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SOWJET-UNION Test mit Pest

Bakterienexperimente in Swerdlowsk, Meldungen über den Einsatz chemischer Kampfstoffe in Afghanistan - die Sowjet-Armee, so vermuten westliche Experten, übt bereits den chemischen und bakteriologischen Krieg.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Der Tod war unsichtbar: Er kroch durch die Fenster einer Kaserne in Swerdlowsk, flutete durch die Lüftungsanlage einer nahe gelegenen Zementfabrik und drang dann als Bakterienwolke bis in die Innenstadt der sowjetischen Industriemetropole im Ural.

Alle Betroffenen zeigten nach kurzer Zeit dieselben Symptome: Fieber, schwere Atemnot, Erstickungsanfälle, zum Tode führende Lungenlähmung.

So oder ähnlich soll Anfang vergangenen Jahres eine heimtückische Seuche in der für Westler verbotenen Uralmetropole verlaufen sein. Sie habe mindestens 300, möglicherweise aber bis zu 1000 Sowjetbürger das Leben gekostet, meldeten Emigranten. Sie steigerten damit Sorgen im Westen über die biologischen und chemischen Rüstungen, die B- und C-Waffen, der Sowjet-Union.

Seit Monaten nämlich beunruhigen Meldungen über den Einsatz chemischer Kampfstoffe in Laos und Kambodscha die westlichen Nachrichtendienste, berichten Flüchtlinge aus Afghanistan immer häufiger, die sowjetischen Interventionstruppen setzten sogar Nervengas gegen die Bevölkerung Afghanistans ein.

Bisher wurden diese Meldungen nicht bestätigt. Doch der Westen reagiert auf die B-und-C-Botschaften nervöser als bisher.

So genügten schon die unsicheren Signale aus Swerdlowsk, um die von Russenfurcht befallene Carter-Administration vollends zu verunsichern: Die Meldungen, so das State Department vorletzte Woche, seien »beunruhigende Hinweise« darauf, daß die Sowjets möglicherweise den 1972 abgeschlossenen Vertrag zum Verbot der Herstellung und Lagerung von bakteriologischen Waffen vorsätzlich gebrochen hätten.

Westliche Militärexperten wollten sogleich herausgefunden haben, daß es sich bei der Seuche eindeutig um den durch B-Kampfstoff verursachten Milzbrand gehandelt habe -- eine Krankheit, die meist tödlich endet.

Mit einem Male fügte sich scheinbar eines ins andere. Der amerikanische Geheimdienst CIA hatte nämlich bereits Anfang April vergangenen Jahres Meldungen der in Swerdlowsk erscheinenden Zeitung »Wetscherny Swerdlowsk« ausgewertet, in denen die Bevölkerung mehrmals vor dem Verzehr von Fleisch und Milchprodukten gewarnt worden war. Die Begründung des Blattes: Es bestehe die Gefahr einer Infektion, mit der Folge eines »sibirischen Fiebers«.

Das aber ist nichts anderes als die russische Umschreibung für eine Milzbrand-Infektion -- verursacht durch den Bacillus Anthracis, einen der gefährlichsten Krankheitserreger im Arsenal der biologischen Kriegführung.

Da im Westen ferner bekannt ist, daß sich im Swerdlowsker Vorort Kaschin eines der streng geheimen Forschungs-Institute der Sowjetarmee für B- und C-Waffen befindet, schien es sicher, daß die Bürger der Uralstadt die Opfer eines Kampfstoffunfalls geworden waren. S.169

Zwar dementierten die Sowjets sofort: Die Krankheit, so ließ der Kreml die USA offiziell wissen, sei auf »normale, gewöhnliche und natürliche Art« entstanden, nämlich durch milzbrandverseuchte Rinder.

Die westlichen Vermutungen stufte Moskau als »schamlose Verleumdung ein«, die nur dazu diene, »Öl ins Feuer der gegenwärtigen antisowjetischen Hysterie zu gießen«.

