Freundschaft geprägter Glaube. Die Taliban hingegen sind rückwärts gewandte Extremisten mit einem falschen Verständnis vom Islam. Sie sehen den Kampf gegen Andersgläubige als ihre heilige Pflicht an. Mit ihrer Ideologie bedrohen sie andere Staaten überall in Zentralasien und sind mit ihrem Drogenhandel und ihrer Militanz ein gefährlicher Unruheherd in der gesamten Region.

SPIEGEL: Löst die Bombardierung Afghanistans die Probleme mit Ihrem Nachbarland?

Charrasi: Das Land ist schon so zerstört, da gibt es gar nichts mehr zu bombardieren. Außerdem sind Raketen keine Lösung.

SPIEGEL: Sie haben dem mehrheitlich reformorientierten Parlament jüngst bei Ihrer Vereidigung versprochen, dass Sie sich für eine Öffnung Ihres Landes einsetzen. Wird die neue Krise mit dem Westen den Ultras im Kampf gegen den eher liberalen Staatspräsidenten Mohammed Chatami weiter Auftrieb geben?

Charrasi: Wir sind stolz darauf, dass es in unserer Gesellschaft verschiedene Strömungen und Ansichten gibt. Für uns ist das ein Zeichen von wahrer Demokratie in unserem Land.

SPIEGEL: Die sich allmählich wieder bessernden Beziehungen zwischen Teheran und Berlin sehen Sie durch den drohenden Konflikt um den Terrorismus nicht gefährdet?

Charrasi: Es gibt ein paar kleine Hindernisse ...

SPIEGEL: ... wie die Verhaftung von Reformern in Teheran, nachdem diese in Berlin an einer Iran-kritischen Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung teilgenommen hatten ...

Charrasi: ... aber beide Regierungen haben meiner Meinung nach den festen Willen, diese Probleme zu überwinden. Wir jedenfalls sind entschlossen, unsere guten Beziehungen zu Deutschland weiter auszubauen. INTERVIEW: DIETER BEDNARZ,

MARTIN DOERRY

Kamal Charrasi

gilt im Kabinett des eher liberalen Staatspräsidenten und Regierungschefs Mohammed Chatami als Vertreter jener Konservativen, die sich mehr dem religiösen Führer Ajatollah Ali Chamenei verpflichtet fühlen. Dass Chatami den studierten Pädagogen und Psychologen zum Außenminister bestellte, ist nicht nur ein Tribut an die labile Machtbalance zwischen Reformern und Ultras. Der in vorrevolutionären Zeiten in den USA promovierte Charrasi, 56, der den Gottesstaat als Botschafter bei der Uno in New York vertreten hat, ist ein exzellenter Kenner des Westens, an den Chatami die vorsichtige Annäherung sucht.

* Mit dem früheren Regierungschef Rafsandschani bei derVereidigung Chatamis am 7. August.

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