Zur Ausgabe
Artikel 66 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Spiegel des 20. Jahrhunderts Terroristen und Staatsmänner

PORTRÄTS
aus DER SPIEGEL 7/1999

Wladimir Jabotinski

Der Radikale

»Junge Juden, lernt schießen«, verlangte er schon in den zwanziger Jahren. Nur mit militärischen Taten, davon war der vorausschauende Revolver-Zionist Wladimir Jabotinski überzeugt, könne der jüdische Traum von einem eigenen Land, dem Erez Israel, verwirklicht werden.

Die Pogrome in der bessarabischen Stadt Kischinjow im Jahr 1903 veranlaßten den Atheisten dazu, sich der zionistischen Bewegung anzuschließen. Einen jüdischen Staat in Palästina wollte er mit Hilfe der britischen Mandatsmacht errichten.

Jabotinski rief zunächst die militärische Untergrundorganisation »Haganah« mit ins Leben, 1931 die radikale »Irgun« - deren Kämpfer verbreiteten jedoch bald durch Terroranschläge gegen Araber und die britische Mandatsmacht Angst und Schrecken.

Dem scharfsinnigen europäischen Intellektuellen Jabotinski war die Vorgehensweise der sozialistischen Zionisten unter Chaim Weizmann und David Ben-Gurion viel zu verhalten; er gründete deshalb 1925 die »revisionistische« Bewegung, die einen radikalen Nationalismus propagierte und gegen jede Teilung Palästinas war. Wegen seiner rassistischen Auffassung als »Wladimir Hitler« auch unter Zionisten verfemt, propagierte Jabotinski eine »eiserne Mauer« aus Bajonetten gegen die Araber und forderte ein Groß-Israel mit Gebieten sogar östlich des Jordans.

Dieser Wunschtraum wurde später Programm der Likud-Partei, die heute maßgeblich die israelische Politik bestimmt: zunächst verfolgt von Jabotinskis politischen Jüngern, den späteren Regierungschefs Begin und Schamir, seit 1996 von Premier Benjamin Netanjahu, dessen Vater Privatsekretär Jabotinskis war.

Zu Lebzeiten erfüllten sich die politischen Grundsätze des russischen Juden nicht, er starb 1940 verarmt in New York. Und Israel söhnte sich erst 24 Jahre nach Jabotinskis Tod mit ihm aus, als der Staat die sterblichen Überreste nach Jerusalem überführen ließ.

Jizchak Rabin, Anwar el-Sadat

Die Friedenskrieger

Am Anfang ihrer Karriere standen die beiden Soldaten gegeneinander - in einem Nahostkonflikt, der sich seit 1948 in fünf blutigen Kriegen entlud. Hier Mohammed Anwar el-Sadat, ein ägyptischer Gentleman, geschult an der renommierten Militärakademie Abbassia, dort der Israeli Jizchak Rabin, ein wortkarger, eigenbrötlerischer Soldat nach dem Muster eines Kibbuz-Kommandanten.

Der Ägypter, 1918 geboren, begann eine militärische Blitzkarriere, fiel während des Zweiten Weltkrieges wegen prodeutscher Aktivitäten auf und beteiligte sich 1952 am Putsch der »Freien Offiziere« gegen die Monarchie.

Rabin, 1922 geboren, studierte Landwirtschaft. Statt Bauer wurde er aber Krieger, genauso wie Sadat - erst im Kampf gegen die britische Mandatsmacht, dann gegen die Araber. Rabin war von 1964 bis 1967 Generalstabschef, Sadat wurde nach dem Putsch zum Oberst befördert. Paradoxerweise gab ihnen die Militärkarriere aber auch die Chance für ihre grenzüberschreitende Annäherung. Als Strategen begriffen sie, daß dauerhafte Sicherheit mit Waffengewalt in Nahost schwerlich zu erreichen ist.

In Camp David reichte Sadat 1978 als erster arabischer Staatsmann dem israelischen Premier Menachim Begin vom rechtsnationalen Likud-Block die Hand; das historische Abkommen mit den Israelis machte den Ägypter in der arabischen Welt zum Verräter. Doch der Boykott der Araber gegen den bevölkerungsreichsten arabischen Staat war eine Geste der Hilflosigkeit, da Ägypten darauf verweisen konnte, daß es als einziger Staat ein von Israel besetztes Gebiet, die Sinai-Halbinsel, zurückerhalten hatte. 15 Jahre später schüttelte Rabin im Beisein von US-Präsident Bill Clinton die Rechte des PLO-Chefs Arafat - für israelische Zeloten besiegelte er damit die Preisgabe biblisch verheißenen Landes.

