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AFFÄREN Teuerste Kühlerfigur

Wegen unversteuerter Einnahmen als PR-Berater der Autoindustrie droht Kohls Ex-Sprecher Boenisch ein Strafbefehl in Millionenhöhe. *
aus DER SPIEGEL 26/1985

Es war zu jener Zeit, als der Kolumnist Peter Boenisch in »Bild« und »Bild am Sonntag« ("BamS") noch den sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt bekämpfte und dessen politische Berater heruntermachte, »die ihren Haß gegen Industrie und Großkapital schon mit der kommunistischen Muttermilch gierig schlürften« (Boenisch).

Gegen die »schlechte Laune der Radikalen«, die sich wie »eine Dunstglocke« über die Industrienation lege, verteidigte der spätere Regierungssprecher damals besonders vehement die deutsche Autoindustrie.

Boenisch Anfang 1974, während der Ölkrise, über zeitweilige Geschwindigkeitsbegrenzungen: »Dieses gutwillige, fleißige Volk hat diese sozialistische Vollbremsung nicht verdient. Genossen mit Scheibenbremsen in den Socken.«

Und in einer weiteren »BamS«-Kolumne zum selben Thema: »Statt eines anerkennenden Händedrucks für soviel Bürgerdisziplin zeigten uns die Giftzwerge der Bewirtschaftung ihre Faust.«

Boenisch über kommunale Förderpläne für öffentliche Verkehrsmittel: »Die Qualität des Lebens rollt auf vier Rädern ... Autofahrer, wehrt euch. Wir helfen euch.«

Boenisch über Pläne des damaligen Städtebauministers Hans-Jochen Vogel, eine Verschrottungsgebühr für Autos einzuführen: »Autofahrer, wehrt euch gegen diese Vögel.«

Boenisch über Kritik am mangelnden Sicherheitsdenken der Autobauer: »Hält das Ausland unsere Autos für besonders zuverlässig, halten wir sie für beschissen. Gestern 'Siegheil' und heute 'alles Scheiße'.«

Den möglichen Hintergrund der Pro-Auto-Kampagne in Axel Springers Sonntagsblatt erhellt jetzt der Staatsanwalt. »Weit über eine Million Mark«, meldete das einstige Boenisch-Forum »Bild am Sonntag«, habe der Autoproduzent Daimler-Benz damals, von 1972 bis kurz vor Boenischs Bestallung zum Bonner Regierungssprecher gut zehn Jahre später, an zwei von Boenisch mitgegründete Schweizer Firmen gezahlt.

Der Vorwurf, daß er die Nebeneinkünfte dem Finanzamt verschwiegen habe, veranlaßte den Staatssekretär vorletzte Woche zum Rücktritt. Nachfolger wurde ZDF-Wirtschaftsredakteur Friedhelm Ost, der sich ebenso wie sein Vorgänger auf Public Relations für bedrängte Klienten versteht (siehe Kasten Seite 21).

Die eine der beiden Schweizer Boenisch-Firmen, die 1971 gegründete »Interrelation« in Genf, ist schon vor längerer Zeit erloschen. Die andere, »Autorelation« in Fribourg, existierte bis 1982 unter der Adresse eines Treuhandbüros, der »Gestion Financiere Schibler«. Eingetragener Firmenzweck: »Kaufen, Verkaufen und Verfügbarmachen von Werbung für verschiedene Marken«.

Nichts im Handelsregister wies auf die Gründungsgesellschafter hin: Boenisch und den 1977 verstorbenen ZDF-Autotester Rainer Günzler, dem ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel in der Grabrede »absolute Unabhängigkeit« nachsagte. Nichts Nennenswertes ist aber auch von einschlägigen Aktivitäten Boenischs bekannt, das über seine Reklame-Kolumnen für das Auto als ein »Stück unserer Freiheit« hinausgeht.

Ursprünglich, sagt er selbst, habe die PR-Tätigkeit dazu dienen sollen, Daimler-Benz damalige Sorgen um das »sportliche Image« von Mercedes zu nehmen. Doch guter Rat, etwa, den C 111 zu bauen oder neue Konzepte für Autoausstellungen zu erarbeiten, fiel mehr in Günzlers Fach. Er selbst habe sich seit der Berufung aus der »Bild«-Chefredaktion in die Springer-Holding, wo er einen Posten als Geschäftsführer bekam, um die Tätigkeit in dem PR-Geschäft nicht mehr gekümmert - und das hieße seit

Februar 1971, so ziemlich von Anfang an.

Mag sein, daß Boenisch deshalb so blitzschnell die Konsequenzen in Bonn zog, weil es nicht nur um den Verdacht nichtgezahlter Steuern für die Mercedes-Honorare geht.

Die Frage steht, ob sich der Springer-Kolumnist für seine Autokampagnen ("Bonn wird zur teuersten Kühlerfigur Europas") hat kaufen lassen, in die er den Springer-Verlag direkt einbezog: »Was können wir außer Protesten, Demonstrationen und Hupkonzerten in Bonn zur Verteidigung des Automobils tun? Bitte schreiben Sie an 'Bild am Sonntag', Hamburg 36, Postfach 566« - so Boenisch im März 1973.