Tatsächlich aber wurden die westlichen Presseberichte durch ärztliche Gutachten gestützt. Danach führt Milzbrand, verursacht durch eine Nahrungsmittelinfektion, selten zum Tod. Solch eine Krankheit ist außerdem durch Antibiotika heilbar.

Allein der Lungenmilzbrand gilt als absolut tödlich. Dieses Leiden aber kann nur durch die Inhalation von Milzbrandsporen übertragen werden -ein eindeutiges Indiz dafür, daß es sich auch in Swerdlowsk um den Anthracis-Kampfstoff gehandelt haben muß.

Einschlägige Kampfstoff-Experimente unternimmt die Sowjet-Union seit über einem halben Jahrhundert: 1927 errichtete die Rote Armee insgeheim in Schichany bei Saratow einen Übungsplatz für chemische Waffen, und zwar gemeinsam mit der deutschen Reichswehr. Carl von Ossietzkys »Weltbühne« enthüllte damals diese Art deutsch-sowjetischer Zusammenarbeit.

Unter Stalin gab es militärische Versuche mit Senfgas und sogar mit der Pest. In einem echten B-Waffen-Angriff besprühten Flugzeuge in Käfige eingesperrte Tiere mit hochvirulenten Pest-Erregern.

1945 erbeuteten Rotarmisten in der Nähe von Breslau das deutsche Nervengas Tabun und verfrachteten 50 000 Tonnen davon mit der gesamten Produktionsanlage in die Sowjet-Heimat. Diese Fabrik bildete den Kern der sowjetischen C-Waffen-Produktion, die nach westlichen Schätzungen nun jedes Jahr bis zu 30 000 Tonnen Giftgas liefert.

Heute ist die UdSSR die am besten für einen B-und-C-Waffen-Krieg ausgestattete Militärmacht der Welt. General John Pauly, Oberbefehlshaber der US-Luftstreitkräfte in Europa: »Die Sowjets besitzen auf diesem Gebiet eine beachtenswerte Kapazität, sowohl offensiv als auch defensiv. Und: Sie sind auch darauf vorbereitet, diese Waffen einzusetzen.«

Auf ihren riesigen Übungsplätzen, die von der Öffentlichkeit hermetisch abgeriegelt sind, suchen Sowjet-Militärs nach Erkenntnissen westlicher Experten, wie man mit Hilfe chemischer Kampfstoffe einen Krieg offensiv führen kann.

Daß sie dabei auch vor radikalen Maßnahmen nicht zurückschrecken, beweisen Manöverberichte: Um realistische Einsatzbedingungen zu simulieren, werden sowjetische Angriffsübungen häufig in chemisch leicht verseuchtem Gebiet durchgeführt. Die Soldaten, so das sowjetische Ausbildungsziel, sollen dadurch auch die Zuverlässigkeit ihrer Schutzbekleidung kennenlernen.

Nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste kommt es bei diesen Übungen immer wieder zu folgenschweren Unfällen. Die Kampfgase verätzen die Atemorgane von Soldaten und dringen durch die undichte Schutzbekleidung auf die Haut -- oft mit tödlichem Ausgang.

Ein weiteres Indiz für die Bedeutung der chemischen Kriegführung in der Doktrin der Sowjet-Armee ist die Stärke der Chemischen Truppen: Fast 100 000 Mann (in den USA nur etwa 2600) sind speziell für den B-und-C-Krieg ausgebildet. Sie sollen die offensiven Operationen der eigenen Truppen unterstützen, das Gelände und die Waffen entseuchen sowie gegnerische C-Angriffe aufspüren.

Verstärkt wird auch die Produktion offensiver C-Waffen. Nach Schätzungen westlicher Experten lagern in den Arsenalen der Sowjet-Armee bis zu 700 000 Tonnen chemischer Kampfstoffe.