Als Präsident der eine, als Premier der andere wurden sie Idole, die für ihre mutigen Taten den Friedensnobelpreis erhielten. Dabei übersahen beide die mörderische Entschlossenheit ihrer Feinde im eigenen Land, die geschworen hatten, mit Blut und Schwert eine Verständigung zu verhindern: Sadat, in Feldmarschall-Uniform, wurde am 6. Oktober 1981 von muslimischen Fundamentalisten erschossen, Rabin fiel am 4. November 1995 durch die Kugeln eines ultraorthodoxen jüdischen Attentäters.

Jassir Arafat

Der lange Marsch

Keine Persönlichkeit in Nahost wurde in diesem Jahrhundert so unterschätzt wie Jassir Arafat.

Ende der vierziger Jahre war das Land, das die Vereinten Nationen 1947 einem arabischen Staat in Palästina zugesprochen hatten, unter Israel, Jordanien und Ägypten aufgeteilt. Die Hälfte der Palästinenser war vertrieben oder geflohen und fristete ein Leben in elenden Flüchtlingslagern.

Die Führer der arabischen Nachbarstaaten dachten nicht daran, die Flüchtlinge zu integrieren, und spielten ein zynisches Spiel mit der palästinensischen Sache.

Der 29jährige, der sich 1958 gegen dieses Schicksal auflehnte, wirkte nicht wie einer, der sein Volk aus der Wüste in ein gelobtes Land führen könnte. Mohammed Abd el-Rauf Arafat el-Kudwa, von Mitstudenten mit dem Spitznamen »Jassir« (der, dem alles leichtfällt) versehen, ist von kleiner Statur, weder besonders anziehend noch eindrucksvoll. In Kuweit, wo er sich beruflich als Zivilingenieur etablierte, gründete er die Fatah-Bewegung. Es war die Kriegserklärung einer winzigen Gruppe an das mächtige Israel, an alle arabischen Staaten, an die ganze Welt, die Palästina vergessen wollte.

41 Jahre später hat Arafat sein Volk bis an die Schwelle des Gelobten Landes geführt. Die Welt erkennt die Existenz des palästinensischen Volkes an, sogar Israel hat sich damit abgefunden. Eine Quasi-Staatlichkeit besteht schon auf palästinensischem Boden. Arafats Absicht, den Staat Palästina noch vor Ende des Jahrtausends auszurufen, liegt im Bereich des Möglichen.

Auf dem Weg dahin hat Arafat unzählige Kämpfe bestanden, schlimme Rückschläge und innere Revolten überwunden, lange weder Heim noch Familie gehabt, in steter Todesgefahr gelebt, Dutzende von Anschlägen und ein schweres Flugzeugunglück überlebt.

Mindestens zweimal drohte ihm sein Führungsanspruch zu entgleiten: während des »Schwarzen Septembers« 1970, als Jordanien die PLO außer Landes trieb und dabei etwa 20 000 Palästinenser umbrachte, und zwölf Jahre später, als Israel im Libanon einmarschierte und Arafats Abzug aus Beirut erzwang.

Er war Revolutionär, Terrorist, Intrigant, Friedensstifter, Staatsmann. Er mußte seinen Freiheitskampf nicht gegen eine in der Welt verhaßte Kolonialmacht oder ein Apartheid-Regime führen, sondern gegen den jüdischen Staat, der als Folge des Holocaust die Sympathie der westlichen Welt genießt.

Dabei gelang es ihm, riesige Finanzmittel aufzutreiben. Saudi-Arabien und die Golfstaaten sollen allein von 1979 bis 1989 jährlich 300 Millionen Dollar für die PLO-Kasse gespendet haben.

Es war Arafat wie wenigen gegeben, zwei Revolutionen nacheinander durchzuführen. Als Führer des blutigen Freiheitskampfes hat er seinem Volk Stolz und Selbstbewußtsein zurückgegeben und dessen Anspruch auf Selbständigkeit vor der Welt begründet. Aber seit Ende 1973 hat er mit unglaublicher Geduld einen Kompromiß mit Israel schrittweise vorbereitet. Die dritte Machtprobe - Präsident der ersten Demokratie in der arabischen Welt zu werden - steht ihm noch bevor. URI AVNERY

Uri Avnery
Zur Ausgabe
Artikel 66 / 135
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.