Im Hause Springer kursierten, wie Axel Springers Generalbevollmächtigter Ernst J. Cramer sich erinnert, über Boenischs Beratertätigkeit »damals Gerüchte«, zu denen Boenisch auf Nachfrage erklärt habe, das sei »alles Quatsch«. »Wenn jemand in einer solchen Position ist«, so Cramer, »gibt man sich damit zufrieden und stellt nicht noch Nachforschungen an. Keinesfalls gab es eine Zustimmung des Hauses« - während Boenisch heute über Axel Springer sagt: »Dem war das egal.«

Cramer zum SPIEGEL: »Hätten wir davon gewußt, hätten wir Peter vor die Alternative stellen müssen, mach in 24 Stunden Schluß damit, oder du mußt gehen.« Boenisch machte zwar, so seine Version, Schluß mit den »aktiven Geschäften in dieser Firma«, nicht aber mit dem Beraterhonorar. Damit war der Interessenkonflikt nicht aus der Welt geschafft, sondern wurde später auch noch in die »Welt« verlagert, als Boenisch dort 1978 Vorsitzender der Chefredaktion wurde.

»Die Vorstellung, daß ein Autoredakteur Anweisungen von einem Chefredakteur erhält, der zugleich von der Autoindustrie Beraterhonorar bekommt«, sagt Springer-Mann Cramer, »ist unerträglich.«

»Welt«-Redakteuren blieb Boenischs guter Draht zu Daimler-Benz nicht verborgen. Sie erinnern sich noch diverser Mercedes-Karossen vor dem Haus, die der Chef fahren durfte, etwa eines metallicsilbernen 500 oder eines gold-metallicfarbenen 500 SEL Coupe mit Innenausstattung in Leder. Gelegentlich ging dem Liebhaber die Übersicht verloren, an welchem Flughafen der private oder von Daimler-Benz bereitgestellte Mercedes geparkt war.

Selbst ein Gag der Springer-Blätter aus Boenischs Zeit als Regierungssprecher ist nun ins Zwielicht gerückt.

Für »Bild« testete der langjährige »Bild«-Chefredakteur Boenisch im letzten Dezember seinen eigenen Mercedes 190 E - 2.3 - 16, lobte ihn rundum und nannte den Preis von 60000 Mark sowie den »blödsinnig langen Namen« das »einzige, was stört«. Für »Bild am Sonntag« fuhr er im Januar strahlend »den neuen Mercedes« 230 E und rühmte: »Ein Auto für den Menschen am Steuer.«

Boenischs besonderes Augenmerk hatte bis zu seinem Ausscheiden als »Bild«-Chef Anfang 1971 mancherlei gegolten, Rennpferden, Golfpartien und der Herrenmode, aber nicht der Autoindustrie. Das war die Spezialität des einstigen Rennfahrers, Sportredakteurs und späteren Industriemanagers Rainer Günzler, der als Vertrauter der Industriellenwitwe Inge Quandt sogar für einen Aufsichtsratsvorsitz bei Daimler-Benz im Gespräch war, bevor der Quandt-Anteil Ende 1974 an das arabische Scheichtum Kuweit verkauft wurde.

Daimler-Benz habe, so »BamS«, den Freunden und Partnern Boenisch und Günzler 1972 zuerst 250000 Mark und danach monatlich 25000 Mark gezahlt. Nach Günzlers Krebstod im Jahre 1977 sei der Betrag halbiert worden; letzter Zahlungstermin: Januar 1982. Ein knappes Jahr zuvor, im April 1981, war Boenisch im Streit bei Springers »Welt« ausgeschieden. Ein gutes Jahr danach, im Mai 1983, wurde er Kohls Pressechef.

Die Schweizer Unternehmen, verbreitete die Deutsche Presse-Agentur, hätten »die Autofeindlichkeit in systemkritischen linken Teilen der Öffentlichkeit abbauen« sollen. Tatsächlich aber leistete Boenisch Arbeit ganz anderer Art. »Der umstrittenste Journalist der Bundesrepublik«, wie die »Zeit« ihn damals nannte, diffamierte verkehrspolitische Ansätze zum Benzinsparen, zum Umweltschutz und zur Förderung der Bundesbahn als Politik der »Führer ohne Führerschein« - vom »Problem Brandt« bis zu »Gustav, dem Automuffel« (gemeint: Bundespräsident Heinemann).

Nur zufällig, bei Ermittlungen in der Flick-Affäre, fiel die Querverbindung zwischen Mercedes und dem Autoförderer Boenisch auf. Am 13. Mai erwirkte die Berliner Staatsanwaltschaft einen Durchsuchungsbefehl, zwei Tage später war die Kripo in der Werbeabteilung von Daimler-Benz und in der Privatwohnung des früheren Vorstandschefs Joachim Zahn.

Ein Hubschraubereinsatz für die herbeieilenden Daimler-Anwälte - James Bond läßt grüßen - kam zu spät. Die Boenisch-Unterlagen waren schon gefunden.

Die Staatsanwälte addierten eine Steuerforderung von 500000 Mark. Zahlt Boenisch, dürfte als nächstes ein Antrag auf Strafbefehl hinausgehen - veranschlagte Höhe: 1,08 Millionen Mark.

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