Dabei handelt es sich vor allem um Tabun, Sarin, Soman und das Nervengas VX, allesamt Anticholinestarasen, die durch die Haut dringen, das Zentralnervensystem lahmlegen und innerhalb weniger Minuten zum Tod führen; Blutgase, wie das zum Herzversagen führende Wasserstoffzyanid, Kampfstoffe wie das im Ersten Weltkrieg eingesetzte Senfgas, das die Atemwege zerfrißt, und Erstickungsgase wie Phosgen, welche die Lunge zerstören. In den von Sowjet-Militärs geleiteten Forschungsinstituten und Kampfstoffabriken wird bereits an S.171 noch stärkeren Vernichtungswaffen gearbeitet. So soll

* die Tödlichkeit bereits bekannter Kampfstoffe erhöht,

* eine Verkürzung der Inkubationszeit erreicht,

* ein Kampfstoff entwickelt werden, der sogar Schutzbekleidungen durchdringen kann.

Rund 25 Prozent der konventionellen Artillerie-Munition und etwa 45 Prozent der Raketengefechtsköpfe sind nach Schätzungen westlicher Militärs mit chemischen Kampfstoffen gefüllt.

Eine einzige Rakete vom Typ Scud-B mit einer Reichweite von 280 Kilometern kann etwa 800 Kilogramm Tabun oder VX ins Ziel bringen. Das genügt, um in einem Umkreis von eineinhalb Kilometern jeden dritten Menschen sofort zu töten und den Rest zumindest kampfunfähig zu machen.

Wozu der Einsatz dieser Massenvernichtungsmittel dienen soll, verraten die sowjetischen Vorschriften. Zur chemischen Kriegführung heißt es darin: » Chemische Waffen werden angewendet, um dem Gegner » » Massenverluste an Menschen beizubringen. Sie werden » » überraschend und massiert eingesetzt. Chemische Waffen können » » auf Befehl des Divisionskommandeurs eingesetzt werden. »

Will heißen: Anders als bei den Atomwaffen müssen die C-Waffen nicht erst durch die politische Führung freigegeben werden. Das aber, so meinen westliche Verteidigungsexperten, könne bedeuten, daß in einem Krieg in Mitteleuropa diese Waffen mit Sicherheit eingesetzt würden.

In geheimen Militäranalysen der Nato in Brüssel kursiert deshalb schon seit geraumer Zeit die Vorstellung, daß die Sowjet-Union den westlichen Panzerabwehrriegel im Ernstfall »chemisch« aufbrechen könnte. »Eine Mischung chemischer und konventioneller Angriffe in Europa«, so der britische Sowjetspezialist John Erickson, »könnte der Sowjetarmee einen beträchtlichen taktischen Vorteil verschaffen.«

Daß deshalb auch die Nato mit C-Waffen ausgerüstet werden müsse, fordern nach dem Swerdlowsk-Zwischenfall zahlreiche westliche Militärs. Nato-Oberbefehlshaber Bernard Rogers: »Die Russen müssen wissen, daß auch wir die Fähigkeit haben, mit chemischen Waffen zurückzuschlagen.«

Für die Seuche von Swerdlowsk aber stellte die Moskauer »Literaturnaja gaseta« scheunigst eine neue Diagnose: Nicht Milzbrand, der so leicht auf einen Kampfstoff schließen läßt, sei dort epidemisch aufgetreten, sondern schlicht Maul- und Klauenseuche.

Die jüngste Moskauer Deutung klingt noch unwahrscheinlicher. Ganz selten nur greifen die Erreger der Maul- und Klauenseuche auf den Menschen über, und niemals -- so die medizinische Fachliteratur -- wirken sie auf ihn tödlich.

S.171

Chemische Waffen werden angewendet, um dem Gegner Massenverluste an

Menschen beizubringen. Sie werden überraschend und massiert

eingesetzt. Chemische Waffen können auf Befehl des

Divisionskommandeurs eingesetzt werden.